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07.11.2007, Ausgabe 45/07

Entwicklungshilfe

Zwischen Anmassung und Aufopferung

Drei renommierte Ökonomen suchen nach Gründen für das Elend in Afrika und kommen zu ganz unterschiedlichen Schlüssen.

Von David Signer

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Gleich drei renommierte Ökonomen haben sich in letzter Zeit der Frage angenommen, warum manche Länder so arm sind und was dagegen zu tun ist: Jeffrey D. Sachs, William Easterly und Paul Collier. Alle drei arbeiteten für die Weltbank und sind heute Professoren; aber sie kommen in ihren Werken zu grundsätzlich unterschiedlichen Auffassungen, obwohl jeder von ihnen seine jeweilige Auffassung mit ganz «objektiven», zahlengesättigten Stu­dien belegen kann. Zuerst kam Sachs und stellte in «Das Ende der Armut» die These auf, die Dritte Welt sei in einer Armutsfalle gefangen, aus der sie nur massive Finanzspritzen aus dem reichen Teil der Welt retten könnten. Dann vertrat Easterly in «Wir retten die Welt zu Tode» die Gegenthese, dass westliche Hilfe im grossen Ganzen bisher nichts gebracht, ja oft sogar geschadet habe. Paul Collier nun versucht in «The Bottom Billion» eine Synthese: Geldhilfe allein bringe tatsächlich nichts, postuliert er, aber zusammen mit andern – handelspolitischen, juristischen und militärischen – Massnahmen seien Verbesserungen möglich.

Jeffrey D. Sachs leitet das Earth Institute der Columbia-Universität in New York und ist Direktor des UN-Millennium-Projekts zur globalen Armutsbekämpfung. In den neunziger Jahren beriet er osteuropäische Regierungen, wie sie am schnellsten freie Marktwirtschaft einführen konnten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er Afrika heute einer radikal planwirtschaftlichen Kur mit einem detaillierten Massnahmenkatalog, einer Sanierung von oben, unterziehen will. Mit 75 Milliarden Dollar pro Jahr kann, laut seinen Berechnungen, Afrika gerettet werden (big push). Die Priorität setzt er dabei nicht auf wirtschaftliches Wachstum, sondern auf die Verteilung von Moskitonetzen und von antiretro­viralen Aids-Medikamenten, den Bau von Infrastruktur, Entschuldung und verbessertes Saatgut. Was innerafrikanische Entwicklungshindernisse angeht, so hält er fest, es gebe keinen Hinweis dafür, dass innerhalb der armen Länder solche mit hoher Korruption und schlechter Regierungsführung schlechter abschnitten als andere; zudem sei die Assozia­tion von Afrika mit Korruption oft rassistisch motiviert.

Der springende Punkt ist für Sachs die Armutsfalle: Armut selbst ist die Hauptursache für Armut. Wer ums Leben kämpft, kann nicht sparen und hat dadurch keine Chance, etwas an seinem Leben zu ändern. Nur Zuschüsse von aussen können ihn von der untersten auf die zweitunterste Leitersprosse bringen, von wo aus er dann alleine weitersteigen kann. Ein Schritt in Richtung dieses big push wurde seines Erachtens 2005 am G-8-Gipfel in Glen­eagles gemacht, als eine Verdoppelung der Afrika-Hilfe beschlossen wurde.

Sachs spricht von der «Herausforderung für unsere Generation». Im Vorwort schreibt Bono: «Es liegt an uns.» Gordon Brown wandte sich bei Ankündigung seines Hilfsplans mit den Worten an die Afrikaner: «Wir geben euch die Kraft, über die Schwelle zu treten.»

Der Kameruner Journalist Jean-Claude Shanda Tonme kommentierte solche Aussagen anlässlich der Live-8-Konzerte in der New York Times: «Mit ihrer Bereitschaft, in unserem Namen Lösungen vorzuschlagen, halten sie uns immer noch für Kinder, die sie retten müssen.»

