Als 1979 in Amerika ein 800-seitiges Buch mit dem merkwürdigen Titel «Gödel, Escher, Bach: An Eternal Golden Braid» («GEB») erschien, ahnte niemand, dass der Autor, ein damals völlig unbekannter 34-jähriger Physiker namens Douglas Hofstadter, damit den ersten und bislang einzigen Weltbestseller der Erkenntnistheorie geschrieben hatte. Über das Denken hatten vor Hofstadter schon viele nachgedacht.
Sensationell waren jedoch sein Stil als auch die Fülle der Querverbindungen, Analogien und Ideen, die Hofstadter in «GEB» präsentierte. Einmal abgesehen von der Leistung, zwischen so unterschiedlichen Figuren wie dem Mathematiker Kurt Gödel, dem Grafiker M.C. Escher und Johann Sebastian Bach eine Verbindung herzustellen, um einige der komplexesten Fragen der Kognitionsforschung zu erörtern.
Jetzt hat Hofstadter, inzwischen Professor für kognitive Wissenschaften und Computerwissenschaften an der Indiana University und nach wie vor ein akademischer Rockstar, mit «I Am a Strange Loop» ein neues Buch vorgelegt. Darin widmet er sich erneut zentralen Aspekten seines Debüts – Gödels Unvollständigkeitssatz, Eschers Darstellungen perspektivischer Unmöglichkeiten und Bachs Musik eingeschlossen.
«So dankbar ich für den Erfolg von ‹GEB› bin», sagt Hofstadter, «hatte ich doch immer den Eindruck, dass das, worum es mir darin wirklich ging, nämlich um die Natur des menschlichen Bewusstseins, von den meisten Leuten überlesen wurde.» Wie kann Bewusstsein aus Materie entstehen, fragt Hofstadter. Einmal mehr passen weder die Art, in der sich Hofstadter dieser Frage nähert, noch die Antworten, die er darauf gibt, in Schubladen. An den wissenschaftlichen Diskurs hält er sich ebenso wenig wie an die Anstandsregeln der Political Correctness.
«Ich drehe seit dreissig Jahren mein eigenes Ding», sagt er. Das «Ding» ist zum Beispiel die Gründung der Fluid Analogies Research Group (FARG), einer Forschungsgruppe an der Indiana University, die sich unter anderem damit beschäftigt, möglichst viele Funktionen und Mechanismen des menschlichen Geistes in Computermodellen zu erfassen. Die Narrenfreiheit, die Hofstadter dank seines frühen Erfolges geniesst, macht ihn in mancher Hinsicht zu einem Aussenseiter, und einige seiner Theorien sorgten und sorgen für Kontroversen.
Herr Hofstadter, Sie bezeichnen Analogien, Vergleiche und Metaphern als Ihre Religion. Lassen Sie uns deshalb mit einer imaginären Diskussionsrunde beginnen, die sich um die Frage dreht: Was ist ein Ich? Teilnehmer sind ein Philosoph, ein Physiker und ein Geistlicher. Wie würden diese drei die Frage beantworten?
(Lacht) Fangen wir mit dem Philosophen an. Ich muss gestehen, dass ich von Philosophen im Allgemeinen nicht allzu viel halte. Ich finde die meisten ihrer Ideen ziemlich naiv. Aber gut. Es gibt die Dualisten und die Materialisten. Ein Dualist würde die Frage gar nicht beantworten. Er würde behaupten, dass es darauf keine Antwort gebe, weil das menschliche Bewusstsein ein nicht weiter definierbares nichtphysikalisches Phänomen sei. Der Materialist würde sofort in Philosophenjargon verfallen, auf viele -ismen verweisen, und am Schluss hätte keiner ein Wort verstanden.
Und der Physiker?
