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19.09.2007, Ausgabe 38/07

Marguerite Duras

Verruchte Heiligenlegende

Muss eine Schriftstellerin ein guter Mensch sein, um gute Bücher zu schreiben? Marguerite Duras liefert in ihren «Heften aus Kriegszeiten», die nun erstmals in deutscher Sprache herauskommen, den Gegenbeweis.

Von Julian Schütt

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Wie heftig, wie oft, wie grausam diese Frau begehren konnte. Als Leser kommt man sich wie ein emotionaler Einzeller vor, wenn man vernimmt, wie Marguerite Duras ihre Begierden im Leben und in der Literatur ausgelebt hat. Sie überzeugt einen davon, dass es keine Geschichte ohne Begierde gibt, dass nur die akademisch sterilisierte Historikerzunft glaubt, diese ignorieren, als reine Privatsache oder Kuriosum behandeln zu dürfen. Doch die Geschichte lässt sich nicht verstehen, keine Geschichte, in der Menschen vorkommen, ohne dass die Lustverhältnisse einbezogen werden. Als sie einmal von Journalisten befragt wurde, wie sie während des Krieges ausgerechnet einen Kollaborateur begehren konnte, einen Todfeind, der freiheitsliebende Franzosen ans Messer geliefert hatte, antwortete sie: «Die Begierde kann alles. Es war eine Begierde wie jede andere, flüchtig, auf der Strasse aufgelesen, die einem jedoch lange nachgeht, weil sie verboten war.»

Marguerite Duras’ beste Bücher sind verbotene Spiele mit dem Feuer. Über den schönen Kollaborateur schreibt sie das erste Mal in einem ihrer handgeschriebenen Hefte, die zwischen 1943 und 1949 entstanden, aber erst 2006 als «Cahiers de la guerre» in Frankreich veröffentlicht wurden, zehn Jahre nach dem Tod der Autorin. Nun erscheinen die intimen Schriften unter dem Titel «Hefte aus Kriegszeiten» endlich auch auf Deutsch. Es handelt sich hauptsächlich um autobiografische Entwürfe und Aufzeichnungen über die Kindheit in Indochina und die Kriegsjahre in Paris. Teile davon hat Duras in ihren Büchern «Der Liebhaber», «Heisse Küste» oder «Der Schmerz» verarbeitet.

Erfahrungen der Unterwerfung

Es ist nicht so, dass die «Hefte aus Kriegszeiten» authentischer aus dem Leben der Duras erzählen als die nachfolgenden Prosawerke. Auch in diesen Urtexten vermischen sich schon Fakten und Phantasmen. Doch aufschlussrei-che Abschnitte lässt die Schriftstellerin später weg oder schreibt sie völlig um. Andererseits lassen sich die Kriegshefte als kompakter Text lesen. Bei Marguerite Duras hängen die Kindheit und ihre Erlebnisse während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Sie schreibt: «Die Kindheit ufert aus bis in den Krieg hinein.» Da wie dort macht sie vor allem Erfahrungen der Unterwerfung. «Der Krieg ist ein Ereignis, das man in seiner gesamten Dauer erdulden muss. Ebenso ist es mit einer Kindheit [...].» Im Bestseller «Der Liebhaber» von 1984, der ihr die Anerkennung beim grossen Publikum brachte, heisst es: «Ich sehe den Krieg in denselben Farben wie meine Kindheit.» Es sind die Farben der Gewalt.

Das erste Heft enthält eine längere autobiografische Erzählung über die Jugend der Autorin in Indochina, dem heutigen Vietnam. Es ist die erste bekannte Fassung des «Liebhabers». Die junge Ich-Erzählerin ist noch keine fünfzehn. Man erfährt viel über das familiäre Magma voller Hass, Begierden, Gewalt, Hohn und Angst, in dem die 1914 geborene Marguerite aufgewachsen ist. Ihr Vater starb früh. Die Mutter rackert sich als Lehrerin ab, und ihr älterer Bruder ist ein halbwahnsinniger Nichtsnutz, der sein Leben in Opiumhöhlen und als Kleinkrimineller verbringt.

