Grüne freisinnige Kühe. Noch hat der Freisinn («Hop Sviz») seine innere Mitte nicht gefunden. Unsicher tastet er sich zu seinen freiheitlichen Wurzeln vor, doch der Rückgriff geschieht nicht ohne Irrungen. Die Partei glaubt an zeitgeistfähige Adjektive. Man gibt sich jetzt betont «urban», verkrallt sich in die rot-grünen Städte, von wo aus die Rückeroberung der mit Mistgabeln verteidigten Talschaften gelingen soll. Aufschlussreich ist der Bildteil in der neuen programmatischen Broschüre des Parteipräsidenten Fulvio Pelli, «37 Gründe, liberal zu sein». Das Portfolio versammelt Fotografien von André Roth und Marc Schmid, die den grafischen Code zur urbanisierten FDP in einem kurzen Vorwort so erläutern: «Bei unserem konzeptuellen Vorgespräch über mögliche Motive und Visualisierungsformen wurde rasch klar, dass eine lebendige und dynamische Idee wie der Liberalismus nicht in Bildern ausgedrückt, sondern ästhetisch impliziert werden muss: in Spuren, Verläufen und Koinzidenzen ...» Die Bildstrecke schwelgt entsprechend in Verrätselungen. Man zeigt Baugerüste vor schwefligem Himmel. Wir sehen Gletscher, Staumauern, unscharfe Arme, zwei violett bis schwarz eingefärbte Flächen, die vermutlich eine Scheinwerferaufhängung über einer Bühne darstellen. Auf einem Bild sind grüne Kühe zu erkennen, zwei gerötete Autobahnbrücken aus Beton. Ob die freisinnige Coolness-Offensive Wählerherzen wärmt, bleibt zweifelhaft. Pellis Bilderserie veranschaulicht allerdings perfekt, woran es dem heutigen Freisinn mangelt: Die urbanisierte FDP ist eine Kopfgeburt, eine Partei ohne Unterleib. Man will sich bei städtischen Milieus einschmeicheln. Irgendwo gibt es ein Problem mit den eigenen Traditionen. Die CVP suchte ihr Glück einst beim Verteilen von Zahnbürsten. Der Freisinn dekoriert unterkühlte Oberflächen. Beide Parteien kranken am Patriotismus des schlechten Gewissens.
Weltwoche vs. Staat. Kürzlich kritisierte ein früherer hochangesehener Nationalrat, die Weltwoche sei grundsätzlich gegen den Staat. Das ist falsch. Die Weltwoche setzt sich kritisch mit staatlicher Macht auseinander, vor allem stellt sie die politische Ur-Frage, die seit Ewigkeiten gültig bleibt: Was ist Staat? Was ist nicht Staat? Auf die Gegenwart gemünzt: Wie muss sich die Schweiz organisieren, damit sie als zukunftsfähiger Standort Wohlstand produziert? Wo haben wir zu viel, wo haben wir zu wenig Staat? Wie sinnvoll bleiben Traditionen, die sich in der Vergangenheit als wirksam erwiesen haben? Die Beantwortung dieser Fragen endet nicht in Ideologie. Es gibt erfolgreichere und weniger erfolgreiche Modelle. Es gibt Fakten. In einem persönlichen Gespräch sagte der frühere slowakische Finanzminister und Flat-Tax-Pionier Ivan Miklos: «Mitte-rechts-Regierungen erzeugen, statistisch gesehen, mehr Wohlstand.» Stimmt.
Globalisierte Schwinger. Selten waren so viele junge Leute am Schwing- und Älplerfest wie jetzt in Aarau. Der einst als rückständig belächelte Sportanlass zog 200000 offensichtlich begeisterte Besucher an. Interessanterweise wurde die Veranstaltung von der durchglobalisierten Grossbank UBS gesponsert. Die Allianz belegt, was im Grunde alle fühlen: Es gibt keinen Gegensatz zwischen der urtümlichen, unabhängigen, traditionsbewussten, anarcho-berglerischen Schollenschweiz und einem weltmarktfähigen Wirtschaftsstandort. Noch in den neunziger Jahren wurde von links bis rechts der Mythos bewirtschaftet, das Land sei politisch zum Untergang verdammt, die Wettbewerbsfähigkeit nur durch eine möglichst baldige Preisgabe seiner Unabhängigkeit in Uno und EU zu bewahren. Man mäkelte, es sei ein Widerspruch, gleichzeitig für wirtschaftliche Globalisierung und politische Eigenverantwortung einzutreten. Bis in bürgerliche Kreise wucherte der Anti-Swissness-Selbsthass, und es gehört zu den grössten Ironien unserer Nachkriegsgeschichte, dass es einen schwulen Lifestylejournalisten aus Kanada brauchte, Tyler Brûlé, um die progressiven Stände davon zu überzeugen, dass die Schweiz noch nicht entsorgt zu werden braucht. Heute setzt sich im Schneckentempo die Einsicht durch: Unsere politischen Traditionen sind kein Problem, sondern eine Voraussetzung für Wohlstand, mit Kant gesprochen, die Bedingung der Möglichkeit unserer unternehmerischen Leistungsfähigkeit. Die Partnerschaft zwischen UBS und Älplerfest versinnbildlicht den Zusammenhang.
Bitte nicht. Die Idee ist gut, die Umsetzung irritiert. Der Soziologe Kurt Imhof und der Publizist Roger de Weck legen im Magazin des Tages-Anzeigers eine heiter geschriebene, unendlich kleinkarierte und schlecht gelaunte Kurzdarstellung unserer Geschichte vor. Es plärrt die alte linke Leier: 1291, Eidgenossenschaft, Männerbund, Schurkenstaat, Export von kriegswichtigem Material (Söldner), Kuhschweiz, dann, zum Glück, der Einmarsch (Napoleon), Helvetik, Sonnenschein, Grösse, alles Gute kommt von aussen, Bundesstaat, Verfinsterungen, Militarismus, Erster Weltkrieg, Fröntlertum, Aktivdienst, Guisan, Nazi-Sympathien, Flüchtlingspolitik, Bankgeheimnis, Rosinenpickerei. Schliesslich der Infarkt: Blocher, SVP, EWR-Nein, Niedergang der Linken, Höllensturz. Heute drohen «Volksabsolutismus» und «Desinteresse am Projekt Schweiz». Frage des Lesers: Warum geht es uns so gut, wo es doch seit 1291 fast nur noch abwärtsgeht? Es gilt für diese Art der Geschichtsschreibung, was der grosse Western-Regisseur John Ford einen seiner Helden in «The Man Who Shot Liberty Valance» sagen liess: Wenn die Legenden durch Tatsachen widerlegt werden, soll man die Legenden drucken.
Der Cathomas-Faktor. Gemäss den Berechnungen des Sozialgeografen Michael Hermann folgt der Schweizer Nationalrat präzise dem Abstimmungsverhalten des völlig unbekannten Bündner CVP-Hinterbänklers Sep Cathomas. Als Prototyp des mehrheitsfähigen Mitläufers verkörpert Cathomas die Seele der Partei. Es hat auch etwas Beruhigendes, wenn ausgerechnet die windigste Truppe in Bern den Ton angibt.
roger.koeppel@weltwoche.ch













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