Intelligenz

Das Dumme am schwarzen IQ

Der Nobelpreisträger James Watson sagte, Schwarze seien nicht so intelligent wie Weisse. In der Tat ist ihr Intelligenzquotient geringer. Aber die Intelligenzmessung wirft viel mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Und Intelligenz allein ist nicht entscheidend für Erfolg.

Von Rolf Degen

Als die ersten europäischen Entdeckungsreisenden im 18.Jahrhundert den afrikanischen Kontinent durchstreiften, nötigten ihnen die Eingeborenen mit ihrer feinen Töpferware und ihren kunstvoll geschnitzten Holzstatuen durchaus Respekt ab. Aber vor allen Dingen rümpften sie die Nase über die «abartig niedrige Intelligenz» der Dunkelhäutigen, die in ihrer Nacktheit, ihrer unterentwickelten Hygiene, ihren primitiven Hütten und in ihrer «zurückgebliebenen» Kultur zum Ausdruck kam. Die Schilderungen über die ersten Expeditionen in den Fernen Osten hatten dagegen einen völlig anderen Unterton. Marco Polo, der im Jahr 1275 in China eintraf, geriet ins Schwärmen über die fortschrittlichen Strassen, Kanäle, Brücken und zivilisatorischen Errungenschaften des fremden Reichs. «Mit Sicherheit», hielt er in seinem Reisebericht fest, «gibt es keine intelligentere Rasse als die chinesische auf dieser Welt.»

Im Jahr 1917, als die Amerikaner in den Ersten Weltkrieg eintraten, wiederholte sich das afrikanische Aha-Erlebnis in der Neuen Welt. Zwar hatte es auch zuvor nicht an Lamentos über die Primitivität und Unkultiviertheit der afroamerikanischen Minderheit gefehlt. Aber plötzlich verlieh die aufkeimende junge Wissenschaft der Psychologie solchen Wahrnehmungen einen seriösen Touch. Um die tüchtigsten Rekruten auszulesen, wurden zum ersten Mal Millionen von Anwärtern durch das neuentwickelte Prüfungsverfahren des Intelligenztestes geschleust. Robert M.Yerkes von der Harvard University hatte die entsprechenden Fragebögen zusammengestellt.

Kaum dass die Ergebnisse der Testreihen publik wurden, gellte ein Aufschrei der Entrüstung durch die Nation. Bei der Datenanalyse war herausgekommen, dass Weisse ein höheres durchschnittliches «Intelligenzalter» als Schwarze erreicht hatten. Die beteiligten Forscher führten diese Kluft auf angeborene Begabungsunterschiede zwischen den Rassen zurück. Yerkes warnte 1923 gar vor der «Gefahr der Rassenentartung», falls die Zuwanderung angeblich minderbemittelter Völker nicht gebremst werde, und sprach damit seinen Zeitgenossen aus dem Mund.

Die intelligenten Ostasiaten

1968, auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte, stiess Arthur Jensen, ein Pionier der modernen Intelligenzforschung von der Berkley-Universität, mit dem gleichen Gedankengut auf steifen Gegenwind. In einem Artikel mit dem harmlosen Titel «In welchem Masse können wir den IQ und den schulischen Erfolg steigern?» berichtete er über seine IQ-Messungen, die zeigten, dass schwarze Amerikaner deutlich niedrigere Werte aufwiesen als weisse. Da er davon ausging, dass Intelligenz grösstenteils erblich ist, lastete er das Scheitern schulischer Förderungsprogramme für Schwarze vor allem diesen selber an. Doch wegen des veränderten Zeitgeistes wurde Jensen für seine Thesen mit Hohn und Feindschaft bedacht; der Begriff «Jensenismus» sollte fortan für kleinkarierten Rassismus stehen.

