Nachruf

Nachruf

Walter Kempowski (1929–2007), Schriftsteller, Liberaler, und Tony Ryan (1936–2007), Unternehmer, Billigflieger

Von red

Walter Kempowski (1929–2007) – Am Ende des zweistündigen Gesprächs im Juni dieses Jahres führte seine Frau durch das Anwesen in Nartum bei Bremen; durch den Kreuzgang mit den Erstausgaben von Heine, Mann und weiteren Geistesgrössen deutscher Sprache, vorbei an der durchaus populären Videofilmsammlung und schliesslich ins Archiv. Hier liegen Tausende von deutschen Lebensläufen, die er gesammelt hat und die zum Teil in sein epochales Werk «Echolot» Eingang fanden. Eine Quellensammlung, die wie keine andere einen unverfälschten Einblick in den Zweiten Weltkrieg gibt. Es war ein Gespräch gewesen, in dem der 78-Jährige, von Darmkrebs gezeichnet, mit einer Heiterkeit über sein Ende sprach, dass man fast vergass, einen Todkranken vor sich zu haben. Als man nach dem Rundgang zurückkam, um sich zu verabschieden, war er in seinem Stuhl eingeschlafen.

Walter Kempowski, der 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal aus politischen Gründen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war und acht Jahre in Bautzen absass, hatte Pädagogik studiert und war als Lehrer tätig – bis er mit der «Deutschen Chronik» seine Geschichte des deutschen Bürgertums schrieb. So wurde er zum Schriftsteller, der sich mit der Vergangenheit seines Landes beschäftigt, stets nach Wahrheit und Genauigkeit suchend, nie moralisierend, anders als sein Widersacher Günter Grass, in dessen Schatten er zu Unrecht, aber wegen eines Umstands stand, den er so formulierte: «Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein.» Walter Kempowski starb am 5. Oktober im Kreise seiner Familie. Peer Teuwsen


Tony Ryan (1936–2007) – In seiner Karriere erlebte er manche Höhen und Tiefen – nicht nur, weil er in der Luftfahrtbranche arbeitete. Tony Ryan begründete vielmehr eine neue Unternehmergeneration in Irland, die willens war, mit wenig Geld und einigem Risiko grossartige Ideen zu verwirklichen. Der Sohn eines Lokomotivführers aus Tipperary initiierte 1975 die Flugzeug-Leasing-Gesellschaft Guinness Peat Aviation, die einem riesigen Bedürfnis entsprach. In ihren besten Zeiten vermietete sie mehrere hundert Flugzeuge an andere Airlines. Anfang der neunziger Jahre geriet sie jedoch in Turbulenzen, nachdem einige US-Investoren unerwartet ausgestiegen waren. Noch Jahre später beklagte sich Ryan über die «Hurensöhne von der Wall Street», die ihn im Stich gelassen hatten. Im Jahr 2000 verkaufte er das Unternehmen. Enormes Gespür bewies der Selfmademan auch 1985, als er den Billigflieger Ryanair gründete. Mit seinen Schnäppchen-Tarifen setzte der Ire die traditionellen Airlines unter Druck und revolutionierte so die europäische Zivilluftfahrt. Auch diese Erfolgsgeschichte war nicht frei von Rückschlägen: 1993 flog die Ryanair fast in den Ruin, weil sie die Tarife zu sehr ausgereizt hatte. Ryan trat damals die Führung seinem Ziehsohn Michael O’Leary ab, der die Firma erfolgreich reorganisierte. Mehrmals verkaufte Ryan Teile seines Konglomerats und avancierte so zum Milliardär. Im Gegensatz zum kargen Service an Bord seiner Jets leistete er sich ein nobles Leben in Monaco und Irland. Nach langer Krankheit erlag er am 3. Oktober einem Krebsleiden. Claude Baumann

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben