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29.08.2007, Ausgabe 35/07

Schriftsteller Peter Handke

«Ein Idiot im griechischen Sinne»

Der Schriftsteller Peter Handke hat sich mit seiner Unterstützung für den serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic zum Aussenseiter gemacht. Ein Gespräch über die Schönheit Jugoslawiens, Vorteile der Farbenblindheit und den «Grundschock» seines Lebens.

Von André Müller

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Ein Interview mit Peter Handke ist eine Gratwanderung. Man würde sich ja gern mit dem Dichter über die Feinheiten seiner Poesie, über die tiefen Empfindungen beim Aufspüren der treffenden Wörter oder auch über das Pilzesammeln, dem er frönt, unterhalten. Doch seit er sich auf die Seite Slobodan Milosevics schlug, der seiner Verurteilung als Kriegsverbrecher nur durch vorzeitigen Tod entging, liegt über dem imposanten Werk dieses Sprachkünstlers ein es verdunkelnder Schatten.

«Setzen wir uns in den Garten», sagt er sanft, etwas zittrig schon, mit durchfurchtem Gesicht, ein gealterter Jüngling in Bluejeans, barfuss, sonnengebräunt. Seit 16 Jahren lebt er in dem Pariser Vorort Chaville, umgeben von lärmenden Nachbarn, unspektakulär, fast bescheiden. Die täglichen Wanderungen durch den angrenzenden Wald, der sich bis nach Versailles erstreckt, beruhigen ihn.

Er sei, erzählt er beim Rundgang durch das einstöckige Haus, zur serbisch-orthodoxen Kirche übergetreten. Manchmal besuche er den Gottesdienst in Paris. Stolz zeigt er dem Interviewer einen selbstgepflanzten Haselnussbaum, der das Dach überragt. In den Zimmern hat schon lang niemand mehr aufgeräumt. Seine zweite Ehefrau, die französische Schauspielerin Sophie Semin, wohnt mit der gemeinsamen Tochter Léocadie in der Innenstadt. «Wir telefonieren täglich», sagt Handke, «oder wir treffen uns zum Essen in einem Restaurant.»

Liebschaften? Schon lang nicht mehr. Der letzte Seitensprung (Katja Flint) liegt Jahre zurück. «Die Triebe lassen mit dem Alter nach, zum Glück.» Handke stellt eine Karaffe mit Wasser, in das er eine Zitrone gepresst hat, auf den Tisch. Später wird Weisswein getrunken.

Vor zwanzig Jahren* hatten Sie vor, Ihren Lebensabend in einem selbsterbauten Altersheim zu verbringen, mit Freunden Karten zu spielen und aus dem Fenster auf die jungen Mädchen zu schauen, die draussen vorbeigehen.
Dafür ist es vielleicht noch zu früh.

Sie werden im Dezember 65.
Ja, man fühlt sich... Wie heisst das? Befristet. Das Alter macht doch zunehmend Bedenken. Ich weiss nicht, ob das so heiter wird, wie ich es mir vorgestellt habe.

Für viele sind Sie, seit Sie sich für den als Kriegsverbrecher angeklagten jugoslawischen Präsidenten Milosevic eingesetzt haben, ein Hassobjekt.
Ich habe gefürchtet, dass Sie damit anfangen werden.

Die Leute weichen Ihnen auf der Strasse aus.
Das war eine Zeitlang so, ja. Ich habe auch Briefe von Buchhändlern bekommen, die mir schrieben, dass sie meine Bücher nun nie mehr verkaufen werden. Aber ich beklage mich nicht. Ich finde es seltsam. Aber ich habe mich nicht als Ausgestossener gefühlt. Ich habe gedacht, so gehört es sich.

Wurden Sie auch körperlich attackiert?
Auf meiner letzten Lesereise wartete vor dem Frankfurter Schauspielhaus eine Truppe Bosnier, die man zum Protestieren da hingekarrt hatte, mit Särgen auf mich. Mein Lektor sagte: Geh da nicht hin! Ich bin trotzdem hingegangen und habe denen gesagt, sie sollen mir ihre Adressen geben, ich würde sie gern mal besuchen. Da waren die ganz verdattert.

