Raymond Barre (1924–2007) – Als Spross einer alten Siedlerfamilie auf der Insel La Réunion aufgewachsen, war der Mann «mit dem viereckigen Verstand in einem runden Körper» ein französischer Staatsdiener alter Schule, gewissenhaft, belesen, besonnen und voller bon sens. Präsident Giscard d’Estaing hielt ihn für «den besten Nationalökonomen Frankreichs» und machte den EU-Kommissar, der sich in Brüssel durch Vorstudien für eine künftige Währungsunion hervorgetan hatte, 1976 zum Premierminister.
In diesem Amt, das er fünf Jahre lang innehatte, beeindruckte er seine Landsleute in einer von hohen Ölpreisen, Inflation und Stagnation geplagten Welt mit einer sparsamen und umsichtigen Wirtschaftspolitik. Für die Präsidentschaftswahlen 1988 galt er lange Zeit als Favorit, schaffte es aber dann überraschenderweise nicht in die Endausmarchung. «Babarre», wie ihn Satiriker wegen seiner Elefantenlöffel auch nannten, war den Franzosen offenbar zu professoral, zu liberal, zu konservativ und zu behäbig. In der französischen Rechten blieb der scharfzüngige und oft zu unerwarteten Stellungnahmen neigende Politiker immer ein Aussenseiter, der sich von Parteiintrigen fernhielt. Sein Wort hatte jedoch Gewicht, und auch seine Gegner zollten der «Schildkröte» (ein weiterer Übername) Respekt.
Mitterrand, von Barre als «Prinz der Zweideutigkeit» bezeichnet, hielt ihn für einen Staatsmann von Format. Ein anderer Politiker nannte ihn treffend einen «Tauben mit feinen Ohren». Mit 71 liess sich Barre zum Bürgermeister von Lyon wählen und übte dieses Amt als populärer Stadtvater bis 2002 aus.
Hanspeter Born
Thomas Hösli (1965–2007) – Die Schweizer Pop- und Rockmusik hat nur eine Handvoll Stars gesehen. Einer hiess Hösli und ist im 42. Altersjahr an Lungenkrebs gestorben. Um ihn trauert mehr als eine Stadt. Thomas Hösli, geboren in «Lozärn», war ein zartbitterer Versucher, der es niemandem einfach machte, sich selbst zuletzt. Seinen Lebensweg als «höchstgelegener Dandy Europas» (436 mü.M.) lenkte er bewusst in die Niederungen des Rock’n’Roll. Der Weg zu den Sternen sollte nicht aus einer sicheren Büroexistenz, sondern Showbiz-gemäss in der Gosse beginnen. Das Ziel: Hösli wollte einen Evergreen schreiben.
Seine Übersetzung von Ehrlichkeit im Rock’n’Roll war die eigene Nacktheit, dargeboten am Ende seiner unvergesslichen Auftritte mit Naturakt und später mit Steven’s Nude Club, seinem stärksten Ross. Den Stones-Song «Everybody Needs Somebody» korrigierte er nassforsch in «Everybody Needs My Body». Er hätte auch «Roti Rösli» singen können, als Krimi mit 25 Toten.
Thomas Hösli war der David Bowie der Voralpen, der Ivan Rebroff der Polizeistunde, der Elder Statesman der Sedel-Kultur schliesslich, der grössten Anhäufung von Übungsräumen der Schweiz. Unsinnigerweise in einem alten Gefängnis untergebracht, dem er wie ein Schutzpatron unsichtbar vorstand. Wenn Hösli zum Interview empfing, lud er zum Warm-up in die «Hofegge»-Bar, zu Speis und Sound-Diskussion ins «Galliker» und versenkte den Abend hochprozentig im Plüsch der «Palace»-Bar. Und wo bleibt der Evergreen? Das ist Hösli selber.
Albert Kuhn













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