Wann reiste Von Aesch in die Schweiz ein? Von Spanien her kommend, reiste Von Aesch in Begleitung seiner Frau am 10.Juli in die Schweiz ein. Während sich Ehefrau Vreni im Haus von Verwandten im aargauischen Zetzwil aufhielt, fuhr Von Aesch mit seinem weissen Katenwagen der Marke Renault Traffic, der mit spanischen Kennzeichen versehen war, in die Ostschweiz, um sich nach einer neuen Wohngelegenheit umzuschauen (das Ehepaar hatte vor, wieder in die Schweiz überzusiedeln). Während dieser Zeit nächtigte er in seinem Auto, das im Laderaum mit Matratzen, Bettzeug und Campingutensilien ausgestattet war.
Wurde Ylenia am 31. Juli beim Hallenbad gesehen? Mit einem blauen Rucksack und einem roten Velohelm verliess Ylenia am Morgen des 31.Juli die Wohnung ihrer Mutter in Appenzell und fuhr mit ihrem Kickboard zum rund 1,5 Kilometer entfernten Hallenbad. Dort holte sie um 9 Uhr 15 an der Kasse ein Shampoo ab, das sie am Tag zuvor in der Kindergarderobe vergessen hatte. Beim Verlassen des Hallenbades wurde sie von niemandem gesehen, und in einer nahen Denner-Filiale, wo sie noch Brötchen einkaufen sollte, traf sie nicht ein.
Am Nachmittag des 1. August fand ein Passant bei einem Wegkreuz in Oberbüren SG Ylenias Rucksack und Velohelm. Im Rucksack befanden sich, ordentlich zusammengefaltet, alle Kleider von Ylenia sowie das Shampoo.
Wo hielt sich Von Aesch zwischen Ylenias Entführung und seinem Suizid auf? Die Bewegungen Von Aeschs am 31.Juli konnten von der St.Galler Kripo rekonstruiert werden (siehe Karte unten):
1 — Gegen 9 Uhr wurde Von Aeschs Kastenwagen beim Hallenbad auf einem Parkplatz gesehen.
2 — Um 9 Uhr 20 sah ein Augenzeuge den Wagen wegfahren.
3 — Um 9 Uhr 45 wurde das Fahrzeug von einem Autofahrer auf einem Abstellplatz bei der Schwanenbrücke, die zwischen Stein und Lustmühle über die Sitter führt, bemerkt. Eine Stunde später sah eine Anwohnerin den Wagen durch einen Weiler beim Bürerwald fahren. Kurze Zeit später sah sie ihn in der entgegengesetzten Richtung erneut vorbeifahren.
4 — Kurz nach 11 Uhr begegnete der Rentner R.J.* bei seinem Waldhäuschen auf dem «Tätsch» bei Weinfelden TG einem Mann, der in Begleitung eines kleinen Mädchens war. In unmittelbarer Nähe sah R.J. einen weissen Kastenwagen. Nach einem kurzen Wortwechsel bestiegen der Unbekannte und das Mädchen den Wagen und fuhren weg.
5 — Um 12 Uhr 15 wurde das Fahrzeug von einem Anwohner auf der Strasse gesehen, die (vom Bürerwald her kommend) entlang dem Waldstück Hartmannshölzli führt.
6 — Um 13 Uhr 15 traf der 46-jährige W.B.* aus Andwil im Hartmannshölzli unvermittelt auf Von Aesch (in diesem Waldstück wurden später Ylenias Kickboard sowie die Leiche des Mädchens gefunden). Nach einem kurzen Wortwechsel schoss Von Aesch auf B. Diesem gelang es, verletzt zu flüchten.
7 — Um 13 Uhr 20 wurde Von Aeschs Fahrzeug in der Nähe des Wegkreuzes bei Oberbüren gesehen (wo tags darauf Ylenias Rucksack und ihr Velohelm gefunden wurden).
8 — Um 13 Uhr 30 wurde der Kastenwagen 700 Meter vom Hartmannshölzli entfernt beim Billwilerwald gesehen. In diesem Wald fand die Polizei am Abend das abgeschlossene Fahrzeug.
9 — Um 15 Uhr sah die Käserin H.T.* in Walde SG (rund 35 Kilometer vom Billwilerwald entfernt), wie Von Aesch in einer Telefonkabine beim Restaurant «Kreuz» einen Anruf tätigte. Die Ermittlungen der Kripo ergaben, dass Von Aesch seiner Frau telefoniert und seinen Selbstmord angekündigt hatte.
