Rettung für die FDP. Nach dem jüngsten Wahldebakel stellt sich die Frage, wie sich der Freisinn als erfolgreiche Kraft im Kampf gegen die SVP positionieren kann. Ein altgedienter, nicht genannt sein wollender Exekutivpolitiker schlägt am Telefon folgende Initiativen vor. Erstens: keine neuen Steuern. Keine. Zweitens: Staatsverkleinerung. Die Bezüge aller Parlamentarier sind um 50 Prozent zu kürzen. Damit wird sichergestellt, dass nur noch Leute antreten, die für den Staat und nicht vom Staat leben wollen. Drittens: Wir haben die besseren Köpfe als die SVP. Viertens: Der Freisinn steht wieder vorbehaltlos zur Schweiz (vorbehaltlos heisst nicht kritiklos). Der Mann am Telefon äussert eine letzte Forderung: Blocher soll den Bundesrat verlassen und den Freisinn präsidieren. «Nach zehn Jahren hätte er ihn dort, wo er sein muss.»
Norman Mailer. Der amerikanische Schriftsteller starb an Nierenversagen. Seine grösste Leistung bestand darin, dass er sich während sechs Jahrzehnten im Gespräch hielt, ohne einen Roman zu schreiben, an den man sich nach dem Lesen wirklich erinnern konnte. Beeindruckt war ich von seiner exzellenten Studie «The Fight» über den WM-Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman 1974 in Kinshasa. Mailer spürte die homerische Dimension dieses Kampfs, in dem sich der als erledigt geltende Ali völlig überraschend wieder nach oben boxte. Foreman galt als unbesiegbar. Er war der Mann, der so hart auf seinen Sandsack einschlug, dass sich seitlich Dellen bildeten. Seine Oberarme hatten den Umfang guttrainierter Oberschenkel, und für Experten war es widervernünftig, auf einen Erfolg des müde gewordenen Herausforderers zu wetten. Dennoch triumphierte Ali, und Mailer nahm das Comeback zum Anlass, über die Triebfedern und Abgründe des männlichen Egos zu meditieren, über die geheimnisvollen Kräfte, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das ist einfühlsame Seelendeutung, heldenhafter Kitsch, aber eben auch ausgezeichneter Sportjournalismus, wie es ihn nur in den Vereinigten Staaten gibt. Ob Mailer mehr war als ein brillanter Vermarkter und Inszenierer seiner selbst, bleibt umstritten. Das Talent, sich gegen alle Widerstände und Konjunkturverläufe immer wieder zum Thema zu machen, ist nur wenigen gegeben.
Immobilienkrise und UBS. Noch immer scheitert der platte Menschenverstand an der Frage, warum in aller Welt die als risikoscheu, konservativ und granitsolid geltende Schweizer Grossbank UBS 40 Milliarden Dollar indirekt in undurchsichtige Immobilienkreditvehikel investierte. Noch beunruhigender: Die führenden Bewertungsagenturen hatten den Instrumenten durchs Band höchste Glaubwürdigkeitsnoten verteilt und den Banken falsche Sicherheit vermittelt. Allmählich kommt heraus, warum: Zahllose Rating-Institute waren finanziell am Aufbau jener suboptimalen «Subprime»-Anlagen beteiligt, die sie eigentlich bewerten sollten. Indem sie mitverdienten, verloren sie ihre Unabhängigkeit.
Für die UBS ist die Krise doppelt peinlich. Offensichtlich wurden die Grossinvestitionen nicht nur von den führenden Händlern getätigt, sondern auch von den Leuten des B-Teams, «als ob man eine Grümpelturniermannschaft in der Champions League mitspielen lässt», wie ein Schweizer Bankwissenschaftler vermutet.
Rätsel über Rätsel: Hat die Grossbank in Geschäfte investiert, die sie nicht durchschaute? Gab es für die Banker keine wirksamen Investitionslimiten? Oder aber haben wir es, wie ein Schweizer Unternehmer mutmasst, mit viel tieferen kulturellen Unterschieden zu tun? Die amerikanische Wirtschaft huldigt dem Pump. Mit Erfolg wird das Münchhausen-Prinzip der Wertschöpfung bis an die Grenze und darüber hinaus praktiziert. Offensichtlich galten im «Subprime»-Markt zuletzt auch Wohnmobile auf fest gemieteten Parkplätzen als tragfähige Immobilienanlagen. Für solche Geschäfte fehlt dem Schweizer genetisch das Musikgehör.
Wie geht es weiter bei der UBS? Besserwisser und Moralisten drängen nach vorn. Der Konzernchef rätselt, wie sich angeblich todsichere «Triple A»-Vehikel über Nacht in Schrott verwandeln konnten. Ein gewisses Verständnis für die Banken bleibt berechtigt, da sie den Fehldiagnosen hochdotierter Rating-Agenturen folgten. Beim Zusammenbruch der US-Konzerne Enron und Worldcom vor ein paar Jahren waren die Revisionsgesellschaften in die Firmen verfilzt, die sie hätten überwachen sollen. Geschichte wiederholt sich, aber immer anders.
Münteferings Rücktritt. Der deutsche Vizekanzler und frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering trat am Dienstag überraschend von seinem Ministeramt zurück aus privaten Gründen (seine Frau leidet an Krebs), sicher aber auch deshalb, weil er in den Machtkämpfen mit Parteichef Beck zuletzt in die Defensive gedrängt wurde. Aus einem persönlichen Gespräch bleibt folgende Anekdote. Müntefering wurde gefragt, ob er es für gerechtfertigt halte, angesichts von Überversorgung, Sozialmissbrauch und falschen Anreizen von «Dekadenz im Sozialstaat» zu sprechen. Seine Antwort war von jenem durchschlagenden Realitätssinn, den man in der Schweizer SP nicht mehr findet: «Ja», sagte Müntefering, «keine Frage.» Zudem gebührt ihm das Copyright auf den Kampfbegriff «Heuschrecke», mit dem er angelsächsische Hedge-Funds titulierte.
Einbürgerungen: In Zürich wird am 25. November darüber abgestimmt, ob neu die Exekutive oder wie bisher das Parlament Ausländer einbürgern solle. Ich bin klar dafür, dass die Befugnisse beim Parlament bleiben. Man muss den Trend, Volksrechte von unten nach oben zu verschieben, bekämpfen. Die Aufrüstung politischer Eliten mit immer neuen Entscheidungskompetenzen ist unschweizerisch.
roger.koeppel@weltwoche.ch
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