Internet

Netz des Bösen

Fördert das Internet Nichtleser? Eine deutsche Debatte.

Von Julian Schütt

Mitte Oktober hiess es in einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung noch beruhigend, das Internet sporne den Buchmarkt an. In den letzten Oktobertagen aber malte der FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher das Schreckgespenst einer Zivilisation von Nicht- oder Fastnichtmehrlesern an die Wand – und das wegen des Internets. Innerhalb der ersten Internetgeneration steige nämlich der Anteil derjenigen, die bekennen, gar nicht mehr zu lesen, «dramatisch». Die wenigen Kinder, die überhaupt noch auf die Welt gestellt werden, seien alsbald einem pornografischen und gewalttätigen Extremismus ausgesetzt wie niemals zuvor eine Generation. Dieser ikonografische Extremismus wirke sich «wie eine Körperverletzung» aus.

Das sagte Schirrmacher am vergangenen Samstag, als ihm der Jacob-Grimm-Preis verliehen wurde. Seine Rede war aber nicht als Märchen gedacht, sondern vielmehr als Versuch, eine Debatte über grauenerregende und kriminelle Inhalte im Internet auszulösen. Als wirksames Mittel gegen die Abstumpfung empfahl Schirrmacher das, was ihm am nächsten liegt: die Qualitätszeitung. Deren kostbarstes Gut seien ihre Verlässlichkeit («eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden») und ihre Autorität.

Solange Frank Schirrmacher sein Gespür für überfällige Debattenlancierungen nicht verliert, ist das Abendland noch zu retten. Und selbst wenn er – wie schon bei der Demografiedebatte – mit seinem Pathos des Entrüstetseins übers Ziel hinausschiesst, hat der Chefpublizist aus Frankfurt in einigen Kernpunkten recht. In der Tat verändert das Internet die Gehirne, und darüber sollte ebenso nachgedacht werden wie über das Internet als Dark Room, in welchem Kinder und Jugendliche besorgniserregend leicht jede erdenkliche Perversion herunterladen können. Manch einer (nicht Schirrmacher) sehnt sich da wohl bereits nach einem neuen «Schmutz- und Schundgesetz».

Doch wer über Zensurmassnahmen nachdenkt, begibt sich ebenfalls in besorgniserregende Gesellschaft: Gerade weil das Internet im Kampf für Demokratie eine zentrale Rolle spielt, wird es, wie die Organisation «Reporter ohne Grenzen» dieser Tage publik gemacht hat, von repressiven Regierungen immer stärker zensiert, so in China oder Russland und besonders schlimm in islamischen Ländern wie Pakistan, Iran, Syrien, Libyen oder in den Palästinensergebieten.


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