Al Gore

Der grüne Star

Er reist mit dem Luxusjet um die Welt in Sachen Klimawandel und geizt nicht bei der Stromrechnung: Je mehr Energie Al Gore verbraucht, desto besser ist es für den Planeten. Für diese Botschaft bekam er den Friedensnobelpreis.

Von Dirk Maxeiner

«Friede mit Mutter Erde!», ruft Gore uns zu – im Kino, auf Rockkonzerten und als teurer Dinner-Speaker. «Kehret um!», lautet seine Botschaft an die dumpfe Masse der Geländewagenfahrer und Urlaubsflieger, und wenn ihr nicht folgsam seid, dann erklärt Mutter Erde euch den Krieg wie eine schlechtgelaunte Schwiegermama. Und weil man diesen Krieg nur verlieren kann, musste Al Gore zwangsläufig den Nobelpreis gewinnen.

Die Vergabe des Friedensnobelpreises könnte eine Gelegenheit sein, sich bei den richtigen Leuten unbeliebt zu machen. Beispielsweise indem man ihn an die chinesischen Blogger verleiht, die täglich ihre Freiheit riskieren, weil sie ihre Landsleute mit unzensurierten Informationen versorgen. Auch eine Auszeichnung Ayaan Hirsi Alis, der niederländischen Islamkritikerin, brächte garantiert jede Menge Ärger.

Das Komitee zur Vergabe des Friedensnobelpreises, das traditionell von der norwegischen Arbeiterpartei dominiert wird, hat mit der Wahl von Al Gore hingegen eine wohlgefällige Entscheidung getroffen. Man setzt auf den grossen Konsens, denn es gilt, die Menschheit als Ganzes zu retten. Also lassen wir die kleinen Differenzen doch mal beiseite, der Klimawandel unterscheidet nicht zwischen Demokratien und Diktaturen.

Rein metaphorisch ist die Sache schon seit längerem in Vorbereitung. Sprachliche Vergleiche des Klimawandels mit Terror und Krieg gehören zum festen Repertoire der von Konferenz zu Konferenz jettenden Klimatokratie. Der ehemalige Unep-Direktor Klaus Töpfer zog jahrelang mit der Formulierung «Klimaschutz ist Friedenspolitik» durch die Welt. Hans Blix, gewesener Uno-Waffeninspektor, hält die globale Erwärmung «für gefährlicher als Massenvernichtungswaffen». Charles, der grüne Prinz und Europas einziger Biobauer mit Hubschrauberlandeplatz, sieht uns in einem «Krieg, den wir einfach gewinnen müssen». Die britische Sprachwissenschaftlerin Suzanne Romaine spricht von «greenspeak as warspeak» (frei übersetzt: «Grünsprech als Kriegssprech»).

Den Vogel abgeschossen haben Javier Solana, Beauftragter für die EU-Aussenpolitik, und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon: «Darfur ist der erste Konflikt, zu dessen Ursachen im weiteren Sinn auch der Klimawandel zählt.» Auf diese Begründung für den Völkermord im trockenen Sudan hat die Welt schon lange gewartet. Hier kündigt sich die nachhaltige Friedenspolitik der Zukunft an: Wir müssen nur den Fuss vom Gas nehmen und die Heizung herunterdrehen, und schon legen sie in Afrika die Waffen nieder. Und wenn wir den Wäschetrockner abschaffen, dann verzichtet Achmadinedschad bestimmt auch auf die Atombombe. (Wahrscheinlich war die globale Erwärmung bereits an Hitler schuld, denn vor 1940 sind die Temperaturen ähnlich schnell angestiegen wie heute.)

Laut Al Gore droht ein «ökologischer Holocaust», der Klimawandel sei für die Menschheit «die wichtigste moralische, ethische, spirituelle und politische Frage aller Zeiten». Eine Nummer kleiner kann er nicht. Keiner schlägt ihn im Finden immer neuer Superlative. So sprechen Religionsstifter zu ihren Jüngern. Eine von Zivilisationsmüdigkeit befallene Wohlstandsgesellschaft nimmt die Kunde vom dräuenden Weltuntergang geradezu wollüstig auf. Faktische Unterfütterung brauchen Aussagen in diesem Stadium höheren Bewusstseins nicht mehr, denn, so Gore, «die Evidenz einer ökologischen Kristallnacht ist so klar wie das Klirren der zerberstenden Scheiben in Berlin».

Ein Lehrfilm in Panikmache

Ein Richter des britischen High Court war dieser Tage gezwungen, sich mit der Evidenz von Gores Aussagen auseinanderzusetzen. Ein Vater hatte dagegen geklagt, dass Gores Film «Eine unbequeme Wahrheit» als Lehrfilm an britischen Schulen gezeigt wird. Ergebnis der Verhandlung: Gores Katastrophenshow darf im Unterricht nicht mehr ohne einordnende Warnhinweise gezeigt werden. Im Urteil werden akribisch neun solide Falschbehauptungen und Übertreibungen aufgelistet, vom um viele Meter steigenden Meeresspiegel bis zum Ausbleiben des Golfstroms. «Eine unbequeme Wahrheit» ist ein Lehrfilm in Panikmache und politischer Propaganda. Ein Oscar und der Friedensnobelpreis machen ihn jetzt noch lehrreicher.

