Nachruf

Norman Mailer

Norman Mailer (1924–2007), Schriftsteller, Boxer

Von Taki Theodoracopulos

Ich verbrachte den vergangenen Samstag, den Tag, an dem Norman Mailer starb, mit seinem ältesten Sohn, Michael. Er ist wahrscheinlich mein engster Freund in New York. «Ich hätte nicht der Schriftsteller sein können, der ich war, und zugleich ein guter Vater», hatte Norman ihm vor kurzem gesagt. Und er verstand das, vertraute mir Michael an.

Drei Monate bevor die Amerikaner ihren grössten aussenpolitischen Fehler aller Zeiten begingen – den Einmarsch im Irak –, fuhr ich nach Cape Cod zu Norman, mit dem ich seit fünf Jahrzehnten befreundet war. Gegen Ende seines Lebens nannte er sich einen «linken Konservativen». Ein «linker Konservativer» sei ein Widerspruch in sich, gestand er. Aber es gebe Elemente in dem, was von der linken Philosophie übrig geblieben sei, die es wert seien, dass man sie verteidige. «Zum Beispiel?», fragte ich. – «Die Erkenntnis, dass ein reicher Mann nicht 4000-mal mehr verdienen sollte als ein armer.» Auch diskutierten wir über Gott. Norman sagte: «Wenn du mit einem durchschnittlichen Linken über Gott sprichst, dann schaut er dich an, als seist du ziemlich daneben. Aber ich glaube, dass es einen Schöpfer gibt, der in menschliche Angelegenheiten eingreift. Und dass dieser Schöpfer gefährdet ist. Denn ich glaube auch, dass es einen Teufel gibt, der ebenso eingreift in unsere Existenz. Und der zu oft erfolgreich ist dabei.»

Das war Ende 2002. In den fünf Jahren, die ihm danach blieben, schrieb Norman Mailer vier Bücher: «The Castle in the Forest» («Das Schloss im Wald»), einen Roman über Hitler (oder den Teufel). «The Gospel According to the Son» («Das Jesus-Evangelium»), einen Roman darüber, wie Jesus seine Göttlichkeit entdeckt. «The Spooky Art», ein Buch über das Schreiben, sowie ein Buch über Gott, das Hackfleisch aus all den Zwergen macht, die schreiben, dass es keinen Gott gebe.

Einzigartig machte ihn seine Fähigkeit, alles zu schreiben – Belletristik, Sachbücher, Essays, journalistische Texte, Theaterstücke, Drehbücher. Ebenso sein Mut: Risiken hatte er nie gescheut. Normal Mailer schrieb über alles Wichtige; über den Weltraum, über Politik, über Krieg und Frieden, Sex und Feminismus. Er war als Boxer nicht so gut wie Michael, sein Sohn, aber mutig war er auch im Ring.

Kennengelernt hatte ich ihn in den frühen sechziger Jahren auf einer wilden Party in Brooklyn. Ich war in meinen Zwanzigern, hatte «Die Nackten und die Toten» gelesen, und als ich in sein dreistöckiges Haus kam, wusste ich, dass ich eine andere Welt betrat. Der Ort war voller Typen, die ich aus dem Kino kannte, viele kifften. Einer erzählte Mailer, ich sei Boxer, und er lebte sofort auf. Er schlug einen linken Haken, ich schreckte zurück, Mailer grinste: «Du bist kein Boxer, Junge.» Umgeben war er von bleichen jungen Männern: Normans Prätorianergarde. Es waren Möchtegernschriftsteller, die dem grossen Mann überallhin folgten.

1998 fand im Rockefeller Center eine grosse Party statt, um seine 50-jährige Laufbahn als Schriftsteller zu feiern. Muhammad Ali war da, und die gesamte Mailer-Sippe (Norman hatte neun Kinder mit sechs Frauen) stellte sich mit ihm für ein Foto auf die Bühne. «Moment, ich brauche einen Faschisten hier oben», sagte Norman. Und dann: «Taki, bring deinen Arsch hierher.» Ich stand zwischen Ali und dem grossen Mann. Es war vermutlich der beste Moment meines Lebens. «Sind Sie wirklich Faschist?», fragte der Boxer.

Wenige Stunden nach Normans Tod ging ich essen mit Michael und ein paar Männern. Er und ich betranken uns richtig, die anderen hatten aufgehört mit dem Alkohol. Am Nebentisch sass Liz Smith, die Klatschkolumnistin Amerikas. Sie kam zu uns und erzählte eine Geschichte von der Hochzeit von Arianna Stassinopoulos und Michael Huffington, dem Öl-Milliardär. Die reiche Gesellschaft habe Norman gelangweilt, deshalb habe er in der Kirche gefragt: «Sag einmal, Liz, weshalb sind wir eigentlich nie zusammen ins Bett gegangen?» – «Weil ich eher mit Norris ins Bett gegangen wäre», habe sie geantwortet; Norris war Mailers sechste und letzte Frau. Darauf habe Norman Mailer zu schreien begonnen.

Jetzt, da ich diese Worte schreibe, fühle ich mich ein wenig weich, das muss ich zugeben. Aber Tränen sind etwas, was Norman nie durchgelassen hätte. Denn harte Kerle weinen nicht.

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