Nach monatelangen Beratungen hat ein aus drei Anwälten bestehendes amerikanisches Schiedsgericht mit 2:1 Stimmen den Sieger der Tour de France 2006, Floyd Landis, des Dopings mit synthetischem Testosteron für schuldig befunden und für zwei Jahre gesperrt. Die Mehrheit des Gremiums räumte ein, dass dem französischen Labor LNDD zahlreiche Verfahrensfehler unterlaufen seien, dass es sich «schludriger Praktiken» schuldig gemacht habe und dass, «wenn solche Praktiken andauern», künftig Dopingbefunde des Labors abgewiesen werden könnten. Das Schiedsgericht fand auch, dass die Ergebnisse des ursprünglichen Dopingtests, bei dem ein zu hoher Quotient von Testosteron zu Epitestosteron (über 4:1) ermittelt wurde, einer Überprüfung nicht standhalte. Trotzdem hält das Schiedsgericht Landis für schuldig, weil der zusätzliche Kohlenstoffisotopentest die Einnahme von exogenem Testosteron bewiesen habe.
Die Schiedsgerichtsmehrheit vertraut dabei den wissenschaftlichen Experten der «Anklage», d.h. der im Auftrag der Weltantidopingagentur WADA handelnden US-Antidopingagentur, welche die Ergebnisse des Kohlenstoffisotopentests für «unzweideutig» halten. In einer abweichenden Minderheitsmeinung vertritt das dritte Mitglied des Schiedsgerichts, ein ehemaliger olympischer Ringer, die Ansicht, dass die vom französischen Labor vorgelegten Dokumente «derart mit Fehlern gefüllt sind, dass sie keinen Verstoss gegen die Dopingbestimmungen abstützen» und dass «Mr Landis für unschuldig befunden werden sollte».
Das Urteil des Schiedsgerichts wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Im Gegensatz zu den (befangenen) Direktoren der Wada-Labors haben von Landis angerufene wissen-schaftlich ausgewiesene forensische Chemiker die Ergebnisse des Kohlenstoffisotopentests für «unzuverlässig» erklärt. Einer dieser Experten, der Androloge John Amory, hatte ausgesagt, dass die vom LNDD erhobenen «seltsamen», von Tag zu Tag schwankenden Werte im Widerspruch zu den Ergebnissen sämtlicher wissenschaftlichen Studien stünden, in denen Probanten exogenes Testosteron verabreicht worden sei. Die Schiedsgerichts-Mehrheit ging auf dieses Argument nicht ein. Anderseits bezeichnete sie die von den Experten der Verteidigung, Dr. Wolfram Meier-Augenstein und Dr. Simon Davis, ins Feld geführten Beweise als «wissenschaftlich völlig inakzeptabel und fundamental makelhaft». Diese beiden mit den bei den Tests verwendeten Geräten eng vertrauten Chemiker werden diesen ehrrührigen Vorwurf nicht einfach schlucken.
Landis hat über zwei Millionen Dollar in das Verfahren investiert. Wenn er den Entscheid an das Lausanner Sportschiedsgericht TAS weiterziehen will, wird ihn dies geschätzte 800000 Dollar kosten. Für den abgesetzten Tourgewinner, der sich nach wie vor als «rechtmässigen Sieger» betrachtet, ist das Antidopingsystem «korrupt, ineffizient und unfair». Mit dieser Meinung steht er nicht allein. In einer gründlichen Analyse des vorgelegten Beweismaterials kommt der forensische Chemiker Robert D. Blackledge (im Fachorgan der California Association of Criminalists) zum Schluss: «Würden die Daten des LNDD in einem tatsächlichen Strafprozess vor Geschworenen im amerikanischen Gerichtssystem vorgelegt, wette ich, dass das Verfahren nicht einmal die Stufe der Schlussplädoyers erreichen würde. Nach Abschluss der Beweisführung der Staatsanwaltschaft würde der Richter befinden, dass die Anklage keinen Prima-facie-Beweis erbracht habe, und die Geschworenen anweisen, ein Nicht-schuldig-Verdikt zu verhängen.»
26.09.2007, Ausgabe 39/07
Radsport
Ein Urteil, das keines ist
Hat er nun gedopt oder nicht? Die Frage, ob Floyd Landis die Tour de France nur mit Hilfe von künstlichem Testosteron gewann, bleibt umstritten.

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