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26.09.2007, Ausgabe 39/07

Pop

Die Klage zur Lage

Polly Jean Harvey erschlägt uns mit ihrem Piano. Doherty liefert freundliche Babyshambles. Und Biolay macht’s französisch.

Von Albert Kuhn

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Das Album stammt von der Indie-Göttin persönlich, und es macht einen fix und fertig. Was Charlotte Gainsbourg 2006 mit Sympathie und Filmstar-Bonus ganz ordentlich hinkriegte, schafft nun Polly Jean Harvey in gespenstischer Vollendung: uns mit klaftertieftraurigen Songs das Herz zu brechen, die Gedanken zu verdunkeln, die Kniescheiben wegzusprengen.

Begonnen hat PJ Harvey Anfang der neunziger Jahre mit Kratz- und Kreischsongs in schweren Stiefeln. Eine kleine, dünne, scheu wirkende Rebellin. Und Männer waren das Thema. Sie waren ersehnt, aber klappen wollte es selten: «You leave me dry», singt sie 1993. Schnell wurde sie in die Riot-Girls-Feminismus-Ecke entsorgt, sowohl von der Presse als auch von irgendwie verwandten Künstlerinnen. Kratzbürstig wehrte sich PJ gegen alle Etikettierung und war bald in komplexeren Rollen zu sehen: Auf dem Video der 1993er Single «50 Ft Queenie» provoziert sie tanzend im Leopardenmantel und mit goldenem Handtäschchen und bläst sich im Text zur Überlebensgrösse auf, in jeder Strophe zehn Inches länger. Ein Vamp.

Krasse Kostüme wechseln ab mit düsteren, aber irgendwie kindlichen Schwarzweiss­fotos. Als möchte sie am liebsten wieder heim, sich im Teenagerbett einkuscheln, wieder dreizehn sein, an der Wand ihr Elvis-Presley-Poster, sich von seiner Stimme beruhigen lassen. In einem Interview, zirka 1995, nannte sie als stimmliches Vorbild: Presley. Und? Kein und. Nur Presley. Im selben Jahr erschien ihr überwältigendes, fast unfassbares Album «To Bring You My Love». Da sind die Männer Monster und Krokodile, Klein PJ schaut ihnen tapfer in die Augen, lockt sie gar, in der Gewissheit, dass es furchtbar wird.

Vierunddreissig Minuten weniger drei Sekunden dauert dieses Album. Die Blick-Schlagzeile wäre: «Klingt wie Björk, singt wie Death Metal.» Beides ist nur halb falsch. So ätherisch hat PJ Harvey auch schon gesungen, aber nur passagenweise. Auf dem neuen Album singt sie, meist am obern Rand ihrer Stimmlage, langgestreckte Worte wie «silence». Davor ­die-se Sätze: «Ich befreite mich von Familie. Von Arbeit. Von mir selbst. Ich befreite mein Selbst. Und dann war ich allein. Und in meiner Vorstellung stahl ich mir dich. Wissend, dass du mich eh nie wolltest. Silence, silence...»

White Chalk. PJ Harvey wohnt heute unweit ihres Elternhauses, ein paar Dörfer südlicher. Zum Kreidefelsen sind es nur ein paar Minuten. Zu Fuss. Im Titelsong hat sie weissen Kalk an den Füssen: «Dorset cliffs meet at the sea, where I walked our unborn child in me. White chalk, poor scattered land.» Armes, konfuses Land. Klagemelodien steigen in ihr auf. Ihr Lied endet mit zerkratzten Wangen, an den Händen ihr Blut.

Die Stimmung der elf Songs könnte als träumerisch, suizidal beschrieben werden, als irreal, schwebend, manchmal jubilierend. Die ihr fast an den Körper gewachsene Gitarre hat sie für dieses Album weggelegt. Dafür spielt sie ein Turnhallenklavier, dem sie repetitive Muster entlockt, wie mit der Faust gespielt, hämmernd, insistierend. Vor vier Jahren hat sie damit begonnen, bis sie genug Pianoklänge beisammenhatte, dazu Melodien mit unerwarteten Halbtonschritten. Ergänzt mit wenig Instrumenten, hier ein Banjo, da eine Ukulele, ein Bass, gar Schlagzeug. Aber kein Rock.

Es gab vor etwa fünf Jahren eine Bewegung, die sich die Losung «Quiet Is the New Loud» aufs T-Shirt schrieb, das waren Bands wie Kings of Convenience, Notwist, Belle&Sebastian. Nette Bands, nette Songs – aber die ­Losung war smarter Quark und pure Behauptung. Wenn dieses Leise-ist-laut je auf ein Album gepasst hat, dann auf «White Chalk» von PJ Harvey. Mächtig wie «To Bring You My Love». Ohnmächtig intim wie Flüstern ins Ohr. Dann ein letzter Schrei.

Doherty schrammelt, Biolay macht an

Niemand, der älter als vierzehn ist, nimmt einen Popstar zum Vorbild. Auch nicht Pete Doherty, Sänger der fabulösen, noch nicht ­rest­-los aufgelösten Libertines und seit August 2003 der nicht minder fabulösen Baby­shambles. Dass Musiker in aller Regel ein seltsames, ein dereguliertes oder gar ein Kate... – vertippt: ein katastrophales Privatleben haben, darf nicht weiter erstaunen. Hier interessiert Pete Dohertys Musik, und nur sie. Und die ist sehr, sehr lecker. In fast jedem seiner scheinbar lotterigen Rockpopfolksongs schafft er es, mit einfachsten Mitteln eine etwas andere Atmosphäre zu schaffen. Viele beginnen schrecklich zufällig, und man denkt, hier kann einer nicht Gitarre spielen. Wie dann die Band einsetzt, wird klar, was gemeint war. Doherty hat das ­gemeine Schrammeln zu neuen Ehren ­gebracht. Wie erholsam freundlich das klingt vor dem eintönigen Hintergrund all dieser supereffizienten Krass-New-Wave- und System-of-a-Sowieso-Bands.

Und gerne weisen wir darauf hin, dass einem Monsieur Benjamin Biolay ein äusserst raffiniertes Chanson-Album gelungen ist. Der Herr mit reich behaarten Unterarmen und brutaler Unterlippe wird sich mit Garantie in die Unterwäsche unserer Leserinnen singen. Sorry. Ich beschreibe lediglich.


PJ Harvey: White Chalk. Universal
Babyshambles: Shotters Nation. EMI
Benjamin Biolay: Trash Yéyé. EMI

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 39/07
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