Ein Physiker käme meiner Position in dieser Frage vermutlich näher und würde die Seele als Resultat von physiologischen Abläufen im menschlichen Gehirn bezeichnen. Oder er würde sagen, das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins sei eng mit dem Geheimnis der Quantenmechanik verknüpft. Der Geistliche würde die Seele als Flämmchen beschreiben, das, kaum hat ein Spermium ein Ei befruchtet, zu brennen beginnt und von diesem Augenblick an bis in alle Ewigkeit weiter brennt. Ein poetisches, ein verführerisches Bild, aber nicht sehr überzeugend.
Unzulänglichkeit also auf der ganzen Linie.
Natürlich habe ich jetzt pauschalisiert und manchen Religionen und vielen differenzierten Physikern und klugen Philosophen mit meiner Charakterisierung unrecht getan. Aber ich glaube, dass man grundsätzlich zwischen jenen unterscheiden kann, für die auch das Ich den Gesetzen der Physik folgt, und jenen, für die das Ich diese Gesetze transzendiert und nicht erklärt werden kann.
Ihre eigene Antwort auf die Frage geben Sie mit dem Titel Ihres neuen Buches «I Am a Strange Loop» (Ich bin eine seltsame Schleife). Warum eine Schleife, und was macht sie seltsam?
Eine «Schleife», weil die Entwicklung unseres Ichs auf einem Rückkoppelungsmechanismus beruht. «Seltsam», weil dieser Mechanismus mit jeder Rückkoppelung komplexer wird. Wir sind unser eigener Verbesserungsmotor. Wenn Licht auf unsere Netzhaut trifft, ich mir mit dem Hammer auf den Daumen haue oder irgendein anderer Impuls unsere Gehirntätigkeit ankurbelt, dann werden dadurch Abläufe ausgelöst, die Mustern gehorchen, welche sich selber im Lauf der Zeit zu immer raffinierteren Mustern formieren und es uns ermöglichen, Signale nicht mehr nur zu empfangen, sondern sie zu speichern, zu interpretieren und zu abstrahieren.
Inwiefern abstrahieren wir?
Wir sehen die Welt nicht in Pixeln, sondern nehmen sie gewissermassen in Bündeln wahr: als Tisch, als Drucker, Telefon, Kaffeetasse, Bücherstapel und so fort, wie ich im Moment. Doug Hofstadter geht sogar noch weiter. Er denkt nicht «Printer, Kaffeetasse und Bücherstapel», sondern einfach «Arbeitszimmer». Wir vollbringen Augenblick für Augenblick unglaubliche Leistungen der Abstraktion. Wir schliessen von Begriffen wie Mutter und Vater auf Familie, Gemeinschaft und Land. Wir sind in der Lage, uns unter «Geld», «Börse» und «Wirtschaft» etwas vorzustellen. Anders als Tiere sind wir bis zum Rand mit solchen Abstraktionen gefüllt.
Und unsere grösste Leistung der Abstraktion ist die Vorstellung vom Ich an sich.
Genau. Das Bewusstsein ist eine Halluzination, die sich konstant selber halluziniert. Merkwürdigerweise sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass zwischen den einzelnen Ichs, den Seelen oder wie immer Sie es nennen wollen, unüberwindbare Grenzen bestehen. Dass der Zugang zum Bewusstsein anderer uns immer verschlossen bleiben wird. Dabei tauschen wir uns doch ständig miteinander aus. Wir trauern mit jemandem, dem eine Tragödie widerfahren ist, und freuen uns mit jemandem, der gerade eine gute Nachricht erhalten hat. Mit diesem Buch möchte ich unter anderem zeigen, dass unsere Ichs keine wasserfesten Einheiten sind. Dass im Gegenteil mein Bewusstsein ins Gehirn meiner Verwandten, ins Gehirn von Menschen, die ich gut kenne, überschwappt und umgekehrt.
Ihre Frau Carol starb 1993 unerwartet im Alter von 42 an einem Hirntumor. Ihrer Ansicht nach fand noch zu Lebzeiten Ihrer Frau zwischen Ihnen beiden eine Art Ich-Transfer statt, so dass Sie nun eine Kopie Carols in Ihrem Gehirn mit sich herumtragen.
