Gunter Sachs

Das Fabelwesen

Gunter Sachs liefen die Frauen von selbst zu, das Taschengeld ging ihm nie aus. Zum 75. Geburtstag schreibt Thomas Gottschalk exklusiv für die Weltwoche eine Hommage an sein Jugendidol.

Von Thomas Gottschalk

Die männlichen Vertreter meiner Generation hatten klar umrissene Berufsvorstellungen: Bis zur Pubertät wollten wir Cowboys werden, danach Playboys. Ersteres hatte mit zwei Eigenschaften zu tun, die unserem Nachwuchs inzwischen verlorengegangen sind: Wir konnten es problemlos zwei Stunden an der frischen Luft aushalten, ohne irgendwelche Mailboxen zu checken, Klingeltöne downzuloaden oder Akkus aufladen zu müssen. Dazu kam die Fähigkeit, umfangreiche und weitschweifige Bücher wie «Lederstrumpf» oder «Winnetou III» ohne Einnahme von konzentrationsfördernden Medikamenten zu lesen und dabei den Soundtrack und die Special Effects im eigenen Kopf zu produzieren. Wir kamen also im Vollbesitz unserer geistigen und körperlichen Kräfte in der Pubertät an und brauchten dringenden Ersatz für die keuschen Helden unserer Kindheit. Donald Duck, Old Shatterhand und Heinrich Lübke taugten kaum zum männlichen Sexidol.

Es gab damals nur ein einziges deutsches Symbol vermeintlichen Lasters: Gunter Sachs. Der hielt sich in sonnigen Gegenden auf, und während uns die Mädchen von feindlichen Kräften ausgespannt wurden, liefen ihm die Frauen irgendwie automatisch zu. Dazu ging ihm, im Gegensatz zu uns, das Taschengeld nie aus. Man sah im «Lesezirkel» viele, viele Fotos von ihm, aber nie eines, wenn er mit der Aktentasche zur Arbeit ging. Ein Fabelwesen also, dessen wissenschaftliche Bezeichnung Homo ludens ins moderne Englisch übertragen wurde: Heraus kam der Playboy. James Bond war die gewalttätige Variante, aber schliesslich war das Motto der Zeit «All you need is love».

Von der raren Spezies frauenumschwärmter und champagnerumspülter Lebenskünstler gab es nur eine einzige erwähnenswerte deutsche Ausgabe, und die hiess Gunter Sachs. Die Dreigangschaltung meines Fahrrades war nach ihm benannt, weswegen ich mich dem Mann schon damals verbunden fühlte. Ausserdem schien er sich der modischen Etikette zumindest insoweit zu versagen, als er zu wichtigen Anlässen, einschliesslich seiner eigenen Hochzeit, ohne Socken erschien. Dies mag damals nicht jedem aufgefallen sein, hat aber meinen Nonkonformismus in Kleidungsfragen nachhaltig und früh beeinflusst. Trotzdem hätte ich den Mann spätestens in dem Moment abgehakt, in dem die damals noch schwarzweisse, aber immerhin bereits «Tönende Wochenschau» seine fällige Einheirat in einen alten Stahlkonzern oder ein noch älteres Adelsgeschlecht vermeldet hätte. Aber auch in dieser Beziehung hat er mich nicht enttäuscht: Brigitte Bardot erst den Franzosen auszuspannen und dann zu ehelichen, war eine Meisterleistung, auch wenn das Kunstwerk nicht allzu lange hielt.

Wir haben dann für ein paar Jahre unabhängig voneinander alles richtig gemacht und uns erst Mitte der achtziger Jahre kennengelernt. In einem für mich ganz entscheidenden Moment: Gunter Sachs war einer der Gäste in meiner ersten Ausgabe von «Wetten, dass...?». Die Tatsache, dass er damals jünger war, als ich jetzt bin, bringt meine Lebensarithmetik gehörig durcheinander. Wie er überhaupt, seitdem wir Freunde geworden sind, immer wieder mein Denken in ganz unterschiedlichen Bereichen inspiriert hat.

