Natanz, eine öde Stadt mit 40 000 Einwohnern, drei Autostunden südlich von Teheran, hat als aufregendste Attraktion neben den Predigten in der Freitagsmoschee bloss einen Basar zu bieten – und auch das lediglich ein Mal pro Woche. Doch so dröge der Flecken Natanz auch wirken mag: Wegen seiner Atomanlage steht er im Zentrum eines der brisantesten internationalen Konflikte. Iranische Revolutionsgarden schützen die umstrittene Nuklearfabrik mit russischer Fliegerabwehr. Und die sensiblen Teile des Werkes sind, sicher ist sicher, unterirdisch angelegt.
Die Nuklearanlage ist ein Projekt von höchster nationaler Priorität. In naher Zukunft will Teheran einen Teil des Strombedarfs mit Atomkraftwerken decken und reichert deshalb Uran an. Das diene freilich nicht nur zivilen Zwecken: Mit der Urananreicherung verfolge die Islamische Republik vor allem militärische Absichten, waren bis letzte Woche die meisten westlichen Geheimdienste überzeugt. Sie debattierten bloss über die Frage, wann die iranische A-Bombe einsatzbereit sein werde. Vor wenigen Wochen noch drohte US-Präsident George W. Bush, gestützt auf die Analysen seiner Meisterspione, mit einem dritten Weltkrieg, sollten die Mullahs mit der A-Bombe Ernst machen. In Israel wurde diskutiert, ob man sich bei einem Angriff auf die Nuklearanlagen auf amerikanische Unterstützung verlassen könne oder ob man im Alleingang gegen die iranischen Ziele vorgehen müsse. Und der französische Aussenminister Bernard Kouchner warnte, die iranische Bombe sei eine Gefahr für die ganze Welt.
Nun hat aber ein Report der amerikanischen Geheimdienste die Phalanx der Meisterspione und politischen Hardliner durchbrochen. Der Iran habe vor vier Jahren sein Atomwaffenprogramm eingestellt, heisst es in der neuen «Nationalen Geheimdiensteinschätzung», an der sechzehn Spionage-Agenturen der USA gearbeitet haben. «Mit grosser Überzeugung urteilen wir, dass Teheran im Herbst 2003 sein Programm zur Produktion von Nuklearwaffen gestoppt hat» – so lautet der erste Satz in der Zusammenfassung des aktuellen «National Intelligence Estimate» (NIE). Er widerspricht damit den bisherigen Erkenntnissen und Überzeugungen fundamental, wonach der Iran mit Verve nuklear aufrüste.Die Konklusion des NIE-Berichts beschäftigt seit seiner Publikation Politiker, Publizisten und Meisterspione. Doch wie glaubwürdig ist der Bericht?
Ein Augenschein in Natanz hätte den Autoren gezeigt, dass ihre Schlussfolgerung auf wackligen Füssen steht. Denn in den vergangenen zwölf Monaten – also in einer Zeit, als der Iran laut dem jüngsten NIE-Bericht keine nukleare Aufrüstung verfolgte – wurden in der unterirdischen Anlage von Natanz dreitausend Gaszentrifugen installiert. Damit, so schätzen Experten, seien bereits rund hundert Kilogramm Uran auf vier Prozent angereichert worden – genug, um ein Atomkraftwerk zu betreiben. Jeden Monat, so nehmen die Experten weiter an, kommen weitere fünfzig Kilo angereichertes Uran hinzu.
Dies ist nicht nur ein erster, sondern zugleich auch ein grosser Schritt in Richtung A-Bombe. Die Trennlinie zwischen militärischer und ziviler Anwendung ist nämlich sehr dünn. Länder mit einem fortgeschrittenen zivilen Nuklearprogramm haben immer wieder die Grenze zur militärischen Applikation überschreiten können – zum Beispiel China, Indien, Pakistan, Südafrika oder Israel. Sie hatten die Entwicklung ihrer A-Bombe hinter einem zivilen Energieprogramm versteckt.
Das könnte im Iran wieder passieren. In ein paar Monaten lasse sich die vorhandene Menge zu waffenfähigem Uran umwandeln, dem wesentlichen Bestandteil für die Nuklearbombe, sagt Norman Dombey, emeritierter Professor für theoretische Physik an der Universität Sussex. Seine Schätzung: Der Iran sei lediglich achtzehn Monate von der A-Bombe entfernt. Und den schwierigsten Teil hätten die Iraner bereits hinter sich.
Die Produktion einer A-Bombe setzt die Urananreicherung auf achtzig bis neunzig Prozent voraus. Dabei sind die ersten vier bis fünf Prozent der komplexeste Part. Der Rest ist vergleichsweise einfach. Es braucht dann nur genügend Uran und den Willen, es von vier auf neunzig Prozent anzureichern. Beides ist vorhanden. Den Willen bekundet die iranische Führung, wenn sie sagt, sie wolle Israel von der Landkarte wegradieren. Auch die Technik ist bereit: In den Zentrifugen von Natanz wird Uran bereits angereichert. Und sollten die iranischen Techniker dabei auf Probleme stossen, meint der israelische Atomexperte Ephraim Asculai, werden sie sie überwinden können: «Die Iraner sind keine schlechten Ingenieure.»