Gore schrieb schon 1992 in seinem Buch «Wege zum Gleichgewicht»: «Leugnung ist die Strategie derer, die zu glauben wünschen, dass sie ihr suchtabhängiges Leben ohne schlimme Auswirkungen auf sich selbst und andere fortsetzen können.» Der politische Gegner kann von Gore nur noch als Verbrecher oder pathologischer Fall wahrgenommen werden. Als «Leugner» eben.

Er selbst setzt sein Leben vollkommen ohne schlimme Auswirkungen auf sich selbst fort, besonders gerne mit einem Luxusjet der Marke Gulfstream. Er bewohnt ein Anwesen mit 950 Quadratmeter Wohnfläche. Der Stromverbrauch betrug 221000 Kilowattstunden im Jahr 2006 – zwanzigmal so viel wie bei einem Durchschnittsamerikaner. Besonders delikat: Bushs Ranch in Texas ist erheblich umweltfreundlicher als der Gore-Palast in Nashville.

Doch alle Ressourcen, so liess Gore seinen Sprecher verkünden, werden im ununterbrochenen selbstlosen Einsatz für den Klimaschutz verbraucht. Ständig sind wichtige Gäste da, die im Glanze der Kronleuchter vom drohenden Weltuntergang und der frevelhaften Energieverschwendung des amerikanischen Durchschnittsbürgers überzeugt werden müssen. Wer die Ressourcen schonen will, darf nicht bei der Stromrechnung geizen.

Gores Ablasshandel mit sich selbst

Sein ökologischer Fussabdruck entspricht in etwa dem von King Kong. Dies aber nur praktisch, theoretisch hat Gore gar keinen Fussabdruck. Durch den Kauf von Klima-Zertifikaten lebt er nach eigenen Angaben vollkommen klimaneutral. Wie das geht? Ganz einfach: Man findet Leute irgendwo anders auf der Welt, die man dafür bezahlt, dass sie jenes Kohlendioxid einsparen, das man selbst nicht einsparen will. Ungefähr so wie ein römischer Kaiser, der ein riesiges Festgelage veranstaltet, sich aber um den Kalorienverbrauch sorgt. Zum Ausgleich bezahlt er die Bettler der Stadt dafür, ein paar Tage mehr zu hungern. Daraufhin ist die kaiserliche Sause kalorienneutral. Moderne Zeiten: Privatjets brauchen plötzlich keinen Sprit mehr und Paläste keinen Strom (wer mit diesen Erscheinungen physikalische oder logische Probleme hat, ist nicht auf der Höhe der Zeit). Gores Klima-Zertifikate stammen von der Firma Generation Investment Management. Der Friedensnobelpreisträger ist Mitbegründer und Vorsitzender dieses Unternehmens. Vielleicht ist das ja die Zukunft: Ablasshandel mit sich selbst.

Gores Freunde sind jedenfalls ganz begeistert von der Idee. Als Prinz Charles mit einer zwanzigköpfigen Delegation nach New York flog, um dort von Gore den Global-Environmental-Citizen-Preis entgegenzunehmen, tat er dies natürlich auch vollkommen klimaneutral. Und Mutti engagiert sich jetzt auch für das Klima: Die Queen wies ihre Dienerschaft an, künftig zu Fuss oder mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen. Auch David Cameron, der Vorsitzende der britischen Konservativen, gehört zum Klub der Weltretter. Doch leider wurde er auf dem falschen Fussabdruck erwischt: Er bezog seine Zertifikate von einer Firma, die arme indische Bauern dafür bezahlt, dass sie ihre Felder statt mit Dieselmotoren mit Tretmühlen bewässern (im britischen Strafvollzug wurden Tretmühlen vor hundert Jahren verboten).

Die Logik der Verleihung des Friedensnobelpreises an Al Gore lautet wie folgt: Der Klimawandel führe zu einem verstärkten Wettbewerb um Ressourcen und treffe die ärmsten Länder daher am stärksten. Dies könne zu Konflikten und Kriegen führen. Doch in der Realität spielt sich gerade etwas ganz anderes ab: Klimaschutz wird vorgeschoben, um sich gegen die Konkurrenz aufstrebender Länder abzuschotten oder deren Entwicklung zu bremsen. Werden Industrialisierung und Wohlstandsentwicklung verzögert, so führt man jedoch unter Umständen genau jene Konflikte kurzfristig herbei, die man langfristig verhindern will.

«Jedes Kind, das in den verschwenderischen Lebensstil der Industrialisierten hineingeboren wird, hat einen vielfach grösseren zerstörerischen Einfluss als ein Kind in den Entwicklungsländern», sagt Al Gore. Tatsächlich verbessert jedes am Rande des Existenzminimums geborene Kind rein rechnerisch die Kohlendioxidbilanz eines Landes. Sollen also nur noch Kinder unterhalb der Armutsgrenze geboren werden? Tretmühlen für den Frieden? Gores politische Botschaft vom «Klimaschutz über alles» ist das eigentlich Problematische an der Auswahl des neuen Friedensnobelpreisträgers.


Dirk Maxeiner: Hurra, wir retten die Welt!
Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen.
Wjs-Verlag. 230 S., Fr. 34.90


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