Der seit 1994 an der London School of Economics Internationale Geschichte lehrende amerikanische Neuzeithistoriker MacGregor Knox zeichnet sich schon seit Jahren dadurch aus, dass er sich einem brennenden Thema des zwanzigsten Jahrhunderts, den Diktaturen in Italien und Deutschland, immer wieder in vergleichenden Studien gewidmet hat. Nun hat er sich entschlossen, in einer zweibändigen Synthese eine Bilanz der Forschung zu ziehen. Bereits nach dem ersten, bis 1933 führenden Band kann man von einem Meisterwerk sprechen.
Bei seinem Unternehmen beschränkt sich Knox nicht etwa darauf, mit dem üblichen Einstieg, dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen in beiden Ländern, zu beginnen. Mit langem Atem präsentiert er stattdessen auf glänzend komprimierten 140 Seiten die Vorgeschichte seit dem 18. Jahrhundert, manchmal sogar dem hohen Mittelalter, insbesondere aber seit den Nationalstaatsgründungen in den 1860/70er Jahren, um den Entwicklungsgang beider Länder, vor allem ihre Modernisierungsfortschritte und Modernisierungsbelastungen, zu verdeutlichen. Allein das ist schon ein brillanter Essay zur Demonstration der Vorzüge vergleichender Geschichtsschreibung.
Kenntnisreich analysiert Knox, gleichermassen auf die Erfassung der Ähnlichkeiten wie der Unterschiede beider Länder bedacht, die restriktiven Bedingungen ihrer modernen Geschichte. Beide Staaten waren Neugründungen, Mitte des 19. Jahrhun-derts aus der Fusion einer Vielzahl von Herrschaftsverbänden im Verlauf nationaler Integrationskriege entstanden.
Italien, schwer belastet mit dem Mezzogiorno, konnte die tiefe Zäsur zwischen Norden und Süden nicht überwinden – offenbar bis heute nicht. Das fluktuierende Parteiensystem brachte die innere Homogenisierung nur millimeterweise voran. Immerhin sorgte die Schulpolitik dafür, dass die zahlreichen Dialekte durch das florentinische Hochitalienisch, das anfangs nur drei Prozent der Bevölkerung gesprochen hatten, im Sinne der kulturellen Nationalisierung verdrängt wurden. Denkbar einseitig blieb dagegen die Verteilung der Industrie, die sich allein im «Goldenen Dreieck» des Nordens mit einem klassischen Proletariat konzentrierte, während sich im sonst dominierenden Agrarsektor mit den armen Pächtern und Landarbeitern trotz des Sicherheitsventils einer millionenfachen Auswanderung nach Nord- und Südamerika ein gefährliches Spannungspotenzial aufbaute. Als sich schliesslich die Furcht vor einer sozialistischen Revolution in den Industrierevieren und vor einer Umwälzung der ländlichen Sozialhierarchie ausbreitete, konnten die neuen faschistischen Kampfbünde an beiden Fronten eingreifen.
Das schwere Erbe der Preussen
Im Deutschen Reich, als «ewiger Bund» von zwei Dutzend Staaten und Städten pragmatisch konstruiert, bewies das föderalistische System zwar seine traditionelle Flexibilität, stagnierte aber unter dem konservativen Schwergewicht der preussischen Hegemonialmacht. Ihre Machteliten verhinderten eine politische Modernisierung in Richtung Parlamentarisierung und Demokratisierung, nachdem Bis-marck Ende der sechziger Jahre mit dem demokratisierenden allgemeinen Männerwahlrecht zur Mobilisierung der konservativen ländlichen Wähler gegen die liberalen «Bourgeoisklassen» weit vorgeprescht war.
Am Ende der wilhelminischen Friedensjahre schwankte das Reich zwischen ökonomischem Fortschritt und politischer Erstarrung. Seine Industrie hatte öfter eine weltweit führende Position, die zweite Stelle hinter den USA, noch vor Grossbritannien, erreicht. Die Agrarreformen hatten nach dem Schock der Niederlage gegen Napoleon eine leistungsfähige Landwirtschaft geschaffen, der die staatliche Protektion über alle Krisen hinweghalf. Die Grossagrarier und Bauern dankten dafür mit den europaweit höchsten Hektarerträgen.
