Es sieht aus, als bekäme die Schweiz die Euro 2008, die sie wollte. Nach der Auslosung in Luzern zeichnet sich ein netter kleiner Event ab, zumindest in diesem Austragungsland – ganz anders als das Riesending der letzten WM. Das Losglück war den Schweizern so günstig, dass man meinen könnte, sie zögen bei der Uefa die Fäden: Alle attraktiven Teams spielen in der Vorrunde in der Schweiz, aber nur eins davon in ihrer Gruppe. Die Nati könnte das Turnier sogar gewinnen, weil eine EM eben jeder gewinnen kann. Britische Hooligans bleiben weg, womit als einzige Sorge Terroristen bleiben. Und das Beste: Laut neuesten Studien wird die Euro 2008 die Schweizer glücklich machen, vor allem alte Männer.
Einig sind sich diesmal alle über die «Todesgruppe» C, mit den WM-Finalisten Italien und Frankreich, dazu die Niederlande und die armen Rumänen. In einer weitgehend schlappen Vorrunde mit wenigen grossen historischen Paarungen sticht ein Spiel hervor: Zürich, 17.6., 20.45 Uhr: Italien – Frankreich. Früher gab es da gar keine Rivalität. «Italiener sehen Frankreich nicht als Fussballnation», erläutert der italienische Sportautor Tommaso Pellizzari. «Für uns existiert die französische Liga nicht. Anscheinend werden dort Spiele ausgetragen, vielleicht sind sie sogar im Fernsehen, aber das kümmert hier keinen.» Die Franzosen dagegen hatten Respekt vor dem italienischen Fussball: Aha, ein Volk, dem das Spiel wichtig ist! Mit einem Wort, es herrschte Freundschaft: Vor dem WM-Finale 2006 titelte La Repubblica: «Zidane, wir kommen: Finale gegen einen alten Freund». Das alles hat sich an jenem Abend in Berlin geändert. Das Verlieren schmerzte die Franzosen weniger – übel nahmen sie die rote Karte für Zinédine Zidane. Gut, er hatte Marco Materazzi einen Kopfstoss verpasst, na und? Ségolène Royal, damals sozialistische Präsidentschaftskandidatin, lobte Zizous Rache für Materazzis Beleidigungen gegen Mutter und Schwester. Und Frankreichs Verteidiger William Gallas sagte nach dem Finale: «Wenn man solche Spieler sieht [wie Materazzi], möchte man ihnen eine reinhauen. Es war eine Gaunerei, aber es sind eben Italiener.» Auch in der Qualifikation für die Euro 2008 trafen Frankreich und Italien aufeinander. Frankreichs Coach Raymond Domenech beschuldigte die Italiener, sie hätten vor einigen Jahren versucht, den Sieg gegen ein französisches U-21-Team zu erkaufen. Letzten Sonntag in Luzern wurde Domenech nach Materazzi gefragt, er ging wortlos davon. Das wird was werden in Zürich!
Frankreich bringt auch zwei der Jungstars, auf die man im Sommer achten sollte: Spielmacher Samir Nasri und Stürmer Karim Benzema. Dann ist da noch Kroatiens Spielmacher Luka Modric. Aber heute wird niemand mehr an einer EM entdeckt – die Talentscouts scouten so erbarmungslos, dass sie alle guten Spieler längst zuvor aufgestöbert haben.
Bestes Team in der Schweizer Gruppe ist Portugal: Noch weitgehend dieselbe Mannschaft wie im Halbfinale der letzten WM (wenn auch ohne den grossen Luís Figo), sogar viele Spieler aus dem EM-Finale von 2004 treten an – viel Spass mit Deco, Cristiano Ronaldo und dem cleveren Maniche. Jeder Feldspieler der Portugiesen ist hervorragend mit dem Ball. Nur schade, dass ihre Einstellung so mies ist. Tormann Ricardo dürfte der übelste Zeitschinder im ganzen Fussball sein. Die Tschechen boten bei der Euro 2004 grossen Fussball, verloren leider irgendwie im Semifinale und lassen seither nach. Von der goldenen Generation sind Nedved und Karel Poborsky schon abgetreten, Tomas Galasek und Jan Koller werden beide nächsten Sommer 35. Aber Petr Cech könnte dafür der derzeit beste Torhüter sein.
