Einer der ersten komplexen Begriffe, die mein Sohn im Mund führte, hiess «Stanser Viertelfett». Gemeint ist ein recht aromatischer Käse, der zeitweise täglich mindestens einmal auf den Familientisch kommen musste. So erwarb sich der Nidwaldner Hauptort unser kulinarisches Wohlwollen. Und reifte auf quasi natürliche Weise zu einem Ausflugsziel heran.
Nun stehen wir auf dem Stanser Dorfplatz und können uns ur- und gutschweizerischer Traditionen kaum erwehren. Denn da befindet sich nicht nur das Winkelrieddenkmal, sondern an diesem Samstagmittag auch ein rege besuchtes «BürgerInnen-Café»: Unter der Festzeltplache können die Einwohner in aller Ruhe mit ihren Gemeinde- und Schulräten diskutieren.
Wir aber steuern schnurstracks das heimatgeschützte Restaurant «Linde» an und wählen zur Erholung eine nicht allzu helvetische Vorspeise: Dim Sum, also verschiedene, in einen leichten Teig gehüllte Köstlichkeiten, entweder im Bambuskörbchen über Dampf gegart oder wie Frühlingsrollen in Öl ausgebacken (Fr. 21.–). Und im Grunde ist dieser selbstverständliche Umgang mit dem anderen ja ebenfalls beste Schweizer Art.
Beat Müller kombiniert gern Einheimisches mit Asiatischem, und so dürfen wir es wagen, in unserem Menü einen Bogen vom fernöstlichen Dim Sum zum alpenländischen Wild zu schlagen. Als go-between wählen wir in der «Linde» allerdings das Naheliegendste: ein Lindenblütensüppchen (Fr. 8.–). Wir müssen den Duft nach Linden zwar mehr erahnen, als dass wir ihn riechen. Dennoch gefällt die mit Rahm und Butter verfeinerte Bouillon.
Dann «Rehschnitzel auf Rahmwirsing mit Wildgarnitur und hausgemachten Spätzli» (Fr. 41.–): Das Fleisch aus Österreich auf dem Wirsingbeet ist wunderbar. Unterschätzt habe ich nur, was «Wildgarnitur» so alles bedeuten kann, nämlich Rosenkohl, Kohlräbli, Rotkraut, Maroni – alles gut zubereitet, aber mengenmässig höchstens zu bewältigen, wenn man zuvor aufs Stanserhorn hinauf- und wieder hinuntergewandert wäre. Jedenfalls fühlt sich gewiss niemand mehr viertelfett, der Beat und Regine Müllers «Linde» in Stans verlässt.
Restaurant-Hotel «Linde», Dorfplatz 7, 6370 Stans.
Telefon 041 619 09 30. www.hotel-linde.ch.
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