Egal wen man zur neuen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf befragt – diese drei Adjektive fallen immer: sachkompetent, integer, mutig. Es scheint, als geniesse die zierliche 51-Jährige über alle Parteigrenzen hinweg Respekt. 1998 wurde die Anwältin und Mutter dreier Kinder in den Regierungsrat des Kantons Graubünden gewählt, nachdem sie zuvor vier Jahre im Grossen Rat politisiert hatte. Fast zehn Jahre leitete sie das kantonale Finanzdepartement. Sie sei dezidiert, geradlinig und führungsstark, sagen enge Mitarbeiter. Innert fünfeinhalb Jahren hätten vier ihrer Chefbeamten aufgrund «unterschiedlicher Ansichten» kündigen müssen, schreibt die lokale Presse.
In die nationalen Zeitungen schaffte es die SVP-Regierungsrätin aus Felsberg bei Chur im Mai 2004, als das Stimmvolk nein sagte zu den Steuerplänen des Bundes. Sie war die treibende Kraft hinter diesem ersten Coup gegen den nach rechts gerutschten Bundesrat. Als Präsidentin der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren (FDK) hatte sie es geschafft, die Kantone zu einem Referendum gegen das Steuerpaket zu bewegen. Das erste Kantonsreferendum in der Geschichte des modernen Bundesstaates. Die Zeitungen beschrieben sie damals als «Stimme der Kantone» oder «Galionsfigur des Föderalismus». Bundesrat Moritz Leuenberger sagte: «Sie hat die FDK tapfer und kühn in den Kampf geführt.» Damit war der Mythos der mutigen Rebellin Eveline Widmer-Schlumpf begründet.
«Mutig war, dass sie das Referendum gegen den Willen ihrer Mutterpartei durchsetzte», sagt der Solothurner Finanzdirektor und FDK-Vizepräsident Christian Wanner (FDP). Grundlage ihres Mutes ist ihre Sachkompetenz, ihr Wissen. «Ich habe noch nie jemanden erlebt, der solche Dossierkenntnis besitzt», sagt Wanner. «Sie weiss, dass sie in den Dossiers immer die Oberhand hat. Deshalb hat sie auch keine Angst, kämpferisch aufzutreten.»
Nichtwissen ist Unsicherheit. Darum ist die Tochter von alt Bundesrat Leon Schlumpf ein Arbeitstier. Bis spätabends sass sie zuweilen in ihrem Churer Büro und wappnete sich für den nächsten Tag, für Fragen, die jemand vielleicht stellen könnte. «Auf jede Frage hat sie sofort eine Antwort parat, auch wenn es gar nicht um ihr Geschäft geht», sagt Roger Vetsch, SVP-Mitglied des Bündner Grossen Rates. «Weil sie nichts dem Zufall überlässt, bringt sie nichts aus der Ruhe.» Nur lästige Kinkerlitzchen, mit denen sie in ihrem Eifer nicht rechnet. Peter Peyer, Präsident der Bündner SP, erinnert sich an einen Leserbrief, in dem er die Regierungsrätin kritisierte: «Sie rief mich an, war sehr verärgert, und meinte, so etwas lasse sie sich nicht bieten.» In einem Interview sagte Widmer-Schlumpf einmal: «Ich musste das lernen: ruhig und sachlich zu bleiben.» Vielleicht liegt es ja gerade an dieser pedantischen Ernsthaftigkeit, dass die Menschen Eveline Widmer-Schlumpf vertrauen. Heikle Geschäfte, wie etwa die Revision des Steuergesetzes, brachte sie problemlos durch den Grossen Rat. Bei den Wahlen, zuletzt im April 2006, erzielte sie jedes Mal ein Glanzresultat.
In Bern wird ihr ein schärferer Wind entgegenwehen. «Sie hat sich auf Anfrage der Linken für ein Spiel hingegeben, bei dem es darum geht, das unverfälschte Gedankengut der SVP aus der Regierung zu treiben», sagt SVP-Fraktionspräsident Caspar Baader. «Für mich ist sie eine Verräterin.» Deshalb wird Eveline Widmer-Schlumpf aus der Fraktion ausgeschlossen. «Das ist eine Schweinerei», sagt SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Die Frau sei für ihn erledigt. «Sie muss damit rechnen, dass sie bei den Geschäften unsere Zustimmung nicht hat.» Wer so über seine Tochter rede, sei tief gesunken, sagt ihr Vater, alt Bundesrat Leon Schlumpf. «Solche Leute muss man ignorieren, da lohnt es sich gar nicht, sich zu ärgern.» Im Übrigen finde man als Bundesrat immer auch Rückhalt in anderen Fraktionen.
Schafft die «Galionsfigur des Föderalismus», die als Bundesrätin plötzlich auf der anderen Seite steht, den Perspektivenwechsel überhaupt? Eveline Widmer-Schlumpf vertrete einen modernen Föderalismus der Aufgabenteilung, keinen kleinlichen Kantönligeist, sagt FDK-Vizepräsident Christian Wanner. Und sie wisse auch immer ganz genau, wo sie stehe und was man an diesem Ort von ihr erwarte. «Sie besitzt die Fähigkeit, sich jeder Situation anzupassen.»
Die Rebellin ist nicht nur ein Arbeitstier, sondern auch ein Chamäleon. «Sie ist die Garantin für die gute Beziehung zwischen dem Bund und den Kantonen», sagte sogar Finanzminister Merz über seine damalige politische Gegnerin. Viele solche Sätze sind über Eveline Widmer-Schlumpf im Umlauf, sie klingen alle ähnlich, sehr versöhnlich. Etwa der von Eva Herzog, SP-Finanzdirektorin von Basel-Stadt und Mitglied des FDK-Vorstands: «Ich mag sie sehr und vergesse immer wieder, dass sie SVP-Politikerin ist.» Oder der von Hansjörg Hassler, Bündner SVP-Nationalrat: «Als Bundesrätin wird sie sich für die Solidarität zwischen Arm und Reich einsetzen.»
Beim näheren Hinschauen entpuppen sich einige dieser Sätze als Wunschdenken. «Solidarität als ihr politisches Ziel zu bezeichnen, ist übertrieben», sagt Christian Wanner. Obwohl sich die Bündnerin in der Vergangenheit gerne sozial gab, etwa in der Rolle als Kämpferin für die Familienförderung im Kanton – aber gleichzeitig gegen das Familienzulagengesetz war. Der kantonale Ansatz für Familienzulagen lag deutlich unter dem vom neuen Bundesgesetz vorgeschriebenen Minimum. «Sie ist klar rechts-bürgerlich, aber nicht extrem», sagt Wanner, «eine typische Vertreterin der SVP Graubünden, die immer etwas liberaler und weltoffener war als ihre Mutterpartei.»
Trotzdem, etwas Wahres haben diese Sätze, die so versöhnlich klingen: Sie weisen auf Widmer-Schlumpfs Gespür für Balance hin. Die SVP-Frau gilt als jemand, der seine Meinung sagt und sie entschlossen verteidigt, stets jedoch mit Sachargumenten, nie persönlich verletzend. In Sitzungen, die sie leite, herrsche immer eine gute Gesprächsatmosphäre, heisst es. Sie strahle eine natürliche Autorität aus und suche nach Gemeinsamkeiten. «Mit Eveline Widmer-Schlumpf wird sich der Ton, die Gesprächskultur im Bundesrat deutlich verändern», sagt SVP-Nationalrat Hansjörg Hassler. Auch so ein Satz, der immer wieder fällt, egal wen man fragt. Als hätte man sich untereinander abgesprochen.













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