Entmutigte Türken
Vor einer Woche war ich in Istanbul und fand, dass die Türken eher entmutigt sind, was ihr Team angeht. Das hat damit zu tun, dass ihre Spieler 2005 in Istanbul die Schweizer verprügelt haben (nachdem diese die Türkei aus der WM 2006 kickten). Viele türkische Fans schämen sich heute noch. Für einige trägt Trainer Fatih Terim die Schuld: ein Stressbolzen, der ständig Druck auf seine Spieler macht und die Hysterie in den Medien anheizt. Für die Stimmung, die die Rauferei anzettelte, war er verantwortlich. Aber als erfolgreichster türkischer Trainer aller Zeiten ist er schwer abzuservieren. Jedoch ist die Euphorie nach dem dritten Platz der Türkei bei der WM 2002 verflogen. Aus dem damaligen Team ist nur noch Emre fix aufgestellt. Vielversprechende Jungstars sind seither keine hervorgetreten.
Was die Schweiz selbst angeht, so ist sie kürzlich von der Mittelmässigkeit zur Kompetenz aufgestiegen. Ihr erster Match bei der EM 2004, ein 0:0 gegen Kroatien, liess mich wegen seiner Härte und des Mangels an Können noch an die Unterliga-Plätze Südlondons denken. Später in der Euro verlor die Schweiz ehrenvoll gegen England und Frankreich. Ihr letztes WM-Spiel im Jahr 2006, wieder ein Unentschieden (gegen die Ukraine), vor der Niederlage im Elferschiessen, war möglicherweise der Nadir der 10000-jährigen menschlichen Kultur, das ödeste internationale Spiel seit Schweiz – Kroatien 2004. In 120 Minuten gab es bei den Schweizern keinen einzigen Pass, keine Dribblings oder sonstigen Kunststücke, die irgendwie unerwartet gewesen wären. Aber: Die Schweiz war das einzige Team, das in der ganzen WM kein Tor bekommen hatte. Wie viele andere zweitklassige Mannschaften haben sie den faden, aber wirksamen westeuropäischen Fussballstil internalisiert (gleich mehr dazu).
Favorit in diesem Turnier, so die britischen Buchmacher, ist Deutschland mit einer Quote von 7:2. Grund dafür: Sie waren im WM-Halbfinale, und sie spielen praktisch zu Hause. Aber man soll nie auf Favoriten wetten. Wie die Geschichte zeigt, kann jedes beliebige Team die EM gewinnen. Griechenland, Dänemark, Tschechien und die Niederlande zum Beispiel. Selbst die Schweiz hat diesmal Chancen, nur Österreich nicht. Sie werden von den bookies mit 100:1 geführt. Wegen des grossen Zufallselements könnte es sich aber lohnen, auf Outsider zu setzen: Russland und die Türkei mit 33:1 sind gute Tipps, wenn man sich ihre mässig starken Gruppen ansieht. Ebenso Schweden, bei 28:1. Die EM wird die Demokratisierung des europäischen Fussballs zeigen. Es gibt keine schwachen Mannschaften (bis auf Österreich). Alle besseren Teams haben den westlichen Stil übernommen: defensiv, kollektivorientiert, topfit, hartes Tackling, schnelle Pässe. Hässlich, aber wirksam. Seine Ursprünge hat er in den sechs Ländern, die vor fünfzig Jahren die EWG gründeten: Italien, Frankreich, Deutschland und Benelux.
Dieser Stil herrscht in Westeuropa immer noch vor, und bis auf Belgien und Luxemburg hat sich im Bereich von Portugal bis Polen jedes Land für die Euro qualifiziert. Nicht geschafft haben es die Ränder Europas: die Briten, viele Skandinavier und die meisten Ost-Länder. Diese Nationen müssen den westeuropäischen Stil übernehmen, oder sie gehen unter. Russland und Polen sind diesen Weg endlich gegangen, indem sie niederländische Trainer angeheuert und sich qualifiziert haben. Ebenso Griechenland: Dort wurde die Euro 2004 unter einem deutschen Coach gewonnen: Otto Rehhagel. Auch England spielte unter dem schwedischen Trainer Sven-Göran Eriksson europäischen Fussball, doch letztes Jahr gaben sie das seltsamerweise wieder auf: Unter dem englischen Betreuer Steve McClaren kehrten sie zurück zum Kick-and-rush-Stil und verpassten damit die EM.