Beging Von Aesch wirklich Suizid? Am Morgen des 1. August fand ein Polizeihund im Billwilerwald, rund 120 Meter vom sichergestellten Fahrzeug entfernt, Von Aeschs Leiche. Er hatte sich mit einer selbstgebauten Waffe, die bei der Leiche lag, in den Kopf geschossen. Gemäss der gerichtsmedizinischen Untersuchung lag der Todeseintritt zwischen 16 und 17 Uhr des Vortages. «Aufgrund der Spurenlage sowie weiterer Umstände», so Untersuchungsrichter Erich Feineis, «ist von einem Suizid auszugehen. Konkrete Anhaltspunkte für eine Dritttäterschaft bestehen nicht.»
Wie kam Ylenia in Von Aeschs Auto? Die Frage bleibt ungeklärt. Kaum wahrscheinlich ist, dass sie gewaltsam ins Auto verfrachtet wurde; naheliegender ist, dass sie unter einem Vorwand dazu verleitet wurde. Eine Augenzeugin, die sich beim Blick meldete, wollte neben Von Aesch und Ylenia zwei weitere Männer im Kastenwagen gesehen haben.
Kripo-Chef Bruno Fehr: «Die Aussagen der Zeugin decken sich nicht mit den objektiven Erkenntnissen unserer Ermittlungen. Dies betrifft nicht nur das Fehlen entsprechender DNA-Spuren. Die von der Zeugin als Tatbeteiligter identifizierte Person kann mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden.»
Wo konnten DNA-Spuren von Ylenia und Von Aesch gesichert werden? DNA-Spuren von Von Aesch befanden sich auf dem Rucksack und dem Velohelm von Ylenia. Ob auch auf den im Rucksack gefundenen Kleidern sowie der Shampooflasche DNA-Spuren gesichert werden konnten, wollte Untersuchungsrichter Erich Feineis gegenüber der Weltwoche weder bestätigen noch dementieren. Fest steht, dass im Innern des Fahrzeugs DNA-Spuren von Ylenia gesichert werden konnten. Um welche Spurenträger es sich dabei handelte (z.B. Hautpartikel, Schweiss, Haare, Blut, Speichel) und an welchen Gegenständen oder Örtlichkeiten im Fahrzeug sich diese befanden, wollte Feineis nicht preisgeben, «weil es aus kriminalistischer Sicht ein grober Fehler wäre, wenn sämtliche Ermittlungsergebnisse, insbesondere Details der spurenkundlichen Untersuchungen, publiziert würden».
Welche Rolle spielte der im Hartmannshölzli angeschossene W.B.? W.B. war am Morgen des 31.Juli Zeuge eines Unfalls, der sich um 10 Uhr 45 beim Bürerwald ereignete: Ein Pferd war in ein Auto gerannt. Bis zum Eintreffen der Polizei (die von W.B. avisiert worden war) half W.B., den Verkehr zu regeln. Gegen 11 Uhr 30 verliess er die Unfallstelle und fuhr nach Hause. Gemäss seinen eigenen Aussagen beschäftigte W.B. der Unfall mit dem Pferd derart, dass er eine Stunde später nochmals zur Unfallstelle fuhr. Nachdem er diese besichtigt hatte, fuhr er mit seinem Auto ins nahe Hartmannshölzli und stieg aus, «um eine Zigarette zu rauchen». In unmittelbarer Nähe sah er einen rückwärts zum Wildschutzzaun parkierten weissen Kastenwagen. «Plötzlich, wie aus dem Nichts», so W.B., sei Von Aesch neben ihm gestanden.
Nach einem kurzen Dialog über Pilze in der Gegend wurde W.B. von Von Aesch unvermittelt angeschossen. Obwohl in der Brust getroffen, gelang es ihm, zur nahen Hauptstrasse zu flüchten. Von Aesch gab weitere vier Schüsse auf den Flüchtenden ab, die ihr Ziel jedoch verfehlten. An der Hauptstrasse wurde W.B. von einer Frau in ihr Auto aufgenommen und ins Spital nach Flawil gefahren. «Der Angeschossene», so Untersuchungsrichter Erich Feineis, «wurde unter allen möglichen Tathypothesen überprüft.»