Keine haarscharfe Kopie, aber eine Kopie. Ein Abbild der Seele meiner Frau.
Und dieses «Abbild» sehen Sie als ganz konkreten physischen Teil Ihrer selbst?
Ja – in dem Mass, in dem meine Vorstellung von jemandem einem physischen Vorgang, einer Struktur, einem Muster in meinem Gehirn entspricht.
Das klingt reichlich esoterisch.
Das ist das Gegenteil von esoterisch! Diese Überzeugung folgt direkt aus der Natur der Physik. Die gesamte Physik des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich damit, makroskopische Phänomene als Resultat von Strukturen und Mustern zu erklären, die sich aus mikroskopischen Phänomenen zusammensetzen. Wenn Sie die Seele als makroskopisches Phänomen betrachten, das mit der Zeit durch Muster mikroskopischer Phänomene im Gehirn herangebildet wird, dann lässt sich daraus logisch schliessen, dass dasselbe Muster in einem anderen physischen Substrat, einem anderen Gehirn, nachgebildet werden kann. Genauso, wie ich dieselbe Form auf zwei verschiedene Papiere zeichnen kann. Diese Grundregel wird Ihnen jeder Physiker bestätigen.
Wenn wir alle theoretisch viele sind, warum zeigen wir dann nicht mehr Mitgefühl für andere?
Vielleicht weil die Kopien anderer Ichs in uns zum Teil nur sehr schlechte Kopien sind. Noch mal: Ich behaupte nicht, dass mein Gehirn eins zu eins einen Abdruck der Seele Carols enthält. Und das Ich des Verkäufers in einem Drugstore hinterlässt in meinem Gehirn sicher kaum eine Spur. Ich finde aber, dass wir im Allgemeinen eine ziemlich mitfühlende Spezies sind. Wir identifizieren uns häufig instinktiv mit anderen. Wenn Sie in der Wartehalle eines Flughafens einen Ehering fänden, würden Sie ihn dann behalten?
Ich würde ihn ins Fundbüro bringen. Sofern ich dadurch nicht meinen Flug verpasse.
Eben – Sie stellen sich vor, wie grauenvoll sich die Person fühlen muss, die den Ring verloren hat, obwohl Sie die betreffende Person nicht einmal kennen.
Glauben Sie an das Gute im Menschen?
Ich habe meine Momente des Zweifels, des extremen Zynismus und der Frustration angesichts der Menschheit. Aber grundsätzlich, ja, ich glaube an das Gute im Menschen.
Sie haben im neuen Buch einen «Seelenmassstab» entwickelt, eine Skala der «Beseeltheit», der zufolge Sie kleine und grosse Seelen unterscheiden, wobei die Grösse der Seele jeweils dem Grad des Bewusstseins einer Person oder eines Lebewesens entspricht, genauer gesagt der Komplexheit dieser Bewusstseinsstruktur.
Richtig.
Gemäss dieser Skala verfügt ein fünf Monate alter Fötus noch nicht einmal über den Ansatz einer Seele. Haben Sie bereits Todesdrohungen von Abtreibungsgegnern erhalten?
Bis jetzt noch nicht. Aber vielleicht haben die einfach das Buch nicht gelesen. Nein, im Ernst: Ich schreibe solche Sachen nicht, um mich beliebt zu machen, sondern weil sie meiner Überzeugung entsprechen.
Einem zweijährigen Kind bescheinigen Sie viel weniger Seele als einem Zwanzigjährigen.
Ich schreibe aber auch, dass ich einen enormen Respekt für das Potenzial des zweijährigen Kindes habe, im Lauf der Jahre eine grosse Seele zu entwickeln.
Stimmt. Aber wie gross ist die Seele eines Zwanzigjährigen, der wegen einer geistigen Behinderung über den Bewusstseinsstand eines Zweijährigen verfügt?