Gewaltanfällige Frauenfiguren

Oft bleibt Marguerite sich selbst überlassen. Die Autorin betont im Rückblick, «ein so ausgeprägter Sinn für die Schamlosigkeit» wie in ihrer Familie sei ihr nirgends mehr begegnet. Die Mutter und der Bruder verkuppeln sie tatsächlich mit einem reichen Fremden, damit er die Familie in seinem grossen Wagen dick ausführt. Anders als im Roman erscheint der Liebhaber in den «Heften aus Kriegszeiten» noch als unansehnlicher, pockennarbiger und eher dümmlicher Chinese. Die Erzählerin bekennt freimütig: «Mich hätte man ebenso gut für eine kleine Nutte wie für ein kleines Mädchen halten können.» Der Text bewegt sich fast ausschliesslich in dunklen Zonen. Die Mutter und der von ihr vergötterte Bruder schlagen die Tochter; sie haben, wie es in dem Heft heisst, geradezu ein «Verlangen, mich zu schlagen».

Man muss zum Marquis de Sade greifen, um ähnlich gewaltanfällige Frauenfiguren zu finden wie bei Marguerite Duras. Frauen, die misshandelt werden, und Frauen, die misshandeln. Doch bei Duras rätselt man, ob es die Frauen nicht wirklich gegeben hat. Ob nicht sie selbst in diesen Frauen gestaltet ist. Sie kokettierte mit dem Image einer Schriftstellerin, der alles zuzutrauen ist. Ihre Leser wiederum neigen dazu, seit dem Welterfolg des «Liebhabers» die Texte der Duras autobiografisch zu lesen. Ein Missverständnis, zu dem die Autorin geradezu anstiftete, indem sie verschiedentlich den Wahrheitsgehalt ihrer Geschich-ten bezeugte. Es war ihre Wahrheit. Je erfolg-reicher sie wurde, desto verblendeter arbeitete sie an ihrer verruchten Heiligenlegende. Laure Adler hat vor einigen Jahren in einer ausgezeichneten Biografie Marguerite Duras als Expertin für «ungenaue Geständnisse» enttarnt. Im Alter und nach einigen Alkoholentziehungskuren habe sie, so Laure Adler, ständig ihr Leben neu erfunden und eine falsche Intimität publik gemacht.

Kein Vergessen, kein Verzeihen

Die «Hefte aus Kriegszeiten» legen Duras’ Gewaltobsessionen bloss, konturieren sie in ihrer Rohheit. Ohne Mystifikation. Häufig ohne erzählerische Einbettung. Marguerite Duras enthält sich eines Urteils, will «den Glanz des Ereignisses bewahren». Sie fordert keine Nachsicht, sondern die «Aufhebung jeglicher Moral». In der bereits erwähnten Geschichte vom gefangenen Milizionär erzeugt Marguerite Duras eine erotische Spannung zwischen dem Gefangenen und einer Frauenfigur namens Théodora, die ihn zusammen mit einem Komplizen herumchauffiert.

Théodora, der Duras Züge von sich verleiht, mustert den «schön gebauten» Verräter. Aus der Art, wie er sie während des Verhörs anschaut, schliesst sie, «dass er einer war, der gerne gevögelt hatte». An einer Stelle versetzt sich die Erzählerin gar in den Milizionär hinein, schildert, wie er mit gewaltigen Zügen raucht und die Männer beobachtet, die ihre Gewehre einfetten, mit denen sie ihn später hinrichten würden. Sie versucht, die Unterschiede zwischen ihm und den anderen Männern aufzuheben, doch dazwischen ist seine «dreckige Vergangenheit; wenn die Vergangenheit der Menschen vergessen werden könnte, gäbe es keine Kriege». Die reale Marguerite Duras konnte freilich weder vergessen noch verzeihen. Sie trat für eine Bestrafung der Kollaborateure und Verräter sowie für rigorose politische Säuberungen ein.

