Der Schweizer Film ist in den Sandkasten zurückgekehrt. Seine jüngsten Werke sind Backförmchen der Infantilität und des Narzissmus. Im Prinzip ist dagegen nicht mal was zu sagen; schon Ende der neunziger Jahre beobachtete der Gesellschaftskritiker Robert Bly («Die kindliche Gesellschaft») den Vormarsch der «Halberwachsenen». Die Schweiz befindet sich also hier auf keinem Sonderweg. Neutralität und EU-Skepsis hin oder her, der Unterhaltungsmarkt ist ein Spiel ohne Grenzen. Das weiss auch der oberste Filmförderer Nicolas Bideau («Monsieur Cinéma»), der wieder «Popularität und Qualität» und Freude und Glamour will. Verständlich, angesichts der halsstarrig durchexerzierten Leblosigkeiten des ehemaligen «Neuen Schweizer Films». Die unter Bideaus Ägide entstandenen Filme haben mit Bleichsucht nichts mehr am Hut – dafür missverstehen sie dann doch die grassierende Infantilität. Ihre ist extrem; nur weil das Sandkasten-Spiel rote Backen macht?
Scheint so. Zum Beispiel: In «I Was a Swiss Banker» hechtet ein junger Finanz-Hallodri in den Bodensee, weil ihn der Zoll beim Schwarzgeldschmuggel fast erwischt. Oben am Ufer steht der Zöllner, und unten? Na ja, gluck, gluck, weg isser halt, und schon entpuppt sich der smarte Jungbanker als veritabler Hecht im Karpfenteich: Im See gibt’s schöne Nixen und ausserhalb hübsche Hexen. Das macht süchtig, weshalb er alle Schweizer Seen auf ihre Nixen- und Hexenpopulation testet. Im Presseheft wurde behauptet, Regisseur Thomas Imbach habe einen «narrativen Erzählstil» gewählt. Keine Ahnung, ob narrativ und närrisch einen gemeinsamen Wortstamm haben – in diesem Fall bestimmt. «I Was a Swiss Banker» taucht einfach weg, angeblich ins Märchen, tatsächlich aber in einen Hopsasa-Freibad-Pubertätstraum.
«Chicken Mexicaine», ein Erstlingswerk, ist dagegen eine Art Verdunstung. Im Keller eines Basler Gefängnisses kocht der Filius des Direktors heimlich Drogenpilze (blubber, blubber), dieweil oben der Papa ein strenges Knast-Regiment führt und einem vierfach Rückfälligen seine Freiheitsträume von Afrika verkachelt. Wird aber alles prima, weil der Boss erpressbar ist (Caligari-Sohnemann im Keller!), der Knast geschlossen werden soll und das Kara-Ben-Nemsi-Fernweh des Vierfachen – na ja, was soll’s. Reicht das an «Backe, backe»-Förmchen?
Mike Eschmann, Regisseur des Erfolgsfilms «Achtung, fertig, Charlie!», ist wenigstens ein Schlitzohr, das seine Locations im kommerziell sicheren Gelände von Kalau sucht und gemäss dem Hape-Kerkeling-Imperativ: «Witzischkeit kennt keine Grenzen», dort alles aufklaubt, was sich durch die Spass-Presse leiern lässt. Gemessen am zotigen US-Teenie-Proll-Humor à la «Superbad», der die Charts mit ballermannartigem Abjohl-Flachsinn stürmt, ist Eschmann ein Cineast des Elitären: Er hat sich den Tell-Mythos vorgenommen; und den mal vom Sockel der schillerschen Wortrausch-Freilichtspiel-Vergipsung zu stossen, ist völlig legitim.
Ein Netz von läppischen Klischees
Nur – ächz – hat Erika Fuchs, die geniale Texterin der Ducks, das ganze Problem ruck, zuck mit der Verballhornung eines einzigen Zitats schon vor Jahren auf den Punkt gebracht. Bei Schiller heisst’s: «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr», und Donalds renitente Neffen Tick, Trick und Track widersetzen sich vehement dem Hygienewahn ihres Onkels mit dem Schwur: «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr!» Soll heissen, dass Eschmann leider ein Grundeinfall, ein roter Faden fehlt, an dem er seine Gags aufziehen könnte. In Ermangelung einer solchen Idee wirft er einfach das Netz nach jedem noch so läppischen Klischee über Tell, die Schweiz, Österreich und Deutschland aus, in der blinden Hoffnung, dabei auch genügend Brüller gefischt zu haben.
Das geht dann so: Tell ist Österreicher und will einen begehrten Schweizer Pass (!). Um das Geld dafür aufzutreiben, bescheisst er zusammen mit Heidi (!) Bergdorf-Hutzel-Ladys mit einem Schönheitselixier (!). Auf Burg Enzian (!) herrscht Gessler als verschwiemelter Alpenkönig Ludwig (dekadent!), der seine Tochter Sissy (!) an seinen Adjutanten verscherbeln will. Aus dem hohen Norden (!) stösst ein Prinz zu Tell, der aus einem Schweizer Nobelinternat (!) geflohen ist, und den wackeren Eidgenossen auf der Rütliwiese schliesst sich ein schwäbischer Tourist (!) namens Friedrich Schiller (!!) an. Was hamme gelacht!
Im neuen Schweizer Film sind die Grenzen zwischen dämlich und kindisch, pubertär und halberwachsen fliessend. Und das kann dann auch in bitterbösen Ernst kippen. Schauspieler Stefan Gubser, Star in «Hello Goodbye», knipst einfach das Licht aus; weil sich im Dunkeln leichter munkeln lässt? Er spielt einen Moribunden, einen Krebskranken, der sterben, aber bei dem Abgang seine erwachsene Tochter dabeihaben will. Eine Narzissmus-Kür im gedimmten Licht. Im schicken leeren Haus flackern die Kerzen, und Gubser mimt den langen Abschied. Man mag’s nicht glauben. Verzweifelt wirft man sich den «Doofen» und ihrem Song an den Hals: «Ich bau dir ein Haus aus Schweinskopfsülze.»
Tell. Regie: Mike Eschmann. CH/D, 2007
Hello Goodbye. Regie Stefan Jäger. CH, 2007. Ab. 11.10.













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