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12.12.2007, Ausgabe 50/07

Gewalt

Die Waffen der Mädchen

Ruchlose, gewalttätige junge Männer nutzen naive oder harmlose junge Mädchen aus. Die in den Medien verbreitete Vorstellung ist einseitig bis falsch. Mädchen leben ihre Aggressionen und sexuellen Wünsche einfach anders aus. Subtiler, raffinierter, perfider als die plumpen Buben.

Von Allan Guggenbühl

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«Heute Abend gehen wir Mädchen verdreschen!», raunt die 14-Jährige ihrer Kollegin zu. Diese mimt Zustimmung, während sie an ihren Haaren zupft. Die beiden haben ein gemeinsames Interesse entdeckt: am Freitag- oder Samstagabend ein Tram besteigen, eine «doofe Tusse» aufsuchen und sie dann in einem kurzen Einsatz tüchtig verdreschen. Tussi-Hühner und Landeier hätten dies verdient, ist ihre Überzeugung.

Die grosse Mehrzahl der jungen Mädchen hat keine Freude an solchen Aktionen. Aber es gibt Mädchen mit aggressivem Verhalten – womit gleichzeitig ein Perspektivenproblem zutage tritt: Mit sexuellen Übergriffen, Gewalt und Misshandlungen an Mädchen wurden wir in der letzten Zeit in den Medien intensiv konfrontiert. Berichte von Massenvergewaltigungen oder sexuellen Übergriffen an minderjährigen Mädchen – Stichwörter «Zürich Seebach» und «Thun» – erschrecken und rufen nach Massnahmen. Solche Vorfälle gilt es zu verhindern, und es gilt, minderjährige Mädchen zu schützen. In der öffentlichen Debatte überwiegt dabei allerdings eine einseitige Vorstellung: Ruchlose, gewalttätige junge Männer nutzen naive oder harmlose Mädchen aus.

Falsche Anschuldigungen

Der öffentliche Meinung, mit anderen Worten, hat sich ziemlich weit vom tatsächlich en Verhalten der Jugendlichen entfernt. Wir erleben einen medialen, dazu oft ideologisierten Grabenkampf, der das Verhaltensprofil jener Mädchen ausklammert, die man «abenteuerlustig» nennen kann. Damit Entstehung und Dynamik solcher Übergriffe wirklich verstehbar werden, müssen auch Profil und Psychologie dieser Mädchen angeschaut werden. Es gilt, einen vorurteilslosen Blick auf die Mädchen zu werfen, die sich in entsprechenden Szenen bewegen. Natürlich darf eine solche Betrachtung nie zur Legitimierung von Übergriffen herhalten. Aber: Die Situation ist komplizierter, als es einseitige Medienberichte behaupten. Nicht die Klischees der öffentlichen Rede sollen Grundlage von Schlussfolgerungen sein, sondern die Erfahrungen, die mit Mädchen in diesem Alter gemacht werden.

Auffallend ist, wie raffiniert manche dieser Mädchen mit falschen Anschuldigungen operieren. Um eine ungeliebte Lehrperson oder eine Kollegin loszuwerden, setzen sie nicht wie die Knaben offene Aggressionen ein, sondern inszenieren sich als Opfer, streuen Gerüchte oder legen Fallen. «Ich habe ein fürchterliches Geheimnis, das ich herumtrage», steht in ungelenker Schrift im Tagebuch des 14-jährigen Mädchens. Zufällig wird es von einem Mitglied einer Schulkommission während eines Schulbesuchs entdeckt; es liegt offen auf dem Pult, als das Kommissionsmitglied ein leeres Zimmer betritt. Das Mädchen schreibt in dem Tagebuch, wie es sich mit der Lehrerin ins Hinterzimmer begeben und dort auf deren Schoss sitzen muss; die Lehrerin fingerle und betaste sie an unanständigen Orten.