In einer weiteren Episode aus dem sogenannten «rosa geäderten Heft» entpuppt sich Théodora als eine der brutalsten Frauen im Werk von Duras, ja der modernen Literatur überhaupt. Théodora gehört einem Vergeltungskommando von anonym bleibenden Widerständlern an, die Selbstjustiz üben. Paris ist befreit, aber noch sind Kanonenschüsse zu hören. Da ihr Mann von der Gestapo verhaftet worden und seither verschollen ist, soll Théodora sich um einen angeblichen französischen Gestapo-Agenten «kümmern», der Kommunisten denunzierte, «weil das fünfhundert Francs pro Kommunistenkopf einbrachte». Die Aufzeichnung des Folterverhörs ist so erschreckend genau, dass man unweigerlich denkt, die Autorin müsse dabei gewesen sein. Oder noch extremer, sie müsse Théodora sein. Die autobiografischen Bezüge sind unverkennbar. Auch Marguerite Duras’ erster Mann Robert Antelme wurde verhaftet, kam ins Konzentrationslager und galt lange als vermisst.

Théodora fragt sich, wie sie es ertragen kann, das Blut des Gefolterten zu sehen und zu riechen. Sie antwortet: «Ich bin böse, das ahnte ich schon immer. Endlich gab sie ihre ganze Bosheit her. Als sie klein war, hatte sie viele Schläge bekommen, sie hatte sie nie zurückgeben können, sie träumte, dass sie ihren älteren Bruder schlug.» Manche Abschnitte dieser Aufzeichnung hat Duras im 1985 veröffentlichten Buch «Der Schmerz» übernommen. Théodora heisst dort Thérèse und ist eine lustvolle Folterin. Und allen Spekulationen vorgreifend, schreibt Marguerite Duras im Vorwort: «Thérèse, das bin ich.» Und noch einmal: «Die, die den Denunzianten foltert, das bin ich.» Sie stellt ohne Wenn und Aber das Vergnügen dar, das Foltern ihr bereitete.

Rache, Folter und Begehren

Ein Mann, der Résistance-Kämpfer denunziert haben soll, muss sich nackt ausziehen, eine Sturmlampe wird auf ihn gerichtet. Théodora/Thérèse leitet das Verhör, gibt zwei besonders rachelüsternen Komplizen Anweisungen, wie sie den Denunzianten malträtieren sollen. Sie feuert die Peiniger an: «Los, ihr beiden!» Die Komplizen schlagen zu. Die Brust kracht unter den Schlägen. Blut läuft dem Gequälten übers Gesicht. Blut ist am Boden. «Los, Leute, los, nehmt ihn hart ran», schreit Théodora. Der Text ist kaum auszuhalten.

Marguerite Duras erzählt in der dritten Person. Aber an einer Stelle gibt sie jede Distanz auf und schreibt unvermittelt in Ich-Form: «Das bereitet ihnen [den Komplizen] Vergnügen. Es gefällt mir, ihnen ein Vergnügen zu bereiten.» Théodora springt auf und brüllt: «Los, Leute, mit mir zusammen.» Der Denunziant wird mit einer «Lawine von Schlägen» traktiert. Es sei einerlei, ob er dabei sterbe oder davonkomme.

In der späteren Version akzentuiert Marguerite Duras noch die Vermengung von Rache, Folter und Begehren, wenn sie schreibt: «Die erotischen Wünsche fielen mit der Gewalt zusammen.» Je mehr der Gefolterte blute, «umso klarer ist es, dass man schlagen muss, dass es wahr ist, dass es gerecht ist». Selbst als ihr Gewaltrausch einige Zuschauer im Raum anwidert, fühlt sie sich noch im Recht. Die radikalste, perverseste Aufhebung der Gewaltentrennung: Théodora/Thérèse rächt und richtet zugleich: «Es wird nie wieder Gerechtigkeit auf der Welt geben, wenn man in diesem Augenblick nicht selber die Gerechtigkeit und die Justiz ist.»

So hat Marguerite Duras bis an ihr Lebensende gedacht. Das behauptet jedenfalls die gewissenhafte Biografin Laure Adler. Sie erwähnt ein Interview von 1985, worin die Schriftstellerin zugab, einen Mann gefoltert zu haben, und es nicht bereute. «Es kann einem wirklich passieren, dass man jemanden foltert, dass man zum Bullen wird. Aber ich konnte dem nicht aus dem Weg gehen. Ich spreche nicht mit Bedauern davon. [...] Ich habe eine entsetzliche Erinnerung daran. [...] Dieser Mann, der blutete, weil wir ihn geschlagen hatten, und der dick war.» Und sie fügte hinzu: «Letztlich meine ich, dass ich der Folter dieses Typen niemals hätte aus dem Weg gehen können, niemals. Ich musste da durch. Ich glaube, mein Hass war so gross, dass ich daran gestorben wäre.»

