Literatur

Der Patient

Michael Ondaatje wäre ein begnadeter Romancier. Aus wenigen Details kann er eine Welt schaffen. Leider genügt ihm das nicht.

Von Julian Schütt

Wir leben, anders als noch während der 1990er Debatten über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, in einer geschichtsverdrossenen Zeit. Bezeichnend die Aussage des neuen Magazin-Chefredaktors, die wie aus einem alten Programm des «realistischen Sozialismus» klingt. Er will in seiner Wochenbeilage nach vorne schauen, nicht mehr «rückwärtsgewandte Geschichten» publizieren, da ihn vor allem interessiert, was die Leute «in einem halben Jahr reden».

Nun, jeder Roman der Weltliteratur widerlegt diese Zukunftsgläubigkeit, die letztlich bloss dazu führt, alles und jeden nach dem In-oder-out-Prinzip zu fixieren. Die Romane von Michael Ondaatje beweisen besonders eindrucksvoll, wie prägend die Vergangenheit ist, wie sie die Handelnden erst lebendig macht. Im neuen Roman «Divisadero» lässt er seine Ich-Erzählerin Anna sagen: «Wir erleben unablässig unsere eigene Geschichte wieder, einerlei, welche Geschichte wir erzählen.» Eine Konzeption mit Folgen. Ondaatje zählt zu den Schriftstellern, die den Leser nicht nur mit einer perfekt durcherzählten Story unterhalten, sondern ihn einbeziehen, ja fordern wollen. Seine Bücher sind das, was wir aus ihnen machen.

Vor allem ein Leser hat sehr viel aus Michael Ondaatjes 1992 erschienenem Roman «Der englische Patient» gemacht, nämlich der Regisseur Anthony Minghella, der das Buch verfilmte und neun Oscars gewann. Seither ist der 1943 in Colombo geborene und heute in Kanada lebende Autor ein Weltstar. Sein jüngstes Buch, «Divisadero», ist nach einer Strasse in San Francisco benannt, an der die Hauptfigur Anna einst wohnte. Schon was wir mit dem Titel anfangen, bleibt uns überlassen. Immerhin gab Ondaatje in einem Interview eine Erklärungshilfe: In «Divisadero» schwinge das Wort «division» mit. Der Titel suggeriere eine Wahrnehmung aus der Ferne. «Es ist ein Buch über Teilun-gen und Trennungen.»

Zwei Stoffe werden zusammengebracht, ohne indes zu einer einzigen Geschichte zu verschmelzen. Eine erste Episode beschreibt die Liebesgeschichte zwischen der 16-jährigen Anna und Coop, einem Jungen, den Annas Vater einst in die Familie aufnahm, nachdem Coops Eltern von einem Taglöhner umgebracht worden waren. Als der Vater von der sexuellen Beziehung zwischen Anna und Coop erfährt, schlägt er diesen fast tot. Anna flieht und wird weder Coop noch ihre Familie jemals wiedersehen. Das Ereignis hat ihr «ganzes restliches Leben in Brand gesteckt». Ein rasanter Auftakt. Man geht mit wie in einem Hollywood-Epos.

Das Buch wird zur Literatenprosa

Aber leider nimmt Ondaatje im zweiten Teil die Spannung völlig raus. Anna lebt nun unter einem neuem Namen in Frankreich und schreibt über einen toten französischen Dichter, entdeckt dessen Vergangenheit, weil sie die eigene kaum aushält. «Wir haben die Kunst», zitiert sie Nietzsche, «damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.» Anna hat sogar das letzte Haus des Dichters mieten können. Während des Aufenthalts lernt sie einen Musiker kennen, der sie bei ihren Recherchen weiterbringt und im Übrigen der einzige Mensch im Roman zu sein scheint, der zufrieden ist und glückliche Erinnerungen hat.

Der Leser aber ist immer weniger zufrieden mit Ondaatje, denn der ominöse Dichter, um den sich plötzlich alles dreht, kommt ei-nem nie richtig nahe. Und man hat es immer penetranter mit Literatenprosa zu tun, in der literaturimmanente Etüden geboten werden. Was aber geschieht mit der faszinierendsten Gestalt, mit Coop? Man erfährt noch, wie er sich als Pokerspieler Feinde schafft. Es sind die stärksten Seiten des Buches. Ondaatje beweist, dass er mit wenigen Zutaten eine atmosphärisch dichte Welt entwerfen kann. Doch als ob er befürchtete, Coop könnte den Roman zu sehr dominieren, lässt er die Figur fallen.

Michael Ondaatje sucht in «Divisadero» Momente, in denen die Kunst «im Geheimen auf das Leben trifft». Doch das Ergebnis ist unbefriedigend, auch weil der Autor zu forciert darauf abzielt, Leseerwartungen zu enttäuschen. Er weigert sich, linear zu erzählen und Helden zu schaffen, die einen das eigene Leben für einige Stunden vergessen lassen. An einer Stelle des Buches steht: «So verlieben wir uns in Gespenster.» Aber in literarische Charaktere, die Gespenster bleiben, verliebt sich nicht der Leser, sondern nur der Autor Ondaatje.


Michael Ondaatje: Divisadero.
Hanser. 279 S., Fr. 38.70

Lesung: 10. September. Kaufleuten, Zürich. 20 Uhr

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