Ausreden auf Vorrat

Das Kommissionsmitglied schlägt Alarm. Eine ausserordentliche Sitzung wird einberufen und die Lehrerin superprovisorisch suspendiert. Das Mädchen wird psychologisch betreut und eine Untersuchung eingeleitet. Das Mädchen beteuert, dass die Einträge stimmen. Zwei Monate später allerdings fallen die Anschuldigungen in sich zusammen. Das Heft ist extra hingelegt und der Vorfall erfunden worden. Hat das Mädchen den Eintrag fantasiert? «Nicht wirklich!», behauptet es nun vehement und findet alles «uugemein». Sie habe mit der Aktion lediglich auf das Schicksal einer «ganz lieben Freundin» hinweisen wollen, deren Namen sie selbstverständlich aus Loyalitätsgründen nicht nenne!

Mädchen leben ihre Aggressionen anders aus als Knaben. Während diese oft mit ihren Taten prahlen, Erwachsene oder auch missliebige Kollegen offen provozieren, gehen Mädchen versteckt vor. Sie verstehen es, den sozialen Kontext für sich auszunützen. Gemobbt wird unter Verwendung prosozialer, also gesellschaftlich akzeptierter Argumente. Dem Freund einer Kollegin wird zugeflüstert, dass seine Freundin es mit einem anderen treibe. Da man für Ehrlichkeit einstehe, müsse man es ihm mitteilen; man verstehe auch, dass er sich als rechter Mann wehren müsse. Natürlich stimmt nichts davon.

Interessant sind die Ausflüchte, die nach offensichtlichen Missetaten fabriziert werden. Diese Mädchen entwickeln ein feines Gespür für die Erwartungen der Erwachsenen und verstehen es, sie durch Betroffenheit und Treuherzigkeit an der Nase herumzuführen. «Ein Mann in einer Kapuze hat uns gezwungen, diese Zeitungen anzuzünden. Er hat uns bedroht, ehrlich!», beteuert ein Mädchen unter Tränen, nachdem sie und ihre Kollegin beim Anzünden eines Stapels Morgenzeitungen erwischt wurden. Eigenartigerweise kann die Polizei diesen Mann einfach nicht finden.

Um gegenüber Eltern oder Lehrpersonen ihre Ziele durchzusetzen, inszenieren Mädchen Täuschungsmanöver. Während Knaben Streitigkeiten und Dissonanzen meistens lärmig austragen, setzen Mädchen gern Verführungsstrategien ein. «Lohnt es sich wirklich, für das Franz zu büffeln?», fragt das 15-jährige Mädchen seine Eltern unschuldig. Eine Kollegin habe sie über das Wochenende ins Ferienhaus im Jura eingeladen, um gemeinsam Franz zu lernen. Ihr «stinke» diese jedoch gewaltig! Natürlich drängen die Eltern ihre Tochter, die Einladung anzunehmen. Was sie nicht realisieren: Die Tochter plant, im Auto mit zwei älteren Kollegen nach Paris zu rasen, um dort ein wildes Wochenende zu verbringen. «Ich habe meine Eltern schonen wollen!», behauptet sie, als ihre Eskapade herauskommt.

Auffallend ist auch, dass Mädchen bei Diebstählen die Grauzonen zu nutzen versuchen. Wenn Knaben stehlen, dann ist der Diebstahl offensichtlich. Sie werden mit einem DVD-Player oder einem «kurzfristig ausgeliehenen» Auto erwischt. Mädchen stehlen nicht, sondern sie haben die Parfümflasche in ihrer Handtasche «völlig vergessen», mussten vor einem aufdringlichen Mann mit einem unbezahlten T-Shirt aus dem Laden ins Freie flüchten oder wissen nicht, wer die CD in die Tasche gelegt hat. Bei illegalen Handlungen macht es den Anschein, dass schon im Voraus an die Ausrede gedacht wird.