In einem Interview mit der kroatischen Wochenzeitung Globus haben Sie angekündigt, Sie wollten einen Roman über Milosevic schreiben.
Unsinn!

Zu seiner Beerdigung in Pozarevac seien Sie gefahren, um sich von der Atmosphäre des Ortes, in dem er geboren wurde, inspirieren zu lassen.
Totaler Blödsinn! Das ganze Interview war erfunden. Es war eine Reporterin hier, eine ganz hübsche, die fragte gleich zu Beginn, wie ich damit einverstanden sein könnte, dass Dubrovnik zerstört worden sei. Aber Dubrovnik wurde nicht zerstört. Nur die Aussenbezirke wurden beschossen. In der Altstadt sind vielleicht, schlimm genug, ein paar Dachziegel heruntergefallen.

Was war der wahre Grund Ihres Besuches am Grab von Milosevic?
Das kann man nachlesen.

Sie wollten sich von dem Land, dessen letzter Präsident er war, verabschieden.
So ist es.

In Ihrer Trauerrede sagten Sie: «Ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Deshalb bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic.»
Mich hat auch empört, wie über seinen Tod berichtet wurde. Ich muss aufpassen, dass kein Ingrimm in mir aufsteigt, wenn ich mich erinnere, was zum Beispiel Eric Fottorino, der inzwischen Herausgeber von Le Monde geworden ist, geschrieben hat. Der hat den portugiesischen Dichter Fernando Pessoa zitiert, der in seinem «Buch der Unruhe» sagt, dass das Herz, wenn es denken könnte, stillstehen würde. Also müsse Slobodan Milosevic zu denken angefangen haben, als sein Herz in der Gefängniszelle aufhörte zu schlagen. Da habe ich gedacht, einen grossen Dichter zu benutzen, um auf einen Tod zu urinieren, das ist das Schlimmste, was man machen kann. Diese Leute, die sich poesiefreundlich geben, sind gerade die ärgsten Feinde der Poesie.

Ja, aber...
Kein «aber»!

Sie bezeichnen sich als Freund Serbiens. Ihr Bericht über eine Reise durch das Land trägt den Untertitel «Gerechtigkeit für Serbien». Aber das serbische Volk hat doch selbst Milosevic ­abgesetzt und ihn freiwillig an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert.
Man hat ihn abgewählt. Dass man ihn ausgeliefert hat, bleibt eine ewige Schande für Serbien.

Die serbische Schriftstellerin Biljana Srbljanovic sagt, Sie hätten keine Ahnung. Milosevic habe Oppositionelle auf offener Strasse ermorden lassen.
Das stimmt nicht. Es gab eine total freie Presse in Jugoslawien. Aber es gab das Wirtschaftsembargo des Westens, wodurch von selbst mafiose Strukturen entstanden. Diese kleinen Mafia-Gruppen haben sich gegenseitig bekriegt. Wie kann man das mit Milosevic in Verbindung bringen?

Ich frage nur.
So etwas zu behaupten, ist eine Unverschämtheit. Dieses Mädchen wurde während des Nato-Krieges gegen Jugoslawien vom Spiegel, der ja für diesen Krieg war, beauftragt, ein Tagebuch zu führen. Die schrieb dann, während die Bomben fielen, es sei ganz ungefährlich, es splittere nur da und dort etwas Glas. In Wahrheit sind über tausend Serben in diesem Krieg umgekommen. Diese Frau ist eine Westhure.

Sie hat bedauert, dass Sie sich nicht, statt auf Milosevics Begräbnis zu sprechen, mit einer Trillerpfeife an der Gegenkundgebung beteiligt haben.
Ach, die soll sich ihre Pfeife...

Wie bitte?
Nichts.

Warum sagen Sie den Satz nicht zu Ende?
Sie können ja drei Punkte machen.

Ein Grossteil der Serben distanziert sich inzwischen von Ihnen.
Ja, aber das ist doch normal. In jedem Land gibt es solche und solche.

