Herr Geiser aus Basel, 73, ein Witwer in einem Häuschen im Onsernonetal, ist irritiert: Es will nicht aufhören zu regnen. Hänge rutschen, das Postauto fährt nicht mehr, der Himmel bleibt grau. Geiser fühlt sich gefangen. Alles ist so unwirklich. Und er grübelt: Was wissen wir Menschen von der Welt? Ist die Welt ausserhalb des Tals überhaupt noch da? So beginnt Max Frischs Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän».
Geiser beschliesst die Flucht, um in die Realität zurückzugelangen, die ihm abhandenzukommen droht. Der Passo della Garina hinüber ins Maggiatal, den er wählt, ist auch für uns Spätherbst-Wanderer eine schlaue Route. Nur 1076 Meter hoch, birgt er keine Gefahr, wenn man nur auf der Maggiaseite im Wald des Larecciotals aufpasst: Der Pfad führt einer Steilflanke über dem Tobel entlang; man muss mit Bedacht auftreten und sollte nicht stolpern. Ansonsten erweist sich die Route als Freudenspenderin, was schon für Loco gilt, das Dorf über der Isornoschlucht mit seinen dichtgedrängten Häusern. In dreissig Minuten erreicht man von hier auf einem alten Kulturweg das feine, frischrenovierte Sassello-Kirchlein. Und nach noch einmal dreissig Minuten wird das Gelände flacher, und kurz darauf steht man auf der Passhöhe: Rustici, felsbrockenübersäte Wiesen, aus Steinen gebaute Weidemauern. Steile Waldflanken rahmen die Landschaft, in der man jetzt sehr allein ist.
Wirr leider die Signalisation auf der Passhöhe. Korrekt ist: zuerst rechts Richtung «Salmone», dann nach gut fünfzig Metern beim nächsten Wegweiser wieder links, also weg vom Salmone, einem Berg, den wir in dieser Jahreszeit nicht mehr besteigen sollten. Wir folgen einem Trockenmäuerchen, und innert fünf Minuten landen wir im besagten La-reccio-Tobel-Wald. Immer wandeln wir dabei auf Herrn Geisers Spuren, dessen Route Max Frisch bei aller erzählerischen Lakonie präzis beschrieben hat, so dass, wer die Geschichte gelesen hat, viele Details wiedererkennt. Erst tief unten, nun schon nah dem Maggiatal, nehmen wir Abschied von Geiser. Ermüdet, durchnässt, zerkratzt, den rechten Arm von einem Sturz aufgeschürft, kehrt der alte Mann um. Wir aber setzen fort, erblicken irgendwann das helle Geschiebeband der Maggia, queren diese auf einer modernen Hängebrücke, erreichen in Ronchini die Strasse durchs Maggiatal und sind damit definitiv zurück in der Realität.
Route: Loco (Onsernonetal)–Garinapass–Ronchini. 400 Meter auf-, 750 Meter abwärts
Reise: Bus Locarno–Loco. Bus Ronchini–Locarno
Lektüre. Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän.
Suhrkamp, 1979. 144 S., Fr. 12.10
Karte: Wanderkarte als PDF













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