Keine professionellen Spione
Der jüngste Geheimdienstbericht sei keine taugliche Entscheidungsgrundlage, da der Blickwinkel des NIE zu eng sei, kritisiert Aculai, der als ehemaliges Mitglied der israelischen Atomkommission weiss: «Auf dem Atomgebiet gibt es keine smoking guns», also keine einfachen, eindeutigen Beweise. Den ultimativen Beleg, dass ein Land nukleare Waffen anstrebe, könne nur ein Atomtest liefern – aber dann sei es bereits zu spät, um die Bombe zu verhindern. Im Iran liessen sich indes eine Reihe von Indikationen, Entwicklungen und Prozessen nachweisen, die man nur auf eine Weise interpretieren könne: dass Teheran an einer Atombombe bastle. Weshalb, so Asculai, würden sie sonst so viel Geld in atomwaffenfähige Raketen investieren? Und weshalb braucht ein Land, das auf riesigen Erdöl- und Gaslagern sitzt, Atomenergie? Auf diese zentralen Fragen geht der NIE-Bericht nicht ein.
John R. Bolton, ehemaliger US-Botschafter bei der Uno, wirft den Autoren des NIE-Berichts vor, eine politische Agenda zu verfolgen. «Sie kommen aus dem State Department», sagt er im Gespräch mit der Weltwoche, «und ihre politische Voreingenommenheit (policy bias) beeinflusst ihre Geheimdienstarbeit.» Sie seien keine professionellen Spione. Der Bericht führe in die Irre. «Entweder begriffen das die Autoren nicht, oder sie täuschten bewusst – und beides ist bedenklich», sagt Bolton. Wenn sie zum Beispiel mit «ziemlicher Zuverlässigkeit (moderate confidence)» festhalten, dass der Iran das gestoppte Programm nicht wieder aufgenommen habe, bedeute das so viel wie: «Wir wissen es wirklich nicht», sagt Bolton.
Der Vorwurf kommt nicht von ungefähr. Die amerikanischen Geheimdienste haben in diesem Jahrzehnt bereits einmal versagt: als sie den «Beweis» lieferten, dass Saddam Hussein Atombomben im Arsenal habe.
Sie wollen sich nicht noch einmal vorwerfen lassen, dass aufgrund ihrer falschen Informationen (wie im Irak) ein Militärschlag entschieden wird – dieses Mal gegen den Iran. Ihre Vorsicht könnte dazu führen, dass sie die Fortschritte der Ajatollahs auf dem Weg zur A-Bombe unterschätzen, meinte bereits vor einem Jahr Graham Allison, ein Spezialist für Massenvernichtungswaffen, der früher im US-Verteidigungsministerium einen Think-Tank geleitet hatte.
Die Schwächen des Berichts reflektieren die Unfähigkeit amerikanischer Geheimdienstorganisationen, meint der Beststellerautor und Spezialist für Massenvernichtungswaffen Kenneth Timmerman. Die Geheimdienste verfügen über wenig erfahrene Spione. Dreissig bis vierzig Prozent der Agenten seien noch keine dreissig Jahre alt und hätten weniger als vier Jahre Job-Erfahrung. Die amerikanischen Nachrichtendienste verlassen sich zu stark auf Spionagesatelliten oder das Abhören von Telefonaten. Im Iran sei die Lage besonders prekär. Dort hätten die USA überhaupt keine Spione. «Sie wissen deshalb nicht, was man in den Machtzentren Teherans denkt», sagt Timmerman. Die USA seien auf Agenten ausländischer Geheimdienste angewiesen, deren Verlässlichkeit sie aber nicht überprüfen könnten. Die meisten Informationen würden von sogenannten walk-ins stammen oder von Dissidenten, die ihre politische Agenda verfolgen.
Eine von US-Präsident George W. Bush eingesetzte Kommission (Commission on the Intelligence Capabilities of the United States Regarding Weapons of Mass Destruction) war vor zwei Jahren nach zwölf Monaten Studium der amerikanischen Meisterspione zu einem ähnlich ernüchternden Schluss gekommen: «Die Geheimdienste wissen beunruhigend wenig über die Nuklearprogramme, die bei den gefährlichsten Akteuren der Welt unterwegs sind.»
Kann man dem NIE also glauben, wonach Teheran im Herbst 2003 sein Programm zur Produktion von Nuklearwaffen gestoppt hat? Der ehemalige Beauftragte für Waffenkontrolle und internationale Sicherheit Robert G. Joseph winkt entschieden ab. Von nuklearer Abrüstung könne im Iran keine Rede sein, meint der Mann, der Libyen zur Aufgabe des zuvor nicht deklarierten Atomwaffenprogramms gebracht hat. «Was ich in Libyen sah, sehe ich nicht im Iran», sagt er. Er erinnert sich, wie amerikanische Experten in Libyen betriebsbereite Zentrifugen abholten und sie nach Oak Ridge in Tennessee brachten: «Das nenne ich nukleare Abrüstung», sagt er, «denn das libysche Atomprogramm ist jetzt in Tennessee.» Aus dem Iran sei ihm aber nichts Vergleichbares bekannt.
Der ehemalige Mossad-Chef Efraim Halevy gehört allerdings zu den wenigen Meisterspionen, die den umstrittenen NIE-Bericht ernst nehmen, sehr ernst sogar. Man müsse ihn nur bis zum Ende lesen. Die wichtigste Schlussfolgerung sei nämlich im letzten Satz des Berichts enthalten: «With high confidence» (mit hoher Gewissheit) habe der Iran «die wissenschaftliche, technische und industrielle Kapazität, gegebenenfalls nukleare Waffen zu produzieren, falls er entscheidet, dies zu tun». Das sei, so Halevy, alles andere als ein Grund zur Entwarnung.
12.12.2007, Ausgabe 50/07
Iran
Sie basteln weiter an der Bombe
Ein neuer Report der amerikanischen Geheimdienste behauptet überraschend, dass der Iran vor vier Jahren sein Atombombenprogramm eingestellt habe. Die Zuverlässigkeit dieser Aussage wird jedoch von namhaften Nuklearexperten angezweifelt.

Kommentare