Es war ein wohlkalkulierter Appell an die Urängste des Westens. «Pakistan nähert sich in grossen Schritten einer gewaltigen Katastrophe», warnte die um ihre eigene Macht kämpfende Benazir Bhutto. «Nur Gott weiss, was passieren würde, bekämen Extremisten volle Kontrolle über die Atommacht Pakistan.»
Pakistan verfügt über eine ganze Batterie an Brandherden – von den fundamentalistischen Koranschulen über Kaderschmieden für Terroristen bis zum ungelösten Grenzkonflikt in Kaschmir –, die das zentralasiatische Land zuoberst auf die Liste der gefährlichsten Staaten der Welt katapultiert haben. Doch nichts vermag den Westen in ähnlicher Weise zu beunruhigen wie die Vorstellung einer islamistischen Atombombe.
So fehlt es denn auch nicht an Stimmen quer durch sämtliche politische Lager, die Bhuttos Warnungen ventilieren. «Macht keinen Fehler: Dies ist eine brandgefährliche Situation», meint John Bolton, Bushs langjähriger Botschafter bei der Uno. Und in seltener Eintracht sekundiert ihm Richard Holbrooke, Spitzendiplomat der Clinton-Ära: «Wir wollen nicht zusehen, wie Pakistan mit seinen Bomben in die Hände von Mullahs fällt.»
Doch wie realistisch ist die Gefahr, dass Pakistans Nukleartechnologie oder gar komplette Atombomben in die Hände von Terroristen fallen könnten?
Bereits bei der Disposition des Problems herrscht Konfusion. So weiss ausserhalb Pakistans offenbar niemand genau, wie stark Pakistans Atomarsenal ist; Schätzungen schwanken zwischen 24 und 55 Sprengköpfen, die über das Land verstreut stationiert sein sollen. Erschwerend kommt dazu, dass das Land, 1998 in den Kreis der Atommächte aufgestiegen, auch über eine nicht präzis bekannte Anzahl von Trägerraketen mit einer Reichweite bis zum östlichen Mittelmeer verfügt. Es handelt sich also um eine Bedrohung mit verschiedenen Unbekannten, was eine Lageeinschätzung erheblich erschwert.
Entscheidend ist letztlich die Frage nach der Sicherung der nuklearen Anlagen, eine Frage, welche für die US-Regierung seit 9/11 besonderen Stellenwert erlangt hat. Anfang 2002 flog der damalige Aussenminister Colin Powell nach Islamabad und nahm Präsident Muscharraf in die Pflicht. Er legte ihm ans Herz, er solle das pakistanische Atomarsenal mit demselben ausgeklügelten Sicherheitsmodell versehen, das die USA gegen einen unabsichtlichen oder unautorisierten Einsatz ihrer eigenen Atombomben installiert haben. «Permissive Action Links» (PAL) heisst das System. Um eine Atomwaffe «scharf» zu machen, müssen zwei unabhängige Operatoren – einer davon ist der Präsident des Landes – das Waffensystem mit einem elektronischen Code entsichern.
Offenbar hatte sich Muscharraf beim Besuch Powells kooperationsbereit gezeigt. Jedenfalls legten sich die Ängste der Amerikaner vor einem pakistanischen GAU schnell wieder. «In den vergangenen zwei, drei Jahren ist unser Vertrauen in die Sicherheit der pakistanischen Nuklearwaffen gewachsen», sagt Xenia Dormandy, ehemalige Direktorin des Nationalen Sicherheitsrates für Südasien.
Sie teilt die Ansicht der US-Geheimdienste, wonach die Schutzvorrichtungen etwa auf dem Stand der westlichen Atommächte sind. Verantwortlich für die Sicherheit der pakistanischen Atomanlagen, so Dormandy, sei die Strategische Planungsdivision, eine spezielle Abteilung innerhalb des pakistanischen Oberkommandos. 8000 bis 10000 Truppen umfasse die Division. Sowohl Nuklearwaffen als auch Produktions- und Lagerstätten stünden unter ihrer Kontrolle.
