Politik

Kind im Elysée

Theaterregisseurin Yasmina Reza porträtiert Präsident Nicolas Sarkozy. Sie kommt der Wirklichkeit näher als viele Politexperten.

Von Stefan Brändle

Nicolas Sarkozy blättert in der Zeitung Le Figaro, die mit ­einer dicken Schlagzeile über Wahlen im Iran berichtet. Nach einer Weile schaut er von der Seite auf und sagt zu sich: «Die ist aber schön, diese Rolex.»

In dem Buch «L’aube le soir ou la nuit» (Die Morgendämmerung, der Abend oder die Nacht) von Yasmina ­Reza erfahren die Franzosen nicht nur, dass der Emporkömmling aus dem ­Pariser Nobelvorort Neuilly gerne im Luxus schwelgt und selbst Rolex trägt. Weniger genoss der 52-jährige Gaullist seinen Wahlsieg am 6. Mai, das heisst die Erfüllung seines Lebenstraumes. «Ich bin sehr zufrieden, aber ich empfinde keine Freude», sagte der Mann zu der Starautorin, die ihn ein Jahr lang durch einen der spannendsten Wahlkämpfe Frankreichs begleitet hatte.

Reza war bei Blair an der Downing Street dabei, in Algier bei Präsident Bouteflika, sie erlebte Sarkozy beim Umziehen im Flugzeug und bei internen Wahlkampfsitzungen. Im Unterschied zu den Präsidenten Mitterrand oder Giscard d’Estaing, die permanent von einer TV-Kamera gefilmt wurden, diese aber genau kon­trol­lierten, liess Sarkozy der phänomenalen Pariser Stückeschreiberin («Der Gott des ­Gemetzels») freie Hand. Wobei Freiheit in Frankreich immer relativ ist. Gegen Rezas Willen geschossene Fotos zeigen, wie Sar­kozy die Autorin an einem Wahlabend beim Tanzen eng fasst. Diese Nähe zwischen Politikern und Journalisten – vor allem Journalistinnen – ist am Pariser Hof allerdings nichts Aussergewöhnliches. Natürlich duzte Sarkozy Reza bald, so, wie er das bei jedem Zweiten tut.

Die 48-jährige Autorin, die wie Sarkozy unter anderem ungarische und jüdische Wurzeln hat, in Paris aber nicht in rechten Kreisen, sondern im linken Szenekuchen verkehrt, beschreibt aus dem innersten Taifunauge einen knallharten, rasanten und oberflächlichen Politzirkus. Sarkozy konnte darin nur deshalb obenaus schwingen, weil er auch so ist. Als Reza ihn mal fragt, ob ihm der Wahlkampf lange vorkomme, antwortet der Rastlose: «Ich denke nicht daran», und nach einer Pause: «Warum denken?»

Die Pariser Medien debattieren, wieweit Reza selbst dem Charme des Machtpolitikers erlegen sei. Die Antwort ist so doppelbödig wie das Buch: Die Autorin verliert zwar über die 190 Seiten zunehmend die Distanz zu ihrem Objekt, gewinnt aber die Leser immer wieder mit teilweise gnadenlosen Sätzen. «Er ist ein Schauspieler, der Frankreich verführen will», liest man. Oder sie schreibt: «Vielleicht hat er recht, die Juden hegen keine Affinität zur Bescheidenheit» – um Sarkozy zu zitieren: «Ich führe in den Meinungsumfragen, obwohl ich der Freund der USA und Israels bin.»

In seinen stärksten Seiten beschreibt der programmierte Bestseller – die Startauflage von 100000 war nach wenigen Tagen ausverkauft – einen Mann, der das Gegenteil seiner reservierten und paternalistischen Vorgänger ist. Sarkozy erscheint Reza «wie ein frecher und gleichzeitig naiver Achtjähriger»; wie «ein kleiner hyperaktiver Junge» lutscht der nachmalige Präsident der Grande Nation ständig Bonbons und denkt laut darüber nach, was diesem alles zusteht: «Ich werde einen Palast in Paris, ein Schloss in Rambouillet und eine Festung in Brégançon haben.»

Sarkozys bekannte Offenheit, mit der er verpönte Rechtsparolen in Frankreich rehabilitierte und letztlich die Wahl gewann, hat auch eine narzisstische Kehrseite: «Wenn ich nicht existieren würde, müsste man mich erfinden», sagt er zur Theaterfrau.

Zwei Reporter von Le Monde und Le Figaro verhöhnt Sarkozy: «Ihr müsst zugeben, ich bin eine unerschöpfliche Quelle für eure Scheiss­artikel.» Die beiden angesehenen Journalisten schreiben die Aussage gesenkten Hauptes mit. Bei nächster Gelegenheit hofiert Sarkozy die gleichen Journalisten wieder – und vermittelt von sich das Bild eines innerlich zerrissenen Mannes: Seine Unverfrorenheit und Oberflächlichkeit geraten ständig in Konflikt mit seiner unbestreitbaren Rechtschaffenheit und politischen Überzeugung.

Als Reza mit ihrem Reportageanliegen an Sarkozy getreten war, sagte er: «Auch wenn Sie mich in dem Buch zerreissen, wird mich das nur noch grösser machen.» Einen Verriss wollte Reza nicht. Beim Wahlsieg weinte sie. An der Wahlfeier im Luxus­restaurant «Fouquet’s» an den Champs-Elysées war sie nicht mehr dabei. Cécilia Sarkozy hatte Rezas Namen von der Gästeliste gestrichen. Das steht nicht im Buch.


Yasmina Reza: L’aube le soir ou la nuit.
Flammarion. 190 S., 18 €

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