Woher haben Sie Ihre Informationen?
Worüber?

Dass Milosevic diese Morde nicht zu verantworten hatte.
Na, ich gehöre doch selbst zur Mafia. Mich hat der serbische Geheimdienst bezahlt.

Sie machen Witze.
Nein, gar nicht. Ich habe mir von dem Geld neue Schuhe gekauft. Aber hören wir auf! Milosevic war nicht der grosse Schurke, als den man ihn hinstellt. Schauen Sie sich doch einmal an, was der ehemalige Präsident von Bosnien-Herzegowina Izetbegovic in seinem Buch «Die islamische Deklaration» geschrieben hat! Da entwirft er einen islamischen Gottesstaat. Vom früheren kroatischen Präsidenten Tudjman, diesem Faschisten, gibt es noch Schlimmeres. Das sind die wahren Schur­ken. Aber die hat der Westen unterstützt.

Das sozialistische Jugoslawien, das die verschiedensten Völker und Religionen in sich vereinte, war Ihr politisches Ideal.
Fast, kann man sagen. Ich habe das Wort «fast» ganz gern. Es war fast ein Ideal, wie ein Staat sein könnte. Denn ich bin doch ­relativ sozialistisch gestimmt, vielleicht durch meine Herkunft, die ärmlich war, und weil ich es den österreichischen Sozialisten verdanke, dass ich als Student ein Stipendium bekam. Ich habe das damals fast als Geschenk empfunden, ich Trottel.

Ach!
Man weiss doch heute oft gar nicht mehr, dass der jugoslawische Sozialismus ein ganz anderer als der sowjetische war. Es war ein utopischer Sozialismus. Obwohl unter Tito auch viel Unrecht begangen wurde, hätte daraus etwas werden können, hätte nicht immer die Wirtschaft das letzte Wort. Der Kapitalismus hat halt gesiegt. Man hat aus einer kulturellen Landschaft, die ich durchaus liebe, aus dem sogenannten Mitteleu­ropa, eine politische Idee gemacht. Das war der Fehler. Heute wollen ja sogar viele Serben, indem sie andauernd Walzer spielen, zu diesem Mitteleuropa gehören. Es ist entsetzlich. Entsetzlich!

Aber Sie sagen doch selbst: «Ich liebe die Wirtschaft.»
Das habe ich in der Neuen Zürcher Zeitung gesagt.

Sind Sie Kapitalist geworden?
Wenn Sie mögen. Aber es stimmt nicht. Alle Hauptwörter, die mit «Ist» enden, treffen nicht auf mich zu. Ich bin ein Freund der Zeitwörter. Sowie Sie auf mich ein Hauptwort anwenden, ist es schon falsch. Sogar das Wort «Autor» oder «Schriftsteller» können Sie streichen. Ich bin kein Schriftsteller, sondern ich schreibe, ich habe geschrieben, ich werde geschrieben haben.

In Ihrem Roman «Der Bildverlust» beschreiben Sie das Geld als das Lebendige.
Ja, das Kaufen und Verkaufen, den Geldaustausch. Wenn ich keine Luft mehr ­spüre am Ende des Tages, am Abend oder am späten Nachmittag, zwinge ich mich manchmal, etwas einzukaufen, einen ­Radiergummi, eine Nivea-Creme, einen Zwirn, einen roten Faden...

Sie kaufen etwas, ohne es zu brauchen?
Das kommt vor. Das ist ein Vorgang, der mich belebt, wenn mich die Schwermut bedroht.

Leiden Sie an Depressionen?
Nein, Schwermut ist Schwermut. Das ist ein Wort, das man durch kein anderes ersetzen kann, so wie eine Rose eine Rose ist.

Die Schwermut hat Sie Ihr Leben begleitet.
Ja. So ist meine Natur. Als Kind wollte ich immer Melancholiker sein. Ich wollte auf einem Stein sitzen und nie mehr aufstehen. Aber das ist mir bis jetzt nicht gelungen. Die Schwermut ist etwas anderes. Die ist temporär, eine zeitweise Lähmung fast.

