Erstaunlich oft empfehlen mir Kollegen oder Leser (nicht aber Leserinnen) ihr Lieblingslokal, indem sie es mit der Zürcher «Kronenhalle» vergleichen. Ich müsse, sagen sie, «unbedingt in die Kronenhalle» von X oder Y. Vielleicht weil das Zürcher Original längst nicht mehr das ist, was die Literaten einst in ihm gesehen haben, ist man anderswo umso empfänglicher für eine ähnliche Institution. Jedenfalls hat mir ein Kollege empfohlen, ich müsse unbedingt in die «Kronenhalle von Luzern». Und da sitze ich nun. Mit bürgerlichem Namen heisst das Restaurant «Barbatti». Ein schöner Speisesaal mit hoher Decke und Leuchtern, wenngleich alles etwas reduzierter als in Zürich (nicht zuletzt die Preise). An den ge-täferten Wänden hängt ebenfalls viel Kunst, aber nicht von Chagall oder Miró, dafür von Einheimischen wie dem Maler Luft.
Beiden Orten wird nachgesagt, sie seien einmal Kultstätten gewesen – vor dreissig Jahren. Doch damit kommen wir zu den Unterschieden: Keine kulinarisch Totgesagte lebt besser als die «Kronenhalle». Anders das «Barbatti», vorübergehend drohte der einstige Vorzeige-Italiener in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Nun will ihm aber der Besitzer Tommaso Vaglio resolut zu neuem Glanz verhelfen. Er hat das Lokal soeben aufwendig renoviert und die Karte behutsam ergänzt. In Erinnerung an den Besuch des früheren Papstes wurden einst Nudeln «alla wojtyla» angeboten. Inzwischen heissen dieselben Nudeln an einer Wodkarahmsauce ganz unsakral «alla vodka». Man kann nur spekulieren, was für eine Sauce nach Benedikt XVI. benannt würde, sollte er sich einmal in Luzern blicken lassen.
Ich ziehe als Teigwarengang die Bavettini alla viareggina mit verschiedenen Meeresfrüchten vor (Fr. 20.50). Die Bestellung geht zuerst unter, wofür sich der Kellner elegant entschuldigt. Dann bringen gleich zwei Kellner eine mit diversen Muscheln, Krevetten und Pulpo reichbestückte Portion. Die Nudeln haben Biss, und die Tomatensauce ist nicht zu flüssig wie oft bei diesem Gericht. Als Hauptgang wähle ich die Seezunge (Fr. 46.–), von vielen Spitzenköchen verachtet, da sie im Ruf steht, ein Fisch zu sein für Leute, die Fisch nicht wirklich mögen. Ich bin gern ein Banause, solange ich ein so gutes, in Butter gebratenes Exemplar mit Spinat essen darf.
Und vielleicht kommt ja bald der Tag, an dem ich den Luzernern die «Kronenhalle» mit den Worten empfehle, sie müssten unbedingt einmal ins «Barbatti von Zürich».
Restaurant «Barbatti»: Töpferstrasse 10, 6004 Luzern.
Telefon 041 410 13 41. Sonntags geschlossen













Kommentare