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26.09.2007, Ausgabe 39/07

Reise zu den Premieren

Die Nackten und die Quoten

Auf einer Reise zu den Premieren der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen zur Saisoneröffnung erlebt man das grosse Grausen. Die Häuser stehen zunehmend unter ökonomischem Druck, doch rechtfertigt dieser auch die ästhetische Misere?

Von Daniele Muscionico

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Man stelle sich vor: Zur Spielzeiteröffnung am Wiener Burgtheater setzt sich ein mit der Vorsehung hadernder Mönch (Pater Lorenzo bei Shakespeare) mit seinem nackten Hintern auf einen Engel (der Geist der Geschichte, ein Einfall des Regisseurs), und vom Schnürboden prasseln Leichenteile. Gegeben wird «Romeo und Julia», und zwar so, dass es selbst die Wiener graust.

Die Presse stoppt bereits Stunden später die Debatte über den «saftigen Preisanstieg beim Schnitzel» und erklärt stattdessen die ausgebuhte Premiere zum Verbrechen des Tages. Die gesamte Innenstadt empört sich über die hoffnungslos verdreckten, brustfrei Liebenden, welchen man in der ersten Zuschauerreihe in Augenhöhe ausgesetzt war. Und auch die Kritiker bleiben dabei – trotz des Glases Konfitüre, «Williams Birne», verabreicht an der Kartenausgabe zur Versüssung des Abends: was für ein Schmierentheater!

Die Illusionsmaschine Theater ist angeworfen, die Saison hat begonnen, doch selten waren die Spielpläne der grossen Häuser so ungeniert einfallslos und dabei so antiquiert. Dazu zwei Stichproben: Shakespeares «Romeo und Julia» hatte am 19.September am Hamburger Thalia-Theater Premiere, gemäss der Fachpresse das «Theater des Jahres», und dort war das Stück Chefsache, Andreas Kriegenburg richtete – zugegeben fulminant und bereits preisverdächtig – zu und an. Tags darauf kam es am Wiener Burgtheater heraus und roch bereits merklich nach Gammelfleisch. Wiederum einen Tag später war es am Schauspiel Hannover so weit, Saisoneröffnung mit der Urmutter aller Liebesgeschichten, «Romeo und Julia».

Der Dompfaff war’s, nicht die Lerche

Zweites Beispiel, «Ödipus» von Sophokles, Grundlage der europäischen Familien-Neurose. In München eröffnet Jossi Wieler die Kammerspiele mit dem Lehrstück über Determinismus und Willensfreiheit. Im Zürcher Theaterflaggschiff, dem Schiffbau, inszeniert Matthias Hartmann das entsprechende Antiken-«Projekt» und führt es weiter bis in die Gegenwart. Auf der Blutspur des Mythos wird ein Aids- statt fusskranker Ödipus im Jahr 2012, auf der Fahrt zu seinem Arzt, abgelenkt von einem Dompfaffen und der Stimme seiner Mutter (beziehungsweise seines GPS): Er überfährt ein kleines Mädchen. Kommt uns das vielleicht bekannt vor? Bereits Ödipus’ Vater hatte dem Sohn an einer Wegkreuzung die Vorfahrt verweigert. Mit tödlichen Folgen, die Geschichte wiederholt sich. Schau, schau.

Nicht Sophokles immerhin, sondern der doch etwas jüngere Shakespeare wird im Schauspielhaus Zürich reanimiert. In seinem «Sommernachtstraum» greift Christian Weise mit beiden Händen in die Trickkiste des Theaters und fördert zutage: Budenzauber, Puppenspiel sowie eine Armada von Eurythmie-Elfen samt künstlichen Nebelgeschwadern. Schamanisches Theater, auf Hochglanz poliert und effektvoll ästhetisiert. Die gedankliche Leere wird mit einem Aufwand an Ausstattung kaschiert, für die sonst die Oper berüchtigt ist. Der omnipräsente Kronleuchter hat einen Durchmesser von 10 Metern und wiegt 2 Tonnen. Was er gekostet hat, wollen wir besser nicht fragen. Doch fraglos ist: Wer die Saisoneröffnungen von Weise und Hartmann nicht gesehen hat, der kann das Versäumte auf der nächsten Design-Messe nachholen.

Die Misere ist sich auf vielen Bühnen in mindestens drei Punkten ähnlich: im Revival der Antike und bürgerlichen Klassik; in der Begeisterung für apokalyptische Motive, geschmeidig illustriert mit den edelsten Materialien; und, drittens, möglicherweise als Konsequenz, im Auftauchen von Fräuleinwundern am Bühnenfirmament.

Die Rückkehr der Klassiker auf die Spielpläne der wichtigsten deutschen Bühnen ist das klarste Symptom dafür, dass der ökonomische Druck auf die subventionierten Theater gewachsen ist. Mit einer Ausnahme allerdings, dem Burgtheater. Das Land Österreich schiesst seinem Aushängeschild Summen vor, die die Budgets anderer Häuser um ein Mehrfaches übersteigen. Wie konnten «Romeo und Julia» dennoch so tief versinken im Morast der inszenatorischen Unentschiedenheit? Ein Verdacht liegt nahe.