Haben Sie je versucht, mit Tabletten dagegen anzukämpfen?
Ich habe eine Zeitlang so ein Mittel genommen, das hiess Tranxilium, das hat mir ein Salzburger Arzt verschrieben, als ich an meinem Buch «Langsame Heimkehr» schrieb. Ich hatte damals oft Todesangst, weil ich einen Herzfehler habe. Ich hörte mein Herz dauernd schlagen. Das hat zwar durch dieses Mittel nicht aufgehört, aber mein Bewusstsein ist davon abgerückt. Ich spürte mein Herz, aber ich dachte, es ist das Herz eines anderen.

Sie haben nicht nur einen Herzfehler...
Was habe ich noch?

Sie sind farbenblind.
Ich bin Rot-Grün-blind. Die anderen Farben sehe ich dadurch vielleicht sogar intensiver.

Die «andersgelben Nudelnester» auf dem Markt von Belgrad zum Beispiel, die Sie in Ihrem Reise-Buch 1996 beschrieben haben.
Ja, Gelb sehe ich gut.

Wie konnten Sie die Erdbeeren an den Hängen von Srebrenica erkennen, dem Ort des nach 1945 grausamsten Kriegsverbrechens?
Das waren Balkan-Erdbeeren, die sind besonders rot. Dagegen muss ich mich zu den wilden Erdbeeren in meinem Garten richtig hinunterbücken, um sie zu sehen.

Die Beschreibung der Nudeln und Erdbeeren in einem vom Krieg heimgesuchten Land hat man Ihnen später zum Vorwurf gemacht.
Ja, das hat mich verwundert. Darauf war ich nicht gefasst. Es gab doch damals nur diese totalitäre Journalistensprache, die mir nicht entspricht. Man sagt immer, die poetische Sprache sei künstlich. Aber in Wahrheit ist das die einzige nicht arrangierte Sprache, wenn ein Gefühl da ist. Ich hatte halt ein paar tiefe Gefühle auf dieser Reise, ausnahmsweise.

Man warf Ihnen nicht das Poetische vor...
Doch, doch, die andersgelben Eier oder Nudeln, die blühenden Bäume, den walddunk­len Honig...

...man regte sich auch über den Inhalt auf.
Das kam erst später.

Sie hätten vielleicht...
Wollen Sie mir einen Ratschlag geben?

...über das Grauen berichten sollen.
Ich nehme keine ungebetenen Ratschläge an.

Schon 1979 sagten Sie in Ihrer Dankesrede zur Verleihung des Kafka-Preises: «Ich bin, mich bemühend um die Formen für meine Wahrheit, auf Schönheit aus, auf die erschütternde Schönheit, auf die Erschütterung durch Schönheit.»
Schaun Sie, ich habe manchmal in Reden programmatisch etwas von mir gegeben, was ich jetzt nicht mehr so sagen würde. Andere haben sich viel mehr widersprochen, Brecht zum Beispiel. Im Vergleich zu Brecht bin ich, wie man in Österreich sagt, ein «Waserl».

Die Beschreibung des Schönen ist nach wie vor Ihr Programm.
Des problematisch Schönen, ja. Es muss weh tun, verstehen Sie? Wenn das Schöne nicht weh tut, kann man es kaufen. Man soll in dem, was ich schreibe, das Dasein spüren, das Leben und den Tod, die Vergänglichkeit und die Unvergänglichkeit. Je schöner und tiefer und wahrer etwas ist, desto schmerzhafter ist es. Es tut doch weh, zu wissen, dass wir sterben müssen, dass wir eines Tages nicht mehr lesen können oder lieben oder Pilze suchen.

Vielleicht gibt es im Jenseits auch Pilze.
So ein Blödsinn! Jenseitspilze!

In unserem letzten Interview haben Sie mich einen «Deppen» genannt.
Sie verdienen es nicht anders.

