«Ich bin neugierig», sagte der Moderator, «gibt es jemanden hier auf der Bühne, der nicht an die Evolution glaubt?» Nur eine Hand ging hoch. Unter den zehn republikanischen Präsidentschaftsanwärtern, die letzten Mai an der kalifornischen Fernsehdebatte teilnahmen, bezweifelte der Baptistenprediger und Ex-Gouverneur von Arkansas Mike Huckabee als einziger Darwin. Ein bigotter, fundamentalistischer ehemaliger Fernsehevangelist als Präsident im Weissen Haus? Unmöglich, dachten die klugen Kommentatoren. Überdies hatte der unbekannte Aussenseiter kein Geld in der Wahlkampfkasse. Noch im Oktober dümpelte der Prediger in den Meinungsumfragen mit weniger als fünf Prozent in der Schwanzgruppe des republikanischen Feldes. Man konnte ihn getrost von der Liste der Papabili streichen.
Innert Wochen hat nun Huckabee im Staate Iowa, wo am 3. Januar die erste Delegiertenwahl stattfindet, alle überholt und liegt jetzt bei den Republikanern klar an der Spitze. Noch schockierender – für Rivalen wie Medien – sind die neusten Umfragen, gemäss denen er mit Spitzenreiter Rudy Giuliani gleichgezogen hat. Ein Shootingstar. Ob auf den Aufstieg auch der Fall folgen wird – 2004 Schicksal des Demokraten Howard Dean –, weiss niemand. Huckabees Schonzeit ist vorbei. Gegner und Journalisten nehmen ihn jetzt unter die Lupe. Wie immer das Abenteuer ausgeht, bemerkenswert ist Huckabees Flugbahn allemal.
Die bisherige Kampagne hat gezeigt, dass keiner der republikanischen Spitzenreiter beim Fussvolk wirklich ankommt. Gegen Giuliani, Ex-Bürgermeister von New York, sprechen sein Privatleben (zwei Scheidungen) und seine progressiven Ansichten in für konservative Republikaner wichtigen Fragen wie der Abtreibung. Der Multimillionär Mitt Romney wirkt zu glatt und opportunistisch. Der Schauspieler Fred Thompson führte einen derart blassen Wahlkampf, dass er ebenso wie John McCain rettungslos zurückfiel.
Allein die Schwächen der Gegner können die wachsende Popularität Mike Huckabees nicht erklären. Er punktet in Kreisen, die weder christlich-fundamentalistisch noch ultrakonservativ sind. Der Mann ist nämlich kein sturer Ideologe, sondern ein durchaus pragmatischer, nach konkreten Lösungen suchender Politiker. Als Mensch wirkt er warm, natürlich, unaggressiv. An Willen fehlt es ihm nicht: Als einstiger «foodaholic» schwer übergewichtig, speckte er in Kürze fünfzig Kilo ab und läuft heute Marathon. Der 52-jährige Gitarrenspieler hat Sinn für Humor und Mutterwitz. Die Fragen nach seinem Bibelverständnis – «Hat Gott Himmel und Erde wirklich in sieben Tagen geschaffen?» – beantwortet er schlagfertig: «Wie soll ich es wissen – ich war nicht dabei.»
Viele Amerikaner haben das Parteiengezänk, das die Arbeit im Kongress lähmt, satt. Wenn Huckabee verspricht, Brücken zu schlagen, glaubt man ihm. Da er null aussenpolitische Erfahrung hat, konzentriert er sich auf Gebiete, wo den Bürger der Schuh drückt – Bildung, Gesundheitswesen, Verlust von Arbeitsplätzen. Seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen in einem rückständigen Südstaat erklärt seinen wirtschaftspolitischen Populismus (der den «Wall-Street-Republikanern» suspekt ist) wie auch seine Sympathien für die vom Schicksal wenig Begünstigten. Er hört zu, nimmt die Sorgen der Wähler ernst. Sein ruhiger Optimismus kommt an. Huckabees Geburtsstadt, ein Nest von 10000 Einwohnern, trägt einen hoffnungsvollen Namen. Zufällig kam auch ein gewisser Bill Clinton im gleichen Hope in Arkansas zur Welt.
12.12.2007, Ausgabe 50/07
USA
Huckabees Höhenflug
Baptistenprediger Mike Huckabee ist der populärste der republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Seine überrumpelten Rivalen sind schockiert.

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