Warnung vor übersteigerter Hysterie
Wesentlich zur Beruhigung der westlichen Nerven trägt offenbar der Leiter der Strategischen Planungsdivision bei: Khalid Kidawi, ein Generalleutnant der pakistanischen Armee, der bei US-Experten hohe Achtung geniesst. «Er hat sein Dossier voll im Griff», ist Leonard Spector, ein Nuklearexperte der Ära Clinton, überzeugt. Kidawi stehe mit den USA in engem Kontakt, so habe er letztes Jahr einen längeren Besuch in den Vereinigten Staaten absolviert, wobei die Sicherheit der Anlagen ausgiebig erörtert worden sei.
Auf das pakistanische Atomprogramm angesprochen, warnen Fachkreise denn auch vor übersteigerter Hysterie. «Das Land ist weit entfernt von einer nuklearen Krise», ist Michael Krepon überzeugt. Der Pakistan-Experte vom Stimson Center, einem Washingtoner ThinkTank, erinnert daran, dass zwei andere Nuklearstaaten gravierende politische Krisen durchgestanden haben – China während der Kulturrevolution und die Sowjetunion während ihres Zerfalls –, ohne dass die Sicherheit ihrer Nuklearwaffen je ernsthaft gefährdet gewesen sei. «Es gibt vieles, worüber man sich in Pakistan sorgen sollte», so Krepon, «bevor wir uns über das Atomarsenal den Kopf zerbrechen.»
Trotz diesen nüchternen Voten wirft die pakistanische Nuklearsicherung Fragen auf. So hat Colin Powells Lobbying nichts gefruchtet. Statt seinem Rat zu folgen und die Anlagen elektronisch zu sichern, lagern die Pakistaner die Komponenten der Atomwaffen bis heute an verschiedenen Orten. «Damit ist dem Missbrauch zwar ein wichtiger Riegel geschoben», sagt Matt Bunn, Atomwaffenexperte der Ära Clinton, «potenzielle Diebe müssen in zwei Gebäude einbrechen, um an eine vollständige Atomwaffe zu gelangen», doch er warnt: «Das erscheint zwar schwierig, in einer Krise könnte es aber anders aussehen.»
Was also, wenn der Worst Case dennoch einträte? «Weil die Risiken derart hoch sind, haben US-Geheimdienstexperten Notfallpläne entwickelt», berichtete die Washington Post vergangenen Sonntag. Die Informanten der Zeitung wollten sich nicht über die geheimen Szenarien äussern, doch offenbar geht es um Blitzeinsätze von Spezialtruppen, welche die Waffen neutralisieren sollen, bevor sie in die Hände von Terroristen gelangen können.
Im Idealfall würde das pakistanische Militär den Amerikanern bei ihrer «Rettungsmission» assistieren. Doch eine solche Kooperation ist alles andere als gewiss. Auf sich allein gestellt, würden die USA sofort auf elementare Probleme stossen: «Wir können nicht mit letzter Sicherheit sagen, wo sich die Waffen alle befinden», sagte ein ehemaliger US-Regierungsmitarbeiter der Washington Post. Der Versuch, die Atombomben unter die Kontrolle der USA zu bringen, «könnte ziemlich chaotisch verlaufen».
Bleibt die Frage, wie realistisch ein Worst Case überhaupt ist? Seit acht Jahren führt Muscharraf das Land als Präsidenten-General, wobei er seine Macht in erster Linie aus seiner Funktion als Armeechef generiert. Je stärker seine Gunst im Volk schwindet, desto häufiger sucht er Rückhalt in den Kasernen. Doch auch in der Armee häufen sich die Zeichen von schwindender Loyalität zum Generalstabschef. In den vergangenen Jahren hat sich die Armee in verschiedene Lager gespalten. Islamische Fundamentalisten sind ins Offizierskorps aufgestiegen und drängen nun in höhere Ränge. Der Einzug militanter Köpfe in Kaderpositionen hat gravierende Folgen im Feld. So regt sich in Teilen der Armee Widerstand gegen den Befehl, Dschihadisten im aufständischen Grenzgebiet Nordwestpakistans zu bekämpfen.
Sollte die schwelende Staatskrise anarchische Zustände annehmen, kann ein Zusammenbruch der militärischen Befehlskette nicht ausgeschlossen werden. «Das wäre das Alptraum-Szenario», sagt der ehemalige CIA-Mitarbeiter John Brennan. «Wenn es innerhalb der Armee unterschiedliche Machtzentren gibt, wird jedes von ihnen das strategische Arsenal der Atomwaffen als wertvolle Beute ansehen.»
Zwar rechnen Experten derzeit nicht mit einem islamistischen Umsturz innerhalb der Armee, dennoch birgt die aktuelle Situation eine Gefahr für die Sicherheit des Atomarsenals. Sollte Muscharrafs Regime ins Wanken geraten, könnten Mitarbeiter von Pakistans Atomwaffenprogramm «versucht sein, schnelles Geld zu verdienen», warnt David Albright, einer der führenden amerikanischen Atomwaffenexperten.
Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Kräfte in Pakistan in illegalem Atomhandel betätigen. Seit Muscharraf die Macht ergriffen hat, musste seine Regierung bereits zweimal eingestehen, dass Informationen oder Ausrüstung aus ihrem Atomwaffenprogramm ausser Landes geraten sind. Der bekannteste Fall betrifft Abdul Qadir Khan, den obersten Atomwissenschaftler des Landes und Vater der pakistanischen Bombe, der Nukleartechnologie an Libyen, Nordkorea und Iran verkaufte. Die pakistanische Regierung hat stets bestritten, von Khans Geschäften gewusst zu haben. Allerdings ist es schlicht unmöglich, dass der atomare Schwarzhandel – bei dem Militärflugzeuge und staatliche Infrastruktur benutzt wurden – ohne Hilfe des Militärs abgewickelt werden konnte.
Atomangebot an Osama Bin Laden
Nicht weniger brisant war der zweite Fall, der sich im August 2001, knapp einen Monat vor 9/11, in Afghanistan abspielte. Das Angebot wurde an einem Lagerfeuer unweit von Kandahar unterbreitet, es umfasste Skizzen, Berechnungen und Pläne zum Bau von Atombomben. Bei den Besuchern, die aus Islamabad angereist kamen, handelte es sich um zwei Delegierte von Umma Tameer-e-Nau, einem dubiosen islamischen Hilfswerk.
Ihre Mission war nicht bloss wegen der angebotenen Ware delikat, denn bei den Interessenten im afghanischen Bergland handelte es sich um Osama Bin Laden und seinem Stellvertreter Ayman al-Zawahiri, wie der frühere CIA-Direktor George Tenet in seinen Anfang Jahr publizierten Memoiren berichtet. Brisant war das Treffen auch deshalb, weil es sich bei den beiden als karitativ kaschierten Hilfswerkgesandten in Wirklichkeit um zwei Spitzenwissenschaftler der pakistanischen Atombehörde handelte, die mit dem ehemaligen Geheimdienst-Chef Hamid Gul in engem Kontakt standen.
Die Beispiele zeigen, dass bis in die höchsten Chargen des pakistanischen Sicherheitsapparates Kräfte am Werk sind, die im Falle eines Umsturzes eine unheilvolle Dynamik entwickeln könnten. Dem undurchsichtigen Gewirr von fanatischen Geistern mitten in Pakistans Machtzentrum steht der Westen letztlich hilflos gegenüber. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb die Kritik Washingtons an Muscharraf bisher eher zurückhaltend ausgefallen ist.
Ehe man Muscharraf fallenlässt, gilt es, jemanden zu finden, der die zentrifugalen Bewegungen im Land besser zu bändigen weiss als der General. Dass Benazir Bhutto dieser Rolle gewachsen wäre, scheint wenigen wahrscheinlich. Selbst in säkulären Kreisen Pakistans glaubt man nicht daran, dass die «Tochter des Volkes», wie sie sich nennt, über die Autorität und das Netzwerk verfügt, das Militär zu disziplinieren. Davon jedoch hängt die Sicherheit des pakistanischen Atomarsenals ab.
14.11.2007, Ausgabe 46/07
Pakistan
Die islamische Bombe
Die Krise in Pakistan verstärkt die Furcht, Nukleartechnologie oder gar komplette Atombomben könnten in die Hände von Terroristen gelangen. Die US-Regierung verfügt offenbar bereits über Notfallpläne. Eine Lageeinschätzung.

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