Das Burgtheater ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Die Auslastung ist die Kennzahl, nach der die Kulturpolitiker ihr Geld verteilen. Diesem Druck hält nur stand, wer mit Erfolgen dagegenhalten kann. Und Quote ist mit den Klassikern der Speisekarte am sichersten zu erzielen, sie sind das einträglichste Kassageschäft. Die Stücke, die auf deutschsprachigen Bühnen 2004/05 die höchsten Besucherzahlen einspielten, waren: «Romeo und Julia», «Ein Sommernachtstraum», «Dreigroschenoper», «Die Räuber» und «Kabale und Liebe». Dass Intendanten auf den Quotendruck reagieren und Strategien entwickeln, will kaum jemand zugeben. Lediglich Thomas Ostermeier, Leiter der Berliner Schaubühne, verriet jüngst seine Rechenregel einem Fachblatt: «Die Leute bekommen einen bürgerlichen Klassiker so aufbereitet, dass sie sich erst mal vom Milieu und von der Ästhetik her zu Hause fühlen und denken, sie sehen jetzt was Schönes, um sie dann aber doch an den Punkt zu führen, wo sie mit den Widersprüchen, den Ängsten und Egoismen der Figuren konfrontiert werden.» Die Klassiker als trojanisches Pferd?

Intellektfreie Zonen

Der Klassiker als Verführungsposition einerseits, das Publikum zu avancierten Ästhetiken und Erkenntnissen zu locken. Anderseits ist man sich auch darin einig, dass die Standards zu den grössten Herausforderungen für einen Regisseur gehören. Denn hier kann er sich mit dem Begriff der Werktreue reiben und aus der Reibungswärme Energie für eine neue Lesart gewinnen. Wenn er kann.

Die Rückkehr der Klassiker bedeutet aber auch ein Zweites, den Abschied von intellektuell vergrübelten deutschen Stoffen. Heute sind die Kinder der 68er Generation in den entscheidenden Positionen und gestalten Spielpläne wie einen Kindergeburtstag. Im Namen der Kunst nehmen sie sich die Freiheit, Konzepte zu entwerfen, die garantiert frei von jedwedem intellektuellen Ballast sind. Sie interpretieren die Stoffe über das eigene Erleben oder die eigene Subjektivität. Doch wehe uns! Als Spiesser gilt, wem es vergönnt ist, hinter der Bilderwelt eines Regisseurs etwas zu erkennen. Und wäre es bloss dummes Zeug.

Die Beliebtheit der Kanonklassiker beim Publikum liegt ebenfalls auf der Hand. Die Premiere eines alten Griechen oder anderen Schulbuch-Dramatikers zu besuchen, ist in gesellschaftlicher Hinsicht heute ebenso sinnvoll investierte Zeit wie ein Business-Dinner. Denn man sitzt im Stadttheater unter seinesgleichen und mindestens so beinfrei wie beim Hauben-Koch. Wer will, kann für eine Handvoll Scheine auch die Apokalypse besichtigen. Genauso geruch- und gefahrlos wie im Kino. – Doch wo bleibt die Neugierde des Publikums auf Unbekanntes, auf emotionale und räumliche Entgrenzung, wie sie nur das Theater möglich machen kann? Neugierde entsteht durch Vertrauen. Vertrauen in ein Theater, in dem man bereits gute Erfahrungen gemacht hat, das heisst bekommen hat, was man erwartet. Und so schliesst sich der Kreis.

Im Zentrum des Kreises aber, und das gilt von Weimar bis Wien und Zürich ohne Ausnahme, steht der Schauspieler, der in dieser Spielzeit eine Schauspielerin ist. Ein Wesen, das unsere Projektionen ideal reflektiert. Sie bündelt die Gefühle, sie sorgt für Transzendenz. Denn was dem Literaturbetrieb recht ist, kann dem Theater nur billig sein: das Fräuleinwunder.

Narzisstische Übersteuerung

Es sind diese drei Namen, die man sich merken muss: Mavie Hörbiger, Lisa Hagmeister und Olivia Gräser, Wesen, durch die Gefühle schutzlos ziehen wie durch eine offene Tür. Ihre Möglichkeiten zur narzisstischen Übersteuerung scheinen genauso masslos wie ihr Wille, schamlos zu sein. In Zeiten abstrakter Regiekonzepte verkörpern Hörbiger, Hagmeister und Gräser ganz konkrete, leibhaftige Sehnsuchts-Katalysatoren für das grosse Drama.

Lisa Hagmeister ist als Iphigenie am Thalia-Theater von Nicolas Stemann zwar noch nicht dort angekommen, wo sie hingehört, an die Spitze der Nachwuchsschaupielerinnen. Doch das Potenzial dazu hat sie längst bewiesen. Olivia Gräser als Julia liegt das Hamburger Publikum bereits zu Füssen. Ihre Gabe heisst Hingabe, und Gräser verschenkt sich in aller Zartheit und Kraft. Kraft nämlich sollen die Fräuleinwunder besitzen. Das Püppchen als Berserkerin.

Und Mavie Hörbiger? Die Dritte im Bund der fatalen Sirenen, bekannt als Liebesluder, ist im «Sommernachtstraum» in Zürich zu sehen. Ein Zufall ist das vielleicht nicht. Hörbiger ist mit einem Lieblingsschauspieler Hartmanns verheiratet, Michael Maertens. Die Enkelin der österreichischen Theaterlegende Paul Hörbiger nimmt das Familienerbe leicht und gehört mittlerweile zu den erfreulichsten Erscheinungen auf Schweizer Bühnen. Zumindest in ihrer grazilen Reizbarkeit steht sie bereits heute ihrer Tante, der Schauspielerin Christiane Hörbiger, in nichts nach.

Wo die Unschlüssigkeit der Bilder Konjunktur hat und die Künstlichkeit der Realität ein Vermögen kostet (und dennoch künstlich bleibt), ist der kostenlose Anblick junger, sich für ein Gefühl verzehrender Frauen noch immer das Griffigste, woran sich ein Publikum halten kann. Theater ist eine erotische Erkenntnisform. Das gilt bei allem Grausen und Ärger.

Was einen Klassiker übrigens zu einem Klassiker macht? Es ist die Übereinkunft, darüber schweigen zu dürfen, dass man ihn nicht kennt.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 39/07
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