Der nächste grosse Streit um diese Behauptung brach im Jahr 1994 vom Zaun. Damals veröffentlichten der inzwischen verstorbene Psychologe Richard Herrnstein und der Soziologe Charles Murray «The Bell Curve», zu Deutsch «Die Glockenkurve». Der Titel spielt auf die Gausssche Normalverteilung an, die auch die Verteilung von Intelligenz in einer grossen Stichprobe beschreibt: Es gibt wenige sehr kluge und wenige sehr dumme Menschen, die meisten haben einen mittleren Intelligenzquotienten. Herrnsteins und Murrays These: Die Kurve für Schwarze ist eine andere als die für Weisse – der Mittelwert liegt niedriger. Tatsächlich, und das bestätigen auch über jeden Verdacht erhabene Intelligenzforscher, ergaben Intelligenzmessungen an weissen und schwarzen US-Amerikanern oft einen IQ für Schwarze, der 10 bis 15 Punkte unterhalb des Mittelwertes von 100 liegt. Ostasiaten schneiden dagegen sogar noch besser ab als die weisse Bevölkerungsmehrheit.

Etwa zur gleichen Zeit, als die linksintellektuelle Szene sich über die «Bell Curve» ereiferte, schlug der Psychologe J.Philippe Rushton von der University of Western Ontario in Kanada mit einer Buchveröffentlichung eine härtere Gangart ein. Rushton hatte Untersuchungen und Literaturanalysen vorgenommen, die nahelegten, dass bei einer Reihe von menschlichen Eigenschaften wie Gehirngrösse, IQ und Selbstkontrolle bei den drei untersuchten Rassen immer das gleiche 1-2-3-Muster auftritt. In Rushtons seltsamer Wortwahl, die aber durchaus dem Sprachgebrauch in der Anthropologie entspricht, hiess das: «Mongolide» (Gelbe) haben eine höhere Intelligenz, grössere Gehirne und mehr Selbstkontrolle als «Kaukasier» (Weisse), die wiederum mit ihren Ausprägungen über «Negroiden» (Schwarzen) stehen.

Rushton setzte allerdings noch eins drauf, indem er ein evolutionsgeschichtliches Szenario entwarf, das erklären sollte, wie die Rassen zu ihren einschlägigen Kennzeichen gekommen sind. Die Theorie geht davon aus, dass die menschlichen Rassen direkt oder indirekt in Afrika in drei Ausbreitungswellen entstanden sind. Als Erste entwickelten sich die Negroiden; sie blieben in Afrika. Als Nächstes entwickelten sich die Kaukasier; diese verliessen Afrika jedoch und wanderten ins westliche Asien aus. Die Mongoliden waren die Letzten, die sich entwickelten. Sie kolonisierten das östliche und nördliche Asien und wurden dabei zu dem, was sie sind.

Gehemmte Sexualität im Norden

Mit dem Auszug aus Afrika handelten sich die Auswanderer jedoch ausgesprochen harsche und fordernde Umweltbedingungen ein. Während in Afrika ein mildes Klima und eine reiche Auswahl an pflanzlichen Nahrungsmitteln das Bild beherrschten, machten in den nördlichen Zonen kalte Winter und eine sprödere Vegetation das Überleben schwer. Die Notwendigkeit, das Feuer zu perfektionieren, Brennmaterial zu horten, Grosswild zu jagen, Nahrung zu speichern, warme Kleidung zu kreieren und den Nachwuchs selbst in eisigen Wintern durchzubringen, löste einen neuen Selektionsdruck aus: Gene, die eine höhere Intelligenz, mehr Selbstkontrolle und eine gehemmte Sexualität begünstigten, behaupteten sich nun im Daseinskampf. Da die Konditionen in Nordasien noch härter waren, bildeten sich diese Züge dort noch stärker aus.

Während die meisten Tests den in Amerika lebenden Schwarzen etwa 85 IQ-Punkte bescheinigen – den dort lebenden Asiaten 106, den Weissen etwa 100 –, findet man die niedrigsten Werte laut Rushton in Schwarzafrika, dem Teil des afrikanischen Kontinents, der sich südlich der Sahara befindet. Die Tatsache, dass die Schwarzen dort nur einen Durchschnitt von 70 IQ-Punkten erreichen, spricht nach seiner Ansicht für erbliche Ursachen, denn die intelligenteren Afroamerikaner hätten sich schliesslich genetisch zu 20 Prozent mit der «schlaueren» weissen Bevölkerungsmehrheit durchmischt.