Zahlreiche Geliebte

Wer war der Gemarterte? Es handelte sich um Charles Delval, einen kleinen, französischen Gestapo-Agenten, der den deutschen Besatzern in Paris für Geld französische Widerständler und Kommunisten verriet, so auch Marguerite Duras’ ersten Mann Robert Antelme, der deswegen in deutsche Gefangenschaft kam und dort beinahe verhungert wäre. Delval wurde besonders der Résistance-Gruppe gefährlich, der neben Antelme, Duras und dem späteren französischen Staatspräsidenten François Mitterrand auch ein gewisser Dionys Mascolo angehörte, einer von Duras’ zahlreichen Geliebten. Der war in jenen Tagen zugleich der Geliebte von Delvals Frau Paulette, die ein Kind von ihm erwartete.

Marguerite Duras wiederum wird hartnäckig unterstellt, sie habe mit dem Kollaborateur Delval eine Affäre gehabt, um Informationen über ihren verschollenen Mann zu erhalten. Tatsache ist, dass sie sich von ihm oft ausführen liess. Charles Delval war allerdings ein vergleichsweise unbedeutendes Rädchen im Pariser Gestapo-Apparat, ein Angeber zudem, der so tat, als stünde es in seiner Macht, Hafterleichterungen für Duras’ Mann herauszuholen.

Sinn für Schamlosigkeit

Nach der Befreiung von Paris war es dann an Marguerite Duras, über Delvals Schicksal mitzuentscheiden. Sie zeichnete in ihrer Zeugenaussage ein vernichtendes Bild des Agenten, wohlwissend, dass dies sein Todesurteil bedeutete. Die Geschworenen waren für ihre Worte sehr empfänglich. Delval wurde erschossen. Sein Anwalt kam noch viele Jahre später bei einem Abendessen mit François Mitterrand und dem Schriftsteller François Mauriac auf den Fall Delval zu sprechen, der ein Justizirrtum gewesen sei. Laut Mitterrand soll sich der Anwalt über jene «Verrückte» – gemeint ist die Duras – ereifert haben, die Delval belastete, so dass er zum Tode verurteilt wurde, obwohl die Todesstrafe in keinem Verhältnis zu den Anschuldigungen stand.

Selbst Freunde aus der Résistance waren laut Laure Adler über Delvals Hinrichtung schockiert und warfen Marguerite Duras ihre Härte vor. Die Schriftstellerin, die derweil ihren Roman «Ein ruhiges Leben» fertigstellte und später Mitglied der Kommunistischen Partei wurde, bedauerte höchstens sehr indirekt, dass sie massgeblich zum Tod Charles Delvals beigetragen hatte. Anders ihr erster Mann Robert Antelme: Nachdem er aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, kämpfte er entschieden gegen den «Irrsinn der Vergeltung».

Die Leser schöner Romane suchen sich die Schriftsteller häufig als Vorbilder aus, verpflichten sie insgeheim auf ethisch hochstehende Ideale. Marguerite Duras pervertierte die humanistischen Ideale in den 1940er Jahren, doch das Ungeheuerlichste ist, dass ihr das als Autorin nicht geschadet hat. Vielmehr ist ihre Prosa, was sich in den nun erscheinenden «Heften aus Kriegszeiten» bestätigt, immer dann faszinierend, wenn Duras moralisch unkorrekt, mit ausgeprägtem Sinn für Schamlosigkeit schreibt, wenn sie ihre ganze Bosheit hergibt, wenn sie statt Zeilen Striemen auf dem Papier hinterlässt.


Marguerite Duras: Hefte aus Kriegszeiten.
Suhrkamp. 366 S., Fr. 42.50 (Das Buch ist ab 1. Oktober erhältlich.)

Exklusiv für Weltwoche-Leser: Die Zusammenfassung von Marguerite Duras’ «Der Liebhaber». Kostenlos auf www.getAbstract.com/weltwoche

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 38/07
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