Heute machen mir Ihre Beleidigungen nichts mehr aus, weil ich weiss, Sie meinen es nicht so, wie Sie es sagen.
Nicht ganz, Sie haben recht. Es gibt etwas in mir, eine gewisse Brüderlichkeit, die ich, da ich schreibe, nicht wirklich ausleben kann. Früher, als ich so dreissig, vierzig war, da habe ich schon manchmal bösartig losgelegt. Da wollte ich jemanden zwar nicht vernichten, aber weghaben von mir. Aber dann hat der andere, zu Recht, mich vernichten wollen.

Von wem sprechen Sie?
Ach, lassen wir das!

Meinen Sie Marcel Reich-Ranicki, Ihren «Feind in Deutschland»?
Ich habe keine Feinde.

In Ihrem Buch «Mein Jahr in der Niemandsbucht» nennen Sie ihn so.
Lassen Sie mich mit diesem Knickerbocker in Frieden! Ich bin froh, dass ich an diesen armen Menschen schon lang nicht mehr denken muss.

Er meint, dass Sie ihn ermorden wollen.
«Ermorden» habe ich nie gesagt. Das hat der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann in den sechziger Jahren mal losgelassen. Der hat während einer Diskussion mit diesem Menschen gesagt, er würde ihn am liebsten mit einem Maschinengewehr erschiessen.

Sie haben nur gesagt, Sie würden, wenn Reich-Ranicki stirbt, es nicht bedauern.
Das würde ich immer noch nicht.

Am Ende überlebt er Sie noch.
Ja, warum nicht? Ich wünsche ihm alles Gute.

Kennen Sie ihn persönlich?
Ich bin ihm einmal auf der Frankfurter Buchmesse, als ich zum letzten Mal dort war, begegnet. Da ging er an mir vorbei und sagte: «Herr Handke, wie gehen die Geschäfte?» Seither frage ich das auch alle, die mir begegnen.

Nun frage ich Sie.
Wollen Sie mir zehn Euro schenken?

Als Ihnen voriges Jahr der mit fünfzigtausend Euro dotierte Heine-Preis von der Preisjury ­zugesprochen, dann aber vom Düsseldorfer Stadtparlament verweigert wurde, haben Sie sich zunächst gewehrt.
Ja, ich wollte diesen Preis.

Brauchten Sie das Geld?
Lassen Sie mich überlegen...

Matthias Matussek fragte im Spiegel, ob Sie vielleicht «finanziell bedürftig» seien.
Das schmeichelt mir.

Wieso?
Weil es doch schön ist, wenn jemand am Hungertuch nagt. Aber, im Ernst, ich ­habe als Kind und Jugendlicher erfahren, was Armut bedeutet, und die Angst, ­wieder arm zu werden, spielte in meinem ­Leben schon eine gewisse Rolle, weil ich nicht ausge­halten werden will, weder von einer Frau noch von einem Verleger, wie zum Beispiel Wolfgang Koeppen, der, als er nichts mehr schrieb, darauf an­gewiesen war, dass Siegfried Unseld ihn finanzierte. Jedes Mal, wenn mich Unseld besuchte, hat er sich auf eine leicht humor­volle, aber doch auch bekümmerte Weise beschwert, dass er Koeppen bezahlen muss. Da dachte ich, so will ich nicht ­enden, und habe eine Lebensversicherung abgeschlossen, so dass ich, seit ich sechzig bin, eine Rente bekomme. Das sind tausend Euro im ­Monat. Damit kann ich das Schlimmste verhindern.

Warum haben Sie die fünfzigtausend Euro des vom Berliner Ensemble initiierten alternativen Heine-Preises dann nicht für sich behalten?
Das war von vornherein klar.

Sie haben das Geld an eine serbische Enklave im Kosovo weitergegeben.
Ja, aber das hat die Leute, die vorher geschrieben hatten, mir käme es nur auf das Preisgeld an, offenbar nicht beschämt.

2005 hatten Sie noch gesagt, Sie würden «grundsätzlich» nie mehr einen Preis annehmen.
Richtig, ja.

Warum hätten Sie den Heine-Preis trotzdem genommen?
Wahrscheinlich wollte ich wirklich das Geld. Aber jetzt stehe ich dazu: Ich nehme ab sofort keinen Preis mehr an.