William Easterly sieht in dieser Mischung aus Anmassung und Aufopferung denselben kolonialen Geist am Werk, den Rudyard Kip-ling 1899 als «Bürde des weissen Mannes» beschrieb. «The White Man’s Burden» ist denn auch der ironische Originaltitel von Easterlys Werk. Er postuliert, dass alle kolonialen, neokolonialen, militärischen und karitativen Gross­projekte die Dinge nur schlimmer gemacht haben, weil sie davon ausgingen, Veränderung lasse sich planen und von oben her einführen. (Es bleibt allerdings die Ironie, dass auch er selber – zusammen mit seinen weissen Kollegen Sachs und Collier – sich den Kopf zerbricht, was für Afrika das Beste wäre.)

Mangel an Geld ist nicht das Problem

Die Tragödie liegt für Easterly in der Tatsache, dass «der Westen in den vergangenen fünf Jahrzehnten 2,3 Billionen Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben und es trotzdem nicht geschafft hat, den Kindern die 12 Cent teuren Medikamente zukommen zu lassen, die in der Lage wären, die Hälfte aller malariabedingten Todesfälle zu verhindern». Die These von der Armutsfalle kann Easterly leicht widerlegen; die jüngere Geschichte ist voll von Ländern, die es ohne Entwicklungshilfe geschafft haben, und solchen, die es trotz Hilfe nicht geschafft haben. Gäbe es wirklich eine Armutsfalle, wären wir alle immer noch arm. Tatsächlich ist Entwicklungshilfe kaum nachhaltig; sie hat wenig Einfluss auf das wirtschaftliche Wachstum. Die Qualität der Regierungsführung ist viel wichtiger. Übersteigt ausländische Hilfe acht Prozent des Bruttosozialproduktes eines Landes, wird sie gemäss seinen Studien sogar kontraproduktiv. Heute gibt es bereits 27 solche Länder. Übernehmen die Geberländer die aktuellen big push-Vorschläge, werden praktisch alle einkommensschwachen Länder diese Schwelle überschreiten.

Paul Collier vergleicht in «The Bottom Billion» Entwicklungshilfe mit Öl. Insbesondere wenn ein Land Budgethilfe bekommt, ähnelt das den relativ einfachen Einkünften aus Bodenschätzen, die meist auch direkt in die Staatskasse fliessen. Das Problem ist, dass die-ses leichte Geld im Allgemeinen die Situa­tion verschlechtert, siehe Angola, Sierra Leone, Liberia, Nigeria, Tschad. Öl führt zur «Rentenwirtschaft», zur Vernachlässigung von andern – aufwendigeren – Einnahmequellen, zu mehr Korruption, es entbindet den Staat von der Notwendigkeit, Steuern zu erheben und dem Bürger im Gegenzug Rechenschaft über die Ausgaben zu erstatten.

Und es verführt, insbesondere in ethnisch heterogenen Ländern, rivalisierende Gruppen zu Staatsstreichen. In schlecht regierten Ländern wie Tschad zementieren ausländische Hilfs­gelder die bestehenden Strukturen, einerseits indem sie in die Armee fliessen, mit der sich das Regime schützt, andererseits indem sie die Patronage fördern, durch die sich Autoritäten nicht mehr demokratisch, sondern durch vielfältige Zahlungen absichern und «legitimieren». Für produktive Investitionen bleibt wenig übrig.

Die negativen Folgen der massiven Einnahmen aus Rohstoffen nennt Collier die «Falle der natürlichen Ressourcen». Sie beweist, dass der Mangel an Geld nicht das Problem ist. Weitere Fallen sind: Binnenlage, Bürgerkriege und schlechte Regierungsführung. Colliers Buch heisst «The Bottom Billion», was man mit «Die Milliarde am Boden» übersetzen könnte. Damit nimmt er eine Akzentverschiebung vor. Denn heute stehen sich nicht mehr der reiche Westen und der arme «Rest» gegenüber. Eher unterteilt sich die Welt in eine reiche Milliarde, vier Milliarden aus aufholenden Entwicklungsländern und eine Milliarde aus stagnierenden Regionen, eben the bottom billion. Angesichts der aufholenden Länder vor allem in Asien stellt sich die Frage schärfer als noch vor zehn Jahren, was es mit dem ärmsten Sechstel auf sich hat, den 58 meist kleinen und vor allem afrikanischen Ländern. Die klassische linke Erklärung – «Sie sind arm, weil wir reich sind» – ist heute unplausibler denn je. Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel. Ein Land profitiert, wenn es den andern gutgeht. Das Problem vieler afrikanischer Länder – vor allem von solchen ohne Meerzugang – liegt gerade darin, von armen und chaotischen Nachbarn umgeben zu sein, was den Transport zum nächsten Hafen schwierig und gegenseitigen Handel unlukrativ macht.