Das Fehlen von England macht die Euro kleiner. Engländer sind die Meister der Fanreisen. Weltweit haben sie Sportveranstaltungen in britische Um-die-Wette-Saufgelage verwandelt. Bei der EM 2004 stellten sie ein Drittel aller angereisten Zuschauer – so viele wie Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich zusammen.
Lächerliche Angst vor Ausschreitungen
Bei der «International Football Arena» in Zürich letzten Monat fiel die Schweizer Delegation mit ihren EM-Sorgen auf. FDP-Nationalrätin Doris Fiala redete ständig von der «Sicherheit». Und die Euro dürfe auf keinen Fall Geld kosten! Diese Haltung zu Europas Party des Jahres erinnert an «Asterix bei den Schweizern», wo die Helvetier den Römern immer wieder ihre Orgien vermiesen, weil sie dauernd putzen und fegen, während die anderen munter feiern. In Wahrheit ist die Angst vor Ausschreitungen bei internationalen Wettbewerben lächerlich. Grössere Mengen von Hooligans gab es das letzte Mal bei der Euro 2000 in Charleroi, seither werden sie mehr diskutiert als gesehen: Journalisten, die Polizei und Profifans haben gemeinsam eine «Hooligan-Industrie» geschaffen, die das Problem künstlich aufbläst. Im Grunde haben nur wenige Länder gewalttätige Fans – England, Polen, Kroatien, Deutschland –, und die werden nicht allzu viel Zeit in der Schweiz verbringen.
Bleibt der Terrorismus. Gott behüte, aber ein Selbstmordattentat am Hauptbahnhof in Zürich bekäme ordentlich Publicity. Möglich wäre es. Zwei Wochen vor der WM 1998 deckte die Polizei einen geplanten Anschlag auf. Damals ernteten Terroristen nur ein müdes Lächeln, und die Episode wurde bald vergessen. Aber diverse Schreiben von Mitgliedern der Bewaffneten Islamischen Gruppe Algeriens (GIA) enthüllten Details des Komplotts: Geplant war ein Schlag beim Spiel England – Tunesien. Mit Unterstützung des Fussballfans Osama Bin Laden wollte man sich in das Stadion von Marseille einschmuggeln, englische Spieler erschiessen und Handgranaten aufs Spielfeld und die Tribünen werfen. Weitere Kämpfer sollten in das Hotel der US-Mannschaft eindringen und Fussballer umbringen. Ausserdem gab es den Plan eines Flugzeugattentats auf ein AKW. Es wäre ein 9/11 für Europa geworden, nur viel schlimmer. Bin-Laden-Biograf Yossef Bodansky behauptet, ein Grund für die Anschläge von al-Qaida von 1998 gegen die US-Botschaften in Ostafrika, bei denen 224 Menschen umkamen, sei «das Scheitern eines Anschlags auf das Primärziel, die Fussball-WM», gewesen. Und Algeriens Islamisten versuchten es erneut bei der Euro 2000.
Doch falls die Terroristen sich heraushalten, wird die Euro 2008 die Schweiz glücklich machen. Laut dem Sportökonomen Stefan Szymanski ist der «Glückszuwachs» bei einer Heim-EM oder -WM erheblich. Szymanski sagt: «Es ist etwa der Sprung vom dritten zum zweiten Einkommensquartil im jeweiligen Land» – denn die Reichen sind glücklicher als die Armen. Das grösste Plus zeigen «ältere Männer, die vor dem TV sitzen und nichts anderes zu tun haben». Kurz gefasst: Freut euch! Selbst wenn die Schweiz aufs Spielfeld läuft.
Übersetzung: Werner Richter













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