Kommentar

Stift und Gift

In diesem Bücherherbst leiden die Schriftsteller wieder: an politischer Unkultur und an der Verdammung des Islam. Mancheiner sucht sein Heil in Konsensfrömmelei.

Von Julian Schütt

Kater Muschg lässt das Mausen nicht. Während eines Konzils in der Höhenluft von Sils-Maria spürte er vor kurzem mit einem Tross von elf Germanistikprofessoren ein allerniedlichstes Mäuschen auf namens «politische Unkultur». Diesem wurden in einer umgehend verabschiedeten «Silser Erklärung» die bösesten Krällchen gezeigt, und gerührt von so viel Tapsigkeit, haben ein paar Blätter die professorale Schelte verbreitet. Darin verwahren sich Adolf Muschg und Co. «gegen die Entstellung politischer Gegner zu Karikaturen» und geisseln die «Verdumpfung und Verrohung politischer Sitten».

Gut so, denkt man, endlich erhebt sich jemand gegen die aktuelle Unart im Land, missliebigen Personen und Institutionen die braune Karte zu zeigen, sie als Faschisten oder neue Mussolinis zu diskreditieren. Leider sind es nicht diese Töne, die den Sprach- und Literaturprofis zu denken geben. Im Gegenteil: Das dozierende Dutzend um Adolf Muschg glaubt, Christoph Blocher an die «bösen Erfahrungen» erinnern zu müssen, die in der Vergangenheit gemacht wurden, sobald einer auf «ungeteilte Macht» aus war. Als ob der Justizminister eine Alleinherrschaft anstrebe. Das zu folgern, ist kühn, selbst wenn Blocher es tatsächlich mit der Gewaltentrennung «nicht so genau nimmt», wie die Gelehrten behaupten, und der Kult oder die Hysterie um seine Person nervt. Und nicht verschwiegen sei, dass es vor einigen Jahren noch Blocher war, der Muschg mit dem von Hitler begeisterten Schweizer Dichter Jakob Schaffner verglich und die Sozialdemokraten in die Nähe der Nationalsozialisten rückte.

Eine verkehrte Welt: Künstler und Intellektuelle schwingen die Faschismus-Keule und empfehlen sich gleichzeitig als Hüter der Konkordanz. Dabei wäre es ihre verdammte Pflicht, Nonsens zu vermeiden und falsche Konsensfrömmelei mit ebenso stichhaltigen wie stechenden Argumenten zu stören.

Die reale politische Unkultur innerhalb des Schweizer Literaturschaffens besteht heute darin, dass geschrieben wird, als ob giftige Zeitanalyse, Polemik oder Satire unbekannte Ausdrucksformen wären. Man preist zwar die Offenheit als Staatstugend, pflegt selber indes altbewährte Feindbilder, statt den wahren Feinden der Demokratie ins Auge zu sehen. Und die sitzen weiss Gott nicht im Berner Justizdepartement, auch nicht in Washington, sondern in Teheran und in anderen Zentren des islamischen Fundamentalismus.

Welche Antworten auf diese Herausforderung dominieren in den deutschsprachigen Neuerscheinungen des Herbstes? Auffallend, wie viele Verlage es nach all den multikulturellen Missverständnissen nun zur Abwechslung wieder mit der Multireligiosität versuchen. Allen voran das einstige intellektuelle Vorzeigehaus Suhrkamp, das eigens einen «Verlag der Weltreligionen» gegründet hat. Auf dem Umschlag des Eröffnungsalmanachs findet sich der programmatische Satz des italienischen Philosophen Giorgio Agamben: «Ich denke, nur wer sich mit metaphysischen, religiösen, theologischen Paradigmen auseinandersetzt, erhält wirklich Zugang zur gegenwärtigen, auch politischen Situation.»

Aus der Aktualität schleichen

Quellen- und Schlüsselwerke aller Himmelsrichtungen, vom vedischen Brahmanismus bis zum Judentum und Islam, sollen in Neueditionen zugänglich gemacht werden. Neben den alten Suhrkamp-Heiligen Hesse, Habermas oder Sloterdijk wird neuerdings Papst Benedikt XVI. als konzeptioneller Schirmherr bemüht. Der Islam wird uns nur von seiner feinsten Seite präsentiert: Neben dem Koran und seinen Exegesen sollen ehrwürdige Grundlagentexte erscheinen, so ein Werk über «Gottesliebe, Menschenliebe und Allseele», ein fortschrittliches «Vademecum für Frauen» oder die «massgebliche Abhandlung» des arabischen Philosophen Ibn Rushd aus dem 12.Jahrhundert. Ob man sich mit diesen schönen Büchern nicht elegant aus der Aktualität schleicht, muss sich erst noch weisen.

Eine ähnliche Strategie verfolgt die mit Pomp vom Blessing-Verlag lancierte Schrift «Kampfabsage» des Schriftstellers Ilija Trojanow («Der Weltensammler») und des Kulturkritikers Ranjit Hoskoté. Sie kontern das angeblich simplifizierende Islam-Bild in Europa und den USA, indem sie ausführen, wie vielfältig der Islam ist (oder vielmehr war, denn sie reden fast ausschliesslich von längst vergangenen Epochen). Der «Kreuzzug» von Präsident Bush ist für Trojanow/Hoskoté genauso blind gegenüber «den Schattierungen der Vielfalt» wie Osama Bin Ladens Dschihad. Beide seien «Zwillinge des Terrors», womit die Autoren das Tor zu einem prekären Relativismus auf-stossen. Sie gehen noch weiter, wollen nachweisen, dass arabisch-muslimische Denker unsere europäische Kultur geprägt haben und den Sieg des kritischen Rationalismus gegen fundamentalistische Bigotterie vorbereiteten. Also haben wir keinen Grund, unsererseits einen gegen die islamische Welt gerichteten Kampf der Kulturen zu führen, zumal Kultur der Teil der menschlichen Erfahrung und Ausdrucksweise sei, «der nicht der Banalität der Konfrontation angepasst werden kann». Lesen wir also getrost irgendwelche Suren-Exegesen – bis zum nächsten islamischen Terroranschlag.

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