Weshalb verwendete Von Aesch zwei Waffen? Die selbstgebastelte Waffe, mit der sich Von Aesch erschossen hatte, lag neben seiner Leiche. Der Revolver, mit dem W.B. angeschossen wurde, konnte erst am 20.September gefunden werden. Weshalb Von Aesch zwei Waffen benutzte, ist unklar. Zur naheliegenden Vermutung, dass sich Von Aesch deshalb nicht mit dem Revolver das Leben nahm, weil er entweder keine Munition mehr hatte oder die Waffe nicht mehr funktionierte, erklärte Kripo-Chef Bruno Fehr: «Die Folgerung, dass er sich deshalb mit der selbstgebastelten Waffe erschoss, ist aufgrund unserer konkreten Erkenntnisse nicht in dem vermuteten Zusammenhang zu sehen.» Um was für Erkenntnisse es sich dabei handelt, wollte Fehr unter Bezug auf das Amtsgeheimnis nicht preisgeben.
Wie starb Ylenia? Die genaue Todesursache, die auch Rückschlüsse auf das Tatmotiv geben könnte, war wegen des Zustandes der Leiche – zumindest nach den bisher erfolgten gerichtsmedizinischen Untersuchungen – nicht mehr feststellbar. Sicher ist, dass Ylenia nicht erwürgt wurde. Die fast unendlich lange nachweisbaren typischen Merkmale für ein Erwürgen (wie Bruch des Kehlkopfes oder Zungenbeins) konnten nicht festgestellt werden.
Auch andere Merkmale eines gewaltsamen Todes, die selbst bei fäulnisveränderter Haut noch sehr lange nachweisbar sind (z.B. Stiche, Strangmarken, Würgmale, Schussverletzungen, Hämatome, Bisse oder Fesselspuren), konnten nicht nachgewiesen werden.
Die wahrscheinlichste Todesursache dürfte Ersticken gewesen sein. Ein Tod durch Ersticken ist auch nach sehr kurzer Zeit fast nie nachweisbar.
Wurde Ylenia sexuell missbraucht? Für Gerichtsmediziner ist der Nachweis einer Vergewaltigung selbst bei frischen Leichen problematisch (sofern keine Verletzungen an den Genitalien zu sehen sind). Dennoch konnte eine solche aufgrund der gerichtsmedizinischen Untersuchung ausgeschlossen werden. Ob eine Verletzung des Hymens vorliegt, ist für forensische Ärzte sogar bei nicht verletzten Kindern extrem schwierig zu beurteilen, weil für einen positiven Befund frische Risse mit Unterblutung vorliegen müssen. Ein solcher Befund ist bei einem Opfer, dessen Tod (wie bei Ylenia) Wochen zurückliegt, nicht mehr nachweisbar.
Trotzdem kann nicht gesagt werden, dass kein sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Das Feld pädophiler Sexualdelikte ist breit, und viele Übergriffe hinterlassen auch bei Kindern, die am Leben bleiben, nicht zwingend sichtbare physische Spuren.
Ist ein Unfall auszuschliessen? Die These, dass Von Aesch bei der Wegfahrt vom Hallenbad mit Ylenia kollidiert sein könnte und das Mädchen im Laderaum seines Fahrzeugs mitnahm, wurde von der Kripo geprüft. «Für einen Verkehrsunfall», so Erich Feineis, «ergaben sich keinerlei Hinweise. Das Fahrzeug wurde diesbezüglich spurenkundlich untersucht, und auch am Körper von Ylenia konnten keinerlei äussere Verletzungen festgestellt werden.» Nicht auszuschliessen ist jedoch die Möglichkeit, dass Ylenia während der vielen Fahrten durch das viele lose herumliegende Bettzeug im Laderaum (Decken, Matratzen) zugedeckt wurde und dabei erstickte.
Was befand sich auf Von Aeschs Computer und Digitalkamera, und um was für Kinderfotos, die in seinem Haus in Spanien gefunden wurden, handelte es sich? Die beiden Computer, die von der spanischen Polizei sichergestellt und zusammen mit anderen beschlagnahmten Unterlagen in die Schweiz überstellt wurden, «waren mit Sicherheit», sagt Erich Feineis, «nie am World Wide Web angeschlossen. Beide Geräte verfügten über keinerlei Schnittstellen wie USB, Infrarot, Bluetooth etc.».
Von Aesch trieb sich deshalb auch nicht – wie vom Blick behauptet – «in den widerlichsten Ecken des Internets rum» oder «traf sich in speziellen Foren mit anderen Kinderschändern und surfte auf Kinderporno-Websites». Bei den gefundenen Fotos «handelte es sich», so Kripo-Chef Fehr, «um Familienfotos mit Kindern von Angehörigen oder Bekannten. Anhaltspunkte, dass Von Aesch eine pädophile Neigung ausgelebt hätte, liessen sich nicht finden.»