Handelspolitik statt Entwicklungshilfe

Alle Länder der «unteren Milliarde» sind von einer oder mehreren dieser «Fallen» betroffen. Ihre wirtschaftliche Chance läge im Bereich von arbeitsintensiven Manufakturen; dank des Lohngefälles könnten sie billig produzieren und exportieren. Aber das ist genau das, was heute Asien macht. Afrika könnte bloss noch auf den Zug aufspringen, wenn der Westen gezielt dessen Märkte durch Einfuhr­erleichterungen förderte. Diese handelspolitischen Massnahmen gewichtet Collier höher als Entwicklungshilfe. Hilfsorganisationen seien zu sehr auf soziale Hilfe konzentriert und wachstums- und wirtschaftsfeindlich eingestellt, schreibt er. Aber langfristig könnten diesen Ländern nur Investitionen helfen. Zu diesem Zweck müssten positive Anreize für vorbildhafte Länder geschaffen werden, etwa durch Chartas oder internationale Gesetze (die auch die Kapitalflucht schärfer ahndeten).

Am meisten polarisieren dürfte Colliers Bewertung der militärischen Intervention als «Hilfsstrategie». Er führte die britische Operation «Palliser» in Sierra Leone im Jahr 2000 an. Mit tausend Soldaten konnte dort in kurzer Zeit ein Bürgerkrieg beendet werden. Collier schätzt die Kosten eines Bürgerkriegs für ein Land auf 64 Milliarden Dollar. Auch aus Kosten-Nutzen-Sicht war das Eingreifen in Sierra Leone ein Erfolg, abgesehen vom menschlichen Elend, das man etwa in Ruanda durch eine Intervention hätte verhindern können.

Sinnlose Hilfe

Das Werk von Jeffrey Sachs ist heute die Bibel der Linken. Es besteht etwa zur Hälfte aus interessanten, zum Teil erschütternden Fakten und zur Hälfte aus moralischen Appellen, die aber die Zweifel an seinem Optimismus nicht ganz ausräumen. Immerhin ist er ja nicht der Erste, der Afrika zu helfen versucht. Demgegenüber wird William Easterlys Werk gerne von der Rechten ins Feld geführt, wenn es darum geht, die Sinnlosigkeit von Hilfe zu demonstrieren. Die Beispiele, die er anführt, sind tatsächlich haarsträubend. Aber seine Favorisierung der pragmatischen «Sucher» gegenüber den utopischen «Planern» bleibt allzu diffus. Da ist Collier ernsthafter und systematischer, indem er sich zumindest um eine kühle Analyse der Probleme und möglicher Lösungen bemüht und dabei weder ins Predigen noch in Zynismus verfällt. Er zeigt, dass, auch wenn die Verantwortung für die afrikanische Misere grösstenteils bei den dortigen Eliten selbst liegt, der Westen durchaus Möglichkeiten hat, «smart» zu intervenieren, das heisst nicht primär mit enormen Summen, aber intelligent.


Paul Collier: The Bottom Billion.
Why the Poorest Countries Are Failing and What Can Be Done About It.
Oxford University Press. 205 S., Fr. 48.50

William Easterly: Wir retten die Welt zu Tode.
Für ein professionelleres Management im Kampfgegen die Armut.
Campus. 388 S., Fr. 43.70

Jeffrey D. Sachs: Das Ende der Armut.
Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt.
Bertelsmann. 450 S., Fr. 23.90

Exklusiv für Weltwoche-Leser: Die Zusammenfassung von William Easterlys «The White Man’s Burden» und von Jeffrey D. Sachs’ «Das Ende der Armut» kostenlos auf www.getAbstract.com/weltwoche.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 45/07
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