Der Plot des «Falles Ylenia» könnte von Agatha Christie stammen. Ein Krimi wie ein Puzzle, dessen Einzelteile wildeste Spekulationen ermöglichen und sich zu einem Bild jenes Täters zusammenfügen, von dem man schon früh ahnte, dass eigentlich nur er für das Verbrechen in Frage kam.
Doch das Puzzle im Fall der am 15. September im Hartmannshölzli-Wald tot aufgefundenen Ylenia Lenhard weist Schönheitsfehler auf: Zwar fügen sich die Einzelteile zu einem Bild zusammen, auf dem der 67-jährige Auslandschweizer Urs Hans von Aesch unschwer als mutmasslicher Täter zu erkennen ist, doch dort, wo sie für den Nachweis stehen sollten, dass er das Mädchen auch getötet hat, und dort, wo sie sein Motiv erklären, klaffen im Puzzle wohl für immer Lücken. Denn die Lösung des Krimis hat er mit seinem Suizid am 31.Juli mit ins Grab genommen.
Ebenso unerklärbar wie das Verbrechen an Ylenia ist die Figur des Urs Hans Von Aesch. Aus seinem Leben sind nur Bruchstücke bekannt: Als er zweijährig war, liessen sich seine Eltern scheiden. Sein Vater hatte ein Dienstmädchen geschwängert, heiratete es und nahm sich später das Leben. Die Mutter brachte Urs Hans im Haus ihres Bruders im Zürcher Seefeldquartier unter, wo sie später ebenfalls einzog. Im gleichen Haus wohnten auch die Eltern der Mutter. Noch als 20-Jähriger nächtigte Urs Hans im Schlafzimmer seiner Mutter, die ihm, um «seinen Herzenswunsch zu erfüllen», einen MG-Sportwagen schenkte.
«Infantiler Psychopath»
Knapp bei Kasse, versuchte das arbeitsscheue Muttersöhnchen 1961, einen Kohlehändler aus Küsnacht ZH zu erpressen. In einem Brief forderte er 10000 Franken und drohte, den vierjährigen Sohn des Geschäftsmannes zu entführen: «Wie schrecklich wäre der Tag, an dem der kleine Eugen nicht vom Kindergarten heimkehren würde.» Das Vorhaben scheiterte, und Von Aesch wurde zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Der psychiatrische Gutachter beschrieb ihn als «mangelhaft entwickelten, infantilen Psychopathen». Mit einem Vertrieb für Kugelschreiber machte sich Von Aesch selbständig, verdiente ordentlich Geld, heiratete, kaufte ein Haus im thurgauischen Iselisberg und zog dort 1976 mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau Vreni ein. Das Ehepaar blieb kinderlos, nahm jedoch 1981 für zwei Jahre zwei Pflegekinder auf: Michaela, 6, und Petra, 3.
Während der achtziger Jahre arbeitete Von Aesch als Vertreter für Landwirtschaftsbekleidungen, Fahnen und Messgewänder und bereiste in dieser Eigenschaft praktisch die ganze Schweiz. Es war die Zeit, als eine unheimliche Serie von Kindesentführungen und Kindermorden das ganze Land in Atem hielt.
Mit der Verhaftung von Werner Ferrari am 30.August 1989 riss die Serie der Verbrechen abrupt ab. Vier Taten konnten ihm nachgewiesen werden, und er wurde zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Doch die Täterschaft in 13 weiteren Fällen blieb ungeklärt (siehe Seite 36). Im gleichen Jahr verkauften die Von Aeschs ihr Haus in Iselisberg und übersiedelten ins spanische Benimantell.
Rachefantasien und Todessehnsüchte
Das idyllische Anwesen, das sie dort erworben hatten, verwahrloste praktisch im Gleichschritt mit zunehmenden Depressionen des Hausherrn. Von Aesch entwickelte sich immer mehr zu einem skurrilen, menschenscheuen Eigenbrötler, der unter imaginären Rachefantasien und Todessehnsüchten litt. 2006 reimte seine Frau in einem Brief an Bekannte in der Schweiz: «Urs zweifelt am Leben. Und das immer mehr. Er sieht keinen Sinn, nur Gerangel und Not und wäre am liebsten seit gestern schon tot.»
Urs Hans Von Aesch, der aus schleierhaften Gründen unter dem Gewicht der Welt litt, sich seiner Umgebung weitgehend entzog und einen Lebensstil pflegte, der nicht den gängigen Normen entsprach, lässt sich kaum in das Raster eines pädophilen Sexualtäters einordnen. Dies, zumal ihm von keiner Person, die ihn persönlich kannte, auch nur die geringste pädophile Neigung oder Auffälligkeit attestiert wird. Dass ein 67-Jähriger ohne jede einschlägige Vorgeschichte plötzlich ein pädosexuelles Tötungsdelikt begeht, stünde in der Schweizer Kriminalgeschichte ohne Vergleich da.
Nichtsdestotrotz: Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass er die fünfjährige Ylenia entführt hat, und vieles deutet darauf hin, dass er auch an ihrem Tod Schuld trägt. Doch die Beweise dafür fehlen, und diese beizubringen, ist nahezu unmöglich, weil Von Aesch tot ist. Aus diesem Grund wird man ihn wohl nie als Mörder von Ylenia bezeichnen können, mag dies auch noch so sehr gegen den Strich des gesunden Menschenverstandes gehen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass in der Hardcore-Berichterstattung der Boulevardpresse über den Fall Ylenia das wichtige Rechtsgut der Unschuldsvermutung seine Unschuld verloren hat.
26.09.2007, Ausgabe 39/07
Täterprofil

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