Roger Köppel

Tagebuch

Unheimliche Sterbehelfer. Grössenwahnsinnige europäische Fantasien. Warum die Schweiz eine Privatbank ist.

Von Roger Köppel

Sterbehilfe. Ich habe nichts dagegen, wenn Schwerkranke, Lebensüberdrüssige, Ermattete freiwillig aus dem Leben gehen wollen. Man muss es als Teil der persönlichen Verantwortung und Autonomie betrachten, wenn einer entscheidet, jetzt ist fertig. Rätselhafter bleibt das Motiv der Leute, die den Sterbewilligen beim Sterben helfen. Für den Soziologen Wolfgang Sof­sky gipfelt der Machttrieb in der Grenz­erfahrung des Tötens, wo sich ein Mensch, der einen anderen umbringt, geradezu gottähnliche Eigenschaften anzueignen glaubt. Kann man eine wildfremde Person aus Nächstenliebe ins Jenseits befördern? Vermutlich ist das möglich, aber trotzdem verweigert sich der platte Menschenverstand solchen Gedankengängen. Es bleibt schwer annehmbar, warum einer vom ­Töten leben kann und will, auch wenn er in den Augen der Sterbewilligen eine hoch ­erwünschte Dienstleistung vollbringt.

Joschka Fischers Europa. In einem Essay für den Tages-Anzeiger fordern der frühere deutsche Aussenminister Fischer und ein paar Kollegen, Europa müsse endlich «Muskeln zeigen». Der in zwei Weltkriegen militärisch ruinierte Kontinent soll sein ökonomisches Gewicht in strategische Macht ummünzen. Eine in Brüssel koordinierte europäische Aussenpolitik habe die «Werte und Interessen Europas in der Welt» zu fördern. Skizziert wird die Aufrüstung der EU durch aussenpolitische Gewaltmittel, ein multilateraler Machttransfer von der nationalen auf die supranationale Stufe. Die Naivität erstaunt. Vor einigen Jahren sah Grossraumpolitiker Fischer seine europäischen Bundesstaatsambitionen scheitern. Jetzt hofft er offensichtlich auf das Amt des europäischen Aussenministers. Wie stellt man sich das Gebilde im Ernstfall vor? Hat der europäische Aussenminister die Kompetenz, Truppen zu entsenden? Könnte ein deutscher Politiker einer britischen Armee den Fronteinsatz befehlen? Wird die EU militärisch bündnisfähig? Kann sie am Ende eine europäische Wehrsteuer erheben? Fischers Vorstoss steht quer zur Wirklichkeit. An den Urnen scheiterte der Versuch, die EU per Verfassung mit staatsähnlichen Attributen zu versehen. Die Macht über Krieg und Frieden, über Wirtschaftssanktionen und Boykotte soll nun aber dennoch kommen. «Zu oft», heisst es, «vergeudet Europa seine potenzielle Stärke durch Nabelschauen und Uneinigkeit.» Grösse, Stärke, Macht: Global-Denker Fischer schliesst an unheiligste europäische Traditionen an. Vor 60 Jahren endete der letzte Versuch einer zwanghaften Reichswerdung in einem Blutbad . Jetzt darf unter neuen Vorzeichen wieder geträumt werden. Das Friedensprojekt Europa wird heimgesucht von alten, dunklen Fantasien. Hat da jemand Grössenwahn gesagt?

Fischers Europa, Nachtrag. Die Schweiz war einst eine europäische Grossmacht. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts glaubte der Florentiner Strategie-­Experte Machiavelli, die Eidgenossen seien stark genug, Italien zu erobern. Die Grossmachtallüren endeten vor Mailand in der Schlacht von Marignano. Die Eidgenossen unterlagen. Der Untergang war total und heilsam. Die Schweiz gab ihre aussenpolitischen Ambitionen auf. Sie entwickelte im Umgang mit der Welt das Ethos einer früh globalisierten Privatbank. Man ist überall dabei, nirgends wirklich drin und hält sich alle Türen offen. Das drückte auf die nationale Sehnsucht nach Grösse, aber es machte uns reich und ungefährlich. Nicht die alte römische Reichsidee sollte die europäischen Geo-Fantastiker beflügeln. Eine europäische Magna Helvetia wäre erfolgreicher.

Swissfirst-Entschuldigungen. Blick und Sonntagsblick entschuldigen sich für die Berichterstattung über den durch ihre Berichterstattung mitverursachten Untergang der Bank Swissfirst. Damals wurde Bankgründer Matter als quasikriminell dargestellt. Man rief den Staatsanwalt herbei, orakelte von unsauberen Machenschaften. Hart wurde auch Pensionskassenverwalter Jürg Maurer drangenommen. Helikopter kreisten über seinem Anwesen. Paparazzi lauerten dem Finanzspezialisten auf, dem man aus seinen Erfolgen einen Strick drehen wollte. Inzwischen stellte sich heraus, was die Weltwoche schon vor Jahresfrist darlegte: Maurer tat nichts Illegales. Auch die im Blick geäusserten Vorwürfe gegen Swissfirst konnten nicht bestätigt werden. Es gab keine Insiderdelikte, es gab keine Bestechungsgelder, es gab keine Schädigung der Pensionskassen, es gab keine «Bereicherung» des Managements, wenn unter Bereicherung mehr verstanden wird als der legitime unternehmerische Gewinn, der sich aus einem Geschäft nun mal ergeben kann.

Federführend in der Swissfirst-Zerlegung war auch die NZZ am Sonntag, die für ihre mittlerweile widerlegten Recherchen den renommierten Zürcher Journalistenpreis entgegennehmen durfte. Vielleicht ist es ja so, dass tatsächlich noch etwas Greifbares gegen Matter herauskommt. Vielleicht auch nicht. Bis heute haben wir es mit Vorverurteilungen und Insinuationen zu tun, an denen das Sonntagsblatt noch immer festhält. Vom Kniefall der Ringier-Blätter wollen sich die NZZ am Sonntag-Verantwortlichen nicht beeindrucken lassen. Auffällig kleinlaut bleibt das Mutterblatt. Matter selber geht ein beträchtliches Risiko ein: Er bringt ein Buch heraus, in dem er seine Version des Swissfirst-Untergangs darlegt und massiv gegen die Medien austeilt. Dem SVP-nahen Zürcher Bankier ist zum Verhängnis geworden, dass er seinerzeit dem Ringier-Verlag die Weltwoche und die Jean Frey AG in einem Aktiendeal wegschnappte. Die NZZ am Sonntag wiederum schiesst auf alles, was sich rechts vom linksfreisinnigen Mainstream bewegt. Matter unterschätzte die Tiefdruck-Zonen, die sich um ihn herum zusammenzogen, und handelte im Eifer des Gefechts naiv. Die Swissfirst wurde im Kampf zweier grosser Medienkonzerne gegen ein kleines Zeitungshaus zertrampelt. Der Fall könnte als weitere Mediengroteske in die Geschichte eingehen.


roger.koeppel@weltwoche.ch

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