Literatur

Der Anti-Roman

«Demokratie» von Joan Didion ist eine merkwürdig rührende Geschichte über den Zerfall einer Politikerfamilie. Endlich liegt der amerikanische Roman auf Deutsch vor.

Von Sacha Verna

In einer Zeit, in der der Begriff «Demokratie» mit geradezu inflationärer Häufigkeit und in allen möglichen Zusammenhängen auftaucht, weckt ein Roman mit ebendiesem Titel zunächst einmal Misstrauen. Was will der Autor damit andeuten? Dass er dem Leser die ultimative Volksfiktion vorzulegen gedenkt? Oder die nicht minder ultimative Entzauberung eines Mythos? Joan Didion bietet nichts dergleichen. Als «Demokratie» 1984 im amerikanischen Original erschien, war der Mythos längst entzaubert und Fiktion im traditionellen Sinn gerade sehr ausser Mode. So erweist sich dieser Roman vielmehr als Dekonstruktion eines Romans, den Joan Didion über scheinheilige US-Aussen­politik im Allgemeinen und über den Vietnamkrieg im Besonderen hätte schreiben können, hätte sie ihn denn schreiben wollen. Oder umgekehrt: den sie schreiben wollte, aber nicht schreiben konnte.

«Ich kenne die Gepflogenheiten und weiss, wie ich sie einhalten muss [...]», verkündet eine Figur, die sich als Autorin und Joan Didion vorstellt, darin, «weiss, wie ich Ihnen erzählen muss, was er sagte und was sie sagte [...].» Und dieselbe Figur erklärt an anderer Stelle: «Ich begann zu einem Zeitpunkt meines Lebens über Inez Victor und Jack Lovett nachzudenken, als mir Sicherheit fehlte, sogar ein Mindestmass an Selbstbewusstsein fehlte, das alle Schriftsteller beim Schreiben von Romanen für unerlässlich halten [...], mir sogar der Glaube an meine eigene Technik fehlte.»

Eigentlich zu viel

Inez Victor und Jack Lovett fungieren als Protagonisten dieses Anti-Romans. Inez ist die Gattin eines amerikanischen Senators und ehemaligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Jack ist ein «Informationsspezialist», der ständig irgendwo auf der Welt irgendwelche dunklen Geschäfte tätigt. Ob im eigenen Interesse oder in dem der Vereinigten Staaten, ist nicht immer ganz klar. Die Wege der beiden kreuzen sich wieder und wieder über zwei Jahrzehnte hinweg, doch erst ein Doppelmord und der Umstand, dass Inez’ drogenabhängige Tochter ihren Lieben ins Chaos Saigons während der letzten Kriegstage entwischt, bewegen Inez und Victor dazu, endlich miteinander durchzubrennen. Dass dieses Glück nicht von Dauer ist, versteht sich von selbst in einem Roman, in dem sogar die Satzzeichen Desillusion zu signalisieren scheinen.

Keineswegs von selbst versteht sich aber, dass «Demokratie» spannend zu lesen ist. Obwohl heute jeder zweite Indie-Streifen aus den USA zumindest einen Subplot über Amerikas dubiose internationale Beziehungen enthält. Obwohl wir angesichts meta-fiktiver Manierismen gern die Nase rümpfen und auch Joan Didions selbstreferenzielles Staccato und ihre Um-keinen-Preis-lineare-Erzählweise des mässig Originellen gelegentlich zu viel sind.

Bestechende Bilder

Dass man «Demokratie» nicht einfach zurück ins Regal stellt, liegt hauptsächlich an den bestechenden Bildern, die Didion heraufzubeschwören vermag. Was nicht verwundert, zumal Didion in den über fünfzig Jahren ihrer Karriere auch Drehbücher verfasst hat. Diese Bilder und nicht die schemenhaften und schemenhaft bleibenden Akteure sind es, die dem Roman Konturen verleihen: ein Mann und ­eine Frau, die in einer leeren Armee-Bar zu «Dream a Little Dream of Me» tanzen, während im Fernseher über dem Tresen tonlos die Evakuierung einer Stadt in Südostasien vor sich hin flimmert. Eine Villa im sanften Morgenlicht in Honolulu, eine Schwerverletzte auf dem tiefgrünen Rasen, ein Toter im Haus und ein älterer Mann, der mit einer .357 Magnum unter dem Arm das Grundstück verlässt. Der Mann ist der Vater der Schwerverletzen, die Schwerverletzte die Schwester Inez’. «Demokratie» ist auch ein merkwürdig rührender Roman über den Zerfall einer illustren Familie. Es wird vorgeführt, wie rücksichtslos Geschichte auch ins Leben jener Leute einbricht, die sich einbilden, sie zu machen.

Gewiss, die Belletristin Joan Didion ist nicht ganz so überzeugend wie die zu Recht ­legendäre Journalistin Didion. Doch wer Joan Didion ohnehin nur als Autorin von «Das Jahr magischen Denkens» kennt, jenes Buches über den Tod ihres Mannes und ­ihrer Tochter, das vor zwei Jahren überraschend zum Weltbestseller geriet, dem sei dieser Roman wärmstens empfohlen.


Joan Didion: Demokratie. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Karin Graf.
Mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel.
Claassen. 264 S., Fr. 35.90

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