«Fass mich an»

Vieles dreht sich um die Sexualität. Im Gegensatz zu Jungen, deren Interesse oft der sexuellen Handlung an sich gilt, sehen die meisten Mädchen in der Sexualität ein Gesamterlebnis. Nicht ein spezifischer Akt steht im Vordergrund, sondern das Spiel mit körperlichen Reizen, die erotische Spannung und die Aufmerksamkeit des Gegengeschlechts. Sie merken, dass sie mit ihrer Körperlichkeit spielen können und dass Jungen oder Männer auf sie reagieren. Dank der Sexualität kann man Einfluss ausüben, etwas erleben und wird man in interessante Kreise aufgenommen.

Erfolgreich ist, wer beim anderen Geschlecht eine Dauerspannung auslösen kann. Schlüpfrige SMS werden verschickt, oder es werden beim Chatten sexuelle Erlebnisse angedeutet. «Du wagst ja nicht, mir gegenüber ein wirklicher Mann zu sein...», wird einem schüchternen Jungen geschrieben, und einem anderen wird mitgeteilt, dass man einen ganz speziellen Slip trage; extra für ihn. Mädchen sind oft auch geschickt in der scheinbaren Anpassung. «Diese Kleider trage ich wirklich nicht!», schreit die 13-jährige Tochter die Mutter wütend an. Diese möchte verhindern, dass die Tochter mit einem grossen Ausschnitt und nabelfrei zur Schule geht. Nach einem Streit gibt die Tochter kleinmütig und scheinbar einsichtig nach. Die Mutter ist beruhigt. Was sie nicht realisiert, ist, dass ihre Tochter nur eine andere Strategie anwendet. Statt eine Auseinandersetzung mit der Mutter zu riskieren, verlässt sie das Haus anständig gekleidet. Das enge T-Shirt mit dem Spruch «Fass mich an!» über dem Brustbereich hat sie ausserhalb der Wohnung zwischengelagert. So kann sie sich vor dem Schulbesuch umkleiden.

Am Ende dann doch lieber kuscheln

Das aufreizende Verhalten kann zur Folge haben, dass sexuelle Anmache ausartet. Das männliche Gegenüber realisiert nicht, dass es dem Mädchen gar nicht um ein sexuelles Abenteuer geht, sondern dass sie es schlicht geniesst, ihn zu erregen oder ein Machtspiel zu spielen. Viele Mädchen lassen sich dann auf das Gegenüber ein, denken jedoch nicht im Traum an Oralsex, sondern an das gemeinsame Kuscheln im Kerzenlicht oder intensives Küssen. Andere Mädchen wiederum suchen durchaus sexuelle Erlebnisse, brüsten sich mit ihren Erfolgen und zeigen ihren Kolleginnen Nacktfotos als Beweise für ihre Männerkontakte. Man gehört zur grossen Welt.

Solche Mädchen müssen mit ihrem Verhalten konfrontiert werden, damit sie nicht an ihre Geschichten zu glauben beginnen und in Fallen geraten. Es gilt, ihnen aufzuzeigen, dass sie bisweilen unbewussten Mechanismen ausgeliefert sind, die für sie selber und ihre Umgebung fatale Folgen haben können. Im Rahmen ihres Aufwachsens und ihrer Identitätssuche kann man ihnen helfen, ihre weiblichen Schattenseiten zu reflektieren. Wenn wir diese Mädchen jedoch nur als Opfer wahrnehmen, dann sind sie ihren problematischen Seiten ausgeliefert und lernen nicht, eigenständige Antworten auf ihre problematischen Seiten zu entwickeln.


Der Psychologe Allan Guggenbühl ist Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche in der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM) in Bern und Zürich/Stockholm. An beiden Orten leitet er mit der Psychologin Lori Hughes Gruppen für junge Mädchen, die in der Schule auffallen, aggressiv gegen andere oder sich selber sind.


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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 50/07
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