Trotz aller Verteilungs- und Subventionskonflikte stand der reichsdeutsche Agrarsektor weit entfernt von jener brodelnden Unruhe, die in Italien vorherrschte. Im Grunde erzeugte auch die revolutionsfreudige Rhetorik der deutschen Sozialdemokratie ein irreführendes Zukunftsbild. Denn mit dem dramatischen Anstieg der Reallöhne seit den 1880er Jahren und den positiven Auswirkungen der staatlichen Sozialpolitik hatte sich längst herausgestellt, dass diese Arbeiterschaft mehr zu verlieren hatte als die von Marx beschworenen Ketten, vielmehr den – wenn auch quälend langsam beschrittenen – Weg der Integration in die bürgerliche Gesellschaft angetreten hatte. Erst der Krieg hat dann die Industrie wie die Landwirtschaft aus ihren sozialen Angeln gehoben und wegen der anhaltenden Reformverweigerung den revolutionären Umbruch von 1918 vorbereitet. Später hing der erstaunliche Siegeszug der NSDAP im ländlich-kleinstädtischen Deutschland nicht nur mit der neuen Agrarkrise zusammen, sondern vor allem damit, dass ein entscheidendes Sozialmerkmal der NS-Wähler, die Konfession, sich in Gestalt des Nationalprotestantismus mit seiner Neigung zu autoritären Lösungen zugunsten der Hitler-Bewegung auswirkte.
Anders als in Italien hatte in Deutschland das vom Nimbus der siegreichen Einigungskriege umgebene Militär seine Sonderstellung, frei von jeder parlamentarischen Kontrolle, doch ungewöhnlich einflussreich im politischen Entscheidungsprozess, behaupten können. Als im Rüstungswettlauf der Zeithorizont schrumpfte, nahm die Reichsregierung in der Julikrise von 1914 unter dem Druck der führenden Militärs das Risiko des Zweifrontenkrieges auf sich.
Vor diesem weitgespannten Horizont präpariert der Autor die Prozesse heraus, die zwischen 1914 und 1933 zur Etablierung zweier Diktaturen von einer mörderischen Bösartigkeit geführt haben, wie sie die westliche Welt bisher noch nicht erlebt hatte. Fern von allen marxistischen Legenden, dass das Monopolkapital sich diese Büttel zur Durchsetzung seiner Interessen verschafft oder dass der ökonomisch angeschlagene «Mittelstand» seinen Statusverlust durch die Massenabwanderung zu den neuen Rechtsradikalen kompensiert habe, arbeitet Knox heraus, dass in beiden Ländern radikalnationalistische Massenbewegungen in der Reaktion auf die Folgen des Ersten Weltkriegs entstanden (in Deutschland als Folge der tatsächlichen, in Italien der gefühlten Niederlage). Sie verbanden sich mit vier fatalen Anti-Haltungen: dem Antimarxismus, dem Antisemitismus, dem Antiliberalismus und dem Antiparlamentarismus, dazu mit Grossreichsutopien und imperialen Expansionsplänen.
Fatale Rolle der Reichswehr
Sowohl bei der Beschreibung der Durchsetzung von Mussolinis Regime, das seine Abhängigkeit von der Krone, der Armee und der Kirche nie ganz abstreifen konnte, als auch von Hitlers Führerdiktatur, die sich als ungleich totalitärer erweisen sollte, demonstriert Knox seine intime Vertrautheit mit der Forschung – bis hin zu den letzten Kontroversen und neuesten Quellenfunden. Ein besonderer Gewinn für die Deutung der Verfallsgeschichte der Weimarer Republik ist seine energische Betonung der häufig übergangenen Tatsache, dass die Reichswehr eine fatale Rolle gespielt hat – bis hin zur Rückendeckung für Hitler während der Machtübernahme im Januar 1933 und gegen Röhms SA 1934. Hitler wusste, wovon er sprach, als er 1934 auf einer Geheimkonferenz bekannte, dass er ohne die Reichswehr nicht als Kanzler dastünde. Knox’ langjähriges Interesse für die Streitkräfte beider Länder hat noch einmal seine stringente Interpretation der inneren Machtkonstellation gefördert.
Dem für 2008 angekündigten zweiten Band sieht man mit Spannung entgegen. Denn mit der Eröffnung seiner Synthese ist Knox etwas geglückt, was immer gefordert, aber selten geleistet wird: eine rundum gelungene vergleichende Analyse zweier Gesellschaften, die in einer tiefen existenziellen Krise ihren Weg zu einer menschenfeindlichen Diktatur eingeschlagen haben. Der glänzende Stil wird den Leser ausserdem für dieses Buch einnehmen; ein deutscher Verlag sollte lieber heute als morgen zugreifen.
MacGregor Knox: To the Threshold of Power 1922/33. Origins and Dynamics of the Fascist and National Socialist Dictatorships. Bd. I. Cambridge. Fr. 40.10
Hans-Ulrich Wehler war Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Er gilt als einer der grössten lebenden deutschen Historiker. 2008 erscheint der letzte Band seiner «Deutschen Gesellschaftsgeschichte».
12.12.2007, Ausgabe 50/07
Sachbuch
Die grosse Niederlage
Was waren gemeinsame Gründe für den Aufstieg von Hitler und Mussolini? Eine brillante Studie des Historikers MacGregor Knox.
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