Auf der in Von Aeschs Fahrzeug gefundenen Digitalkamera befanden sich keine Fotos, die auf eine pädophile Veranlagung hinweisen, sondern Ferien- und Landschaftsbilder. Aber man fand auch Aufnahmen, die den Beweis dafür erbrachten, dass sich Von Aesch beim Hallenbad in Appenzell aufgehalten hatte: Er hatte es fotografiert.
Hat Von Aesch Ylenias Leiche vergraben? Nebst einer Campingausrüstung, zu der eine kleine Schaufel gehörte, wurde in Von Aeschs Fahrzeug auch eine massive Gartenschaufel sichergestellt. Die Untersuchung von Erdrückständen an dieser Schaufel ergab eine Übereinstimmung mit der Erdbeschaffenheit des Bodens im Hartmannshölzli-Wald.
Wird im Fall weiter ermittelt? Da eine verstorbene Person strafrechtlich nicht verfolgt werden kann, wird die Untersuchung gegen Von Aesch nach Abschluss der Ermittlungen eingestellt. Diese betreffen zusätzliche gerichtsmedizinische Abklärungen und spurenkundliche Auswertungen. Dafür, dass die Akte nicht ganz geschlossen wird, hat Untersuchungsrichter Erich Feineis mit einer Anzeige gegen Unbekannt gesorgt. Diese ermöglicht jederzeit neue Untersuchungshandlungen.
Kommt Von Aesch als Täter der ungelösten Kindesentführungen und Kindermorde in den achtziger Jahren in Frage? Theoretisch ja, doch die Wahrscheinlichkeit, dass er als Täter von auch nur einem der insgesamt 13 ungelösten Verbrechen aus den achtziger Jahren überführt werden kann, ist etwa so hoch wie zwei aufeinanderfolgende Volltreffer im Lotto. Selbst wenn nachgewiesen werden könnte, dass er sich in seiner beruflichen Eigenschaft als Vertreter für Landwirtschaftsbekleidung und Messgewänder zur fraglichen Zeit in den betreffenden Kantonen, Regionen oder sogar Orten aufgehalten hat, fiele dem nicht mehr als der Stellenwert von Indizien zu.
Dass es bei einigen ungelösten Verbrechen Parallelen zum Fall Ylenia gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Alle Opfer verschwanden fast ausnahmslos am helllichten Tag und in ländlichen Gegenden. Niemand hatte etwas beobachtet, und alle Kinder mussten zwingend in einem Fahrzeug entführt worden sein.
In nur zwei Fällen wurden die Leichen der Kinder gefunden (Rebecca Bieri und Loredana Mancini), die beide in einem Wald verscharrt worden waren. Auch in diesen Fällen waren die Leichen von Füchsen ausgegraben worden. Teile der Kleider von Rebecca wurden rund 40 Kilometer vom Fundort der Leiche gefunden; sie lagen achtlos weggeworfen neben Rebeccas Schultornister. Neben der Leiche fand man ihre Strumpfhosen, und der braune Pullover lag eng verknotet um den Hals des Kindes. Bei Loredana Mancini, deren sterbliche Überreste bereits vollständig skelettiert waren, fand man keine Kleider.
Auch sogenannte «Opfertrophäen» (wie sie z.B. Werner Ferrari mitnahm) wurden von der Täterschaft der ungeklärten Fälle nicht entwendet. Einzige Ausnahme: Rebecca Bieri, deren aus zwei Teilen geflochtener Fingerring aus Silber fehlte.
Die grösste Schwierigkeit bei der Aufklärung der ungelösten Fälle besteht darin, dass insbesondere bei den betroffenen Kindern in der Altersgruppe 5 bis 8 Jahre (Rebecca Bieri, Loredana Mancini, Peter Roth, Sarah Oberson, Edith Trittenbass) die Täterschaft nicht die geringsten Spuren hinterlassen hat.
*Namen der Redaktion bekannt
26.09.2007, Ausgabe 39/07
Ylenia
Es geschah am helllichten Tag
Der Tod der fünfjährigen Ylenia löste viele Spekulationen aus. Ihr mutmasslicher Mörder Urs Hans Von Aesch wurde mit pädophilen Mithelfern in Verbindung gebracht, und über die Art der Tötung des Mädchens kursieren wilde Gerüchte. Hier die bisherigen Erkenntnisse.

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