Verbeugung vor den Frauen

Als zwar kaum revolutionärer, aber doch nachweislicher 68er mit Bafög-Studium waren mir wohlhabende Menschen so lange suspekt, bis ich selber einer wurde. So weit war ich Mitte dreissig allerdings noch nicht; und ich pflegte deswegen die Binsenweisheit, dass Geld den Charakter verdirbt, weil ich zumindest davon ausreichend zu haben glaubte. Aber es gibt kaum jemanden, der Vorurteile so angenehm als solche entlarvt wie Gunter Sachs. Bevor ich ihn kennenlernte, kriegte ich Kohle und Anstand irgendwie nicht in die gleiche Schublade. Bescheidenheit und Mass schon gar nicht. Obwohl ich in den meisten gewesen bin, weiss ich immer noch nicht genau wie viele Häuser er besitzt, aber auf jeden Fall gehören ihm an die hundert Kühlschränke. Normal ist das nicht, aber ich habe in den zwanzig Jahren, in denen ich Gunter kenne, keine einzige Geste der Überheblichkeit an ihm bemerkt. Diese arrogante «Ich hab’s ja»-Mentalität, die sich in ihrer russischen Version in den Gucci-Läden dieser Welt beobachten lässt, ist ihm ebenso fremd wie ein Macho-Verhalten, mit dem ich fest gerechnet hatte, weil sein Ruf ihn eigentlich darauf verpflichtet hätte. Sachs funktioniert anders.

Der Möchtegernplayboy schnippt mit dem Finger, wenn’s um Frauen geht, Gunter verneigt sich vor ihnen. Ich habe in unseren Gesprächen über das andere Geschlecht, und davon gab es viele, keine einzige hämische, despektierliche oder anzügliche Äusserung über Frauen von ihm gehört. Und es gibt bei ihm auch keinen unterschiedlichen Blickwinkel nach oben oder unten. Meine Sekretärin ist es gewohnt, dass sich der Tonfall des Anrufers ändert, wenn sie zu mir durchstellt. Gunter Sachs ist der Säulenheilige ihrer strapazierten Seele, was den Umgang mit «Personal» betrifft.

Auch der immer wieder bemühte Vorwurf des reichen Müssiggängers ist so weit daneben, dass es sich nicht lohnt, darauf einzugehen. Es sollte sich herumgesprochen haben, dass Sachs Mathematik studiert hat, für seine Dokumentarfilme mit Preisen überhäuft wurde und als Fotograf weltweit anerkannt ist. Seine Sammlung moderner Kunst ist von hohem Ruf, sein philanthropischer Einsatz für medizinische Forschung ist dagegen nur den Instituten bekannt, die im Interesse der Allgemeinheit davon profitieren. Von menschlichen Schicksalsschlägen ist dieses fränkische Urgestein mit Schweizer Pass so wenig verschont geblieben wie jeder an-dere Mensch, der das Glück hat, alt zu werden.

Nun sollen diese Ausführungen allerdings nicht zur Heiligsprechung von Gunter Sachs beitragen, sondern ein Beitrag zu seinem 75. Geburtstag sein. Da stellt sich notgedrungen eine Frage, die ich zu meinem Fünfzigsten gerade noch umgehen konnte. Was kommt danach? Wenn man die Medienaufmerksamkeit vergleicht, die Sachs in seinen Twenties hatte, fallen einem heute analog dazu nur Paris Hilton und Britney Spears ein. Nachdem Fräulein Spears in letzter Zeit eher ein pathologisch interessiertes Fachpublikum unterhält, bleibt zum Vergleich die kapriziöse Hotelerbin. Trotz des Zeitabstandes von einem halben Jahrhundert durchaus ein statthaftes Unterfangen, allerdings mit dem zusätzlichen Wahnsinnsfaktor einer inzwischen durchgedrehten Medienfabrik.

Wenn Gunter Sachs aus seiner «frühen Phase» berichtet, fallen Namen wie Coco Chanel oder Giovanni Agnelli. Da gab es Happenings mit Salvador Dalí oder Diskussionen mit Andy Warhol, Begegnungen mit Nobelpreisträgern und Abendessen mit Curd Jürgens oder Herbert von Karajan. Viel Glamour, aber auch echter Glanz. Ich habe den direkten Vergleich, denn ich sass auch mit Paris Hilton, dem Wunderkind der Klatschpresse, mehrfach am Tisch. Weder dienstlich noch privat habe ich je einen einzigen Satz von ihr gehört, den man sich hätte merken müssen, abgesehen davon, dass sie auch bei offiziellen Anlässen fast ausschliesslich in ihr Handy spricht. Meines hat mal im falschen Moment geklingelt, als ich neben Sachs bei einem Dinner sass. Erst hat er mich angeknurrt, ich soll das Ding ausmachen, und dann einen Satz nachgeschoben, den ich sonst nur von meiner Mutter um die Ohren kriegte: «So was gehört sich eigentlich nicht.» Das ist der Unterschied zwischen einer Stilikone und einem Mann mit Stil.


Thomas Gottschalk, 57, gehört zu den prominentesten Entertainern Deutschlands. Seit 2006 bewohnt er nach vielen Jahren in Malibu ein Schloss am Rhein.

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