Zwar musste sich Rushton von der kanadischen Regierung den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen, und einige Wissenschaftler monierten, dass der Zusammenhang zwischen Gehirngrösse und Intelligenz alles andere als eindeutig sei. «Aber wenn man bedenkt», meint Professor Andrew Winston, ein Fakultätskollege aus Ontario, «dass Rushton eine Professur in Dauerstellung innehat, über Rasse lehrt und schreibt, ohne auf die Folter gespannt oder in den Gulag verbannt zu werden, dann sind seine Thesen einfach sehr schwer zu interpretieren.» Rushton ist Mitherausgeber von Intelligence, der führenden Fachzeitschrift zur Intelligenzforschung, und er geniesst herzliche Beziehungen zu seinen Fachkollegen. Obwohl seine Thesen im Fach eher eine Randerscheinung darstellen, bleibt er imstande, an wissenschaftlichen Besprechungen und Diskussionen teilzunehmen und in angesehenen Fachblättern des amerikanischen Psychologenverbandes zu publizieren.

Dass Afroamerikaner niedrigere Intelligenzwerte erzielen, wird übrigens selbst von den schärfsten Kritikern nicht angezweifelt, bestenfalls die Grösse der Differenz. «Die besten Daten, die wir haben, zeigen, dass dieser Wert veraltet ist und dass der IQ-Unterschied zwischen Schwarzen und Weissen sich in den letzten Jahrzehnten verringert hat», wirft der Psychologe Richard Nisbett von der University of Michigan in die Diskussion. Die 52 renommierten Intelligenzforscher, die ein gemeinsames Manifest zugunsten der «Bell Curve» erstellten, beharren indes darauf, dass die schwarzen IQ-Werte kaum gestiegen seien, während sich der schulische und berufliche Erfolg der Schwarzen durch die Öffnung der amerikanischen Gesellschaft verbessert habe.

Nur wenn die Gene den stärksten Einfluss hätten, so viele Kritiker, könnte man von Rassenunterschieden sprechen. Werner Wittmann, Professor für Psychologie an der Universität Mannheim, ist von der Macht der Gene überzeugt: «Die Gene machen gut 80 Prozent der Intelligenz aus. Deshalb denke ich schon, dass es biologisch relevante Unterschiede zwischen den Rassen gibt, die die Intelligenz beeinflussen.» Sein Heidelberger Kollege Joachim Funke sieht das ganz anders: «Ich gehe davon aus, dass Umwelt und Gene je 50 Prozent der Intelligenz ausmachen. Wir wollen da keiner Seite den Vorrang geben.»

«Die Tatsache, dass es Unterschiede gibt, ist unbestritten», sagt auch Aljoscha Neubauer von der Universität in Graz, einer der führenden Intelligenzforscher im deutschsprachigen Raum. Aber da Schwarze sowohl historisch gesehen als auch aktuell gesellschaftlich benachteiligt seien, mangele es ihnen auch heute noch an Förderung. Auch Ernährung und das Verhalten der Mütter während der Schwangerschaft kämen als Ursachen in Frage. «Intelligenz und IQ sind nicht so unveränderlich, wie manchmal suggeriert wird», so Neubauer. Dem hält das Manifest der 52 Professoren entgegen: «Schwarze Studenten aus wohlhabenden Familien erzielen höhere Werte als jene aus armen, aber sie erreichen nicht das Niveau von weissen Studenten aus armen Verhältnissen.»

Schwarze «versagen» bei IQ-Tests, so eine andere Kritik, weil das abschätzige Stereotyp dazwischenfunkt: Ruft man bei Versuchspersonen die Befürchtung wach, einer minderbegabten sozialen Kategorie anzugehören, dann «gehorcht» ihre Leistung dem Vorurteil und bricht ein. Das kann aber laut Rushton nicht erklären, warum die Schwarzen in Schwarzafrika so niedrige Werte erzielen, obwohl sie dort die Mehrheit bilden. Nicht einmal die Anwendung von kulturell «fairen» Tests, die auf ihre besonderen Lebensbedingungen Rücksicht nahmen, liess die Messwerte der Afroamerikaner nach oben schnellen.