Ich habe zwei Schwestern, und eine davon, Molly, ist geistig behindert. Sie ist jetzt fünfzig. Meine Antwort auf Ihre Frage lautet: Mollys Seele ist enorm klein.
Verringert dies Mollys Recht auf Leben?
O ja, ich denke schon. Ich meine, wir befanden uns nie in einer Situation, in der entschieden werden musste, welches von uns drei Kindern überleben sollte. Mollys Recht auf Leben wurde also nie in Frage gestellt. Wenn mich jedoch ganz bizarre Umstände dazu zwängen, eine meiner Schwestern für die andere zu opfern, ist es doch völlig klar, welche ich wählen würde.
Das heisst, Ihre nicht behinderte Schwester?
Ein no-brainer. Wie wenn ich mich zwischen meinem Sohn und meinem Hund entscheiden müsste. Völlig klar, dass ich mich für meinen Sohn entscheiden würde.
Finden Sie es fair, Ihre behinderte Schwester mit einem Hund zu vergleichen?
Aber natürlich ist das fair!
Sie sind sich doch der ethischen Fragen bewusst, die Sie dadurch aufwirbeln?
Sicher. Niemand hat behauptet, das Leben sei einfach. Ich bin nicht dazu verpflichtet, in meinem Buch eine Lösung für ethische Probleme zu präsentieren. Natürlich hat meine Argumentation komplizierte Konsequenzen. Doch für mich besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass jemand, der so behindert und zum Formen abstrakter Gedanken unfähig ist wie meine Schwester, einem erwachsenen Menschen sehr, sehr viel weniger ähnlich ist als einem Tier. Wenn Sie sagen: «Okay, wenn du müsstest, wen würdest du töten, deinen Hund oder deine Schwester?», dann würde ich vermutlich meinen Hund opfern. Aber die Entscheidung würde mir schwerer fallen als die zwischen meinem Sohn und meinem Hund. Man könnte noch weitergehen. Nehmen Sie einen Alzheimer-Kranken, der gänzlich die Sprache verloren hat und nur noch auf dem Boden herumkriecht, und einen Hund, einen glücklichen Hund. Vielleicht würde ich in dieser Situation den Hund überleben lassen. Es gibt für solche Entscheidungen keine festen Regeln. Sie müssen von Fall zu Fall getroffen werden. Nichts ist schwarz und weiss.
Wie halten Sie’s denn mit der Eugenik?
Ich weiss nicht einmal genau, was das Wort bedeutet.
Gemäss Lexikon: «Erbgesundheitslehre». Man versteht darunter Bestrebungen, durch die Förderung «guten» Erbguts – gesunder Menschen – und die Eliminierung «schlechten» Erbguts –behinderter Menschen – das Menschengeschlecht zu perfektionieren.
Das ist doch ein Haufen Bullshit. Es gibt keine perfekten Menschen. Unsere Gesellschaft ist vernünftig genug, Behinderte nicht umzubringen. Leben und leben lassen – auf dieser kollektiven Überzeugung basiert unsere Gesellschaft.
Douglas Hofstadter: I Am a Strange Loop.
Basic Books. 410 S., $ 26.95
Eine Neuausgabe von «Gödel, Escher, Bach: ein endloses geflochtenes Band» ist 2006 im Klett-Cotta-Verlag erschienen, Fr. 57.90.
Exklusiv für Weltwoche-Leser: Die Zusammenfassung von Douglas Hofstadters «Gödel, Escher, Bach» kostenlos auf www.getAbstract.com/weltwoche
26.09.2007, Ausgabe 39/07
Bewusstseinsforschung
«Ich bin ein Abbild der Seele meiner Frau»
Was ist ein Ich? Douglas Hofstadter, Autor des Weltbestsellers «Gödel, Escher, Bach», legt ein kontroverses Buch zur Frage vor.
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