Der IQ schützt nicht vor Schwierigkeiten

Die entscheidende Frage lautet aber ohnehin, ob die Psychologie mit dem Intelligenztest überhaupt ein Instrument besitzt, das irgendeine relevante Vorhersage über Erfolg und Leistung im wirklichen Leben trifft. Wer erinnert sich nicht an den begriffsstutzigen Klassenkameraden, der im Beruf plötzlich jede Menge Geld scheffelt, oder an den geistreichen «Eierkopf», der im wirklichen Leben auf keinen grünen Zweig kommt? Tatsächlich gibt der IQ noch ganz gut darüber Auskunft, wie weit ein Mensch es im schulischen oder universitären Rahmen bringen wird. Aber die Prognosen zum beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg sind kümmerlich. Nach den vorliegenden Statistiken lässt sich das berufliche Fortkommen über alle Sparten hinweg nur zu 20 Prozent durch die klassische Intelligenz vorhersagen. Ob jemand Karriere macht oder wirtschaftlich am Boden dümpelt, hat wenig mit dem gemessenen Grips zu tun.

«Intelligenzbestien» können nebenbei auch keinesfalls besonders gut mit Geld umgehen. «Der IQ eines Menschen steht in keiner Relation zu seinem Wohlstand, denn er schützt nicht davor, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten», fasst Jay Zagorsky von der Ohio State University die Ergebnisse seiner eigenen Studie zusammen. Die Probanden absolvierten einen Eignungstest und mussten Fragen zu ihrem Einkommen, ihrem Gesamtreichtum und ihren finanziellen Schwierigkeiten beantworten. Das Ergebnis: Menschen mit geringer Intelligenz waren im Durchschnitt genauso reich wie bedeutend klügere Leute, die unter den gleichen Umständen lebten. Ausserdem gaben viele Befragte mit einem sehr hohen IQ-Wert an, sich selbst finanziell ruiniert zu haben. «Finanzieller Erfolg bedeutet mehr als nur das Einkommen», erklärt er. «Wohlstand muss aufgebaut werden, damit er in brenzligen Situationen im Leben und im Ruhestand als Puffer dienen kann.» Unter den intelligentesten Befragten mit einem IQ von über 125 gaben sechs Prozent an, ihre Kreditkarten seien gesperrt, und elf Prozent, dass sie gelegentlich Zahlungen versäumten. «Menschen mit einem niedrigen Intelligenzquotienten sollten nicht glauben, sie seien handicapiert, genauso wie besonders Kluge nicht denken sollten, sie hätten einen Vorteil.»

Wenn Intelligenztests zur Personalauslese herangezogen werden, bleibt offen, wie gut sich Menschen bewährt hätten, die wegen ihrer niedrigen Punktwerte ausgesondert wurden. Die Ergebnisse einer neuen Analyse aus den USA lassen das Schlimmste befürchten. Die amerikanische Armee selektierte ihre Bewerber nämlich mehrere Jahre lang mit einer Testbatterie, in deren Normierung sich ein Fehler eingeschlichen hatte. Daher wurden viele theoretisch «unqualifizierte» Kandidaten eingestellt – wahrscheinlich ganz besonders viele Schwarze. Entgegen allen Erwartungen behaupteten sich die Betreffenden im Wehrdienst vorbildlich. Robert M.Yerkes würde sich im Grab umdrehen.

Viele wohlmeinende Stimmen fordern längst, ganz auf das Konzept «Rasse» zu verzichten, weil die genetischen Überschneidungen zwischen Ethnien diese Einteilung obsolet machten. «Von den 15000 bis 20000 Genpaaren, die es gibt, sind nur 6, oder 0,03 Prozent, mit der Hautfarbe verknüpft», hob kürzlich das Nachrichtenmagazin Spiegel hervor. Aber die gleichen Linksliberalen, die den Rassebegriff ablehnen, treten oft für Quotenregelungen (Affirmative Action) ein, bei denen Minderheiten ausschliesslich auf Basis ihrer Hautfarbe gefördert werden. An manchen kalifornischen Oberschulen wurden sogar schon negative Quoten gegen Asiaten verhängt, um die Vormachtstellung der fernöstlichen Elite zurückzuschrauben.

Selbst wenn greifbare Intelligenzunterschiede zwischen den Rassen existierten, die auf einer erblichen Anlage beruhen und die Verteilung der Lebenschancen beeinflussen, würde daraus noch längst nicht folgen, dass wir den Mitgliedern der benachteiligten Gruppen mit Vorbehalten begegnen müssten. Wie die statistische Streuung des Intelligenzquotienten nun einmal beschaffen ist, müsste sich eigentlich jeder denken können, dass es mit Sicherheit eine Menge Schwarze gibt, die schlauer sind als er. Oder die besser mit Geld umgehen.

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