Wer weiss...
Wüssten Sie noch einen?

Den Nobelpreis.
Ja, aber dann bitte gleich den für Physik, für Frieden und für Literatur, alle drei, das ­wäre super. Nein, Spass beiseite, ich glaube, dass der Nobelpreis, zumindest der für ­Literatur, schon seit längerem nichts mehr zählt. Man sollte das Geld wieder der Nobel-Stiftung geben und damit Waffen herstellen, wie es ursprünglich war.

Sie scherzen, aber im Innersten sind Sie noch immer verbittert.
Ah ja?

Schirrmacher hat es in der FAZ als «die ultimative Form sozialer Demontage» bezeichnet, dass man Ihnen den Heine-Preis wieder aberkannte.
Ja, aber die FAZ ist doch die Zeitung, die das zu verantworten hatte. Zuerst haben sie die Aberkennung verursacht, und dann haben sie sich scheinheilig zurückgezogen und Demokratie gespielt. Mein Freund, der Verleger Michael Krüger, hat kürzlich zu mir gesagt, diese Zeitung will immer recht behalten...

Wie Sie!
(Nimmt einen Löffel vom Tisch, um ihn als Wurf­geschoss zu benutzen, legt ihn aber dann wieder hin): Ich wollte sagen, diese Zeitung will immer recht behalten und begeht dabei ein Unrecht nach dem anderen.

Besonders scharf haben sich die «Grünen» gegen die Vergabe des Preises an Sie ausgesprochen.
Ja, weil die völlig kulturlos sind. Keiner von denen ist ein Leser, fast keiner. Oder sie lesen strategisch. Es gibt Leute, die lesen ein Buch, und kaum sind sie fertig, glupsch, ist es weg, als wäre das Lesen nur eine Erledigung oder eine Beseitigung des Buches.

In einem Interview mit dem österreichischen Magazin News sagten Sie, auf den Satz von Bert Brecht «Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch» anspielend, für Sie seien jene, die da heute herauskriechen, nicht die Rechtsradikalen, sondern «die Grünen, der Typ, der Bundeskanzler ist, und der Bombenminister». Damit meinten Sie Gerhard Schröder und Joschka Fischer.
Das habe ich gesagt, weil man Milosevic mit Hitler verglich und von serbischen Kon­zentrationslagern sprach. Aber die Geschichte wiederholt sich nicht. Das Scheussliche nimmt immer neue Gestalten an. Der fruchtbare Schoss gebiert nicht immer die gleichen Erscheinungen, sondern das Schreckliche tritt heute anders auf, säuselnd und süsslich und humanitär und dauernd das Wort «Demokratie» oder auch das schöne Wort «grün» benutzend. Das habe ich zu sagen versucht.

Fühlen Sie sich missverstanden?
Es ist nicht nur Missverstehen. Es ist...

Hass?
Ja, die Dichter werden seit langem gehasst.

Das wäre ein schönes Schlusswort.
Wollen Sie ein Glas Wein mit mir trinken?

Ich möchte Ihnen noch von einem Erlebnis, das ich mit Ihrem «Feind in Deutschland» hatte, berichten.
Ich kann ja inzwischen dem Wind zuhören.

In einem Interview, das ich mit Marcel Reich-­Ranicki vor einigen Jahren führte, wartete er die ganze Zeit auf eine bestimmte Frage, die ich ihm stellen sollte. Sie fiel mir aber nicht ein. Erst am Schluss brach es aus ihm heraus: Er werde in Deutschland von vielen gehasst, weil er Jude sei. Er sei hier von Antisemiten umgeben, zu denen er vermutlich auch Sie zählen würde.
Sind Sie jetzt fertig?

Nein, ich will sagen, wie abwegig es wäre, Sie für einen Antisemiten zu halten.
Natürlich.

In Ihrem Roman «Der Chinese des Schmerzes» tötet der Held einen Neonazi, der Hakenkreuze auf Baumstämme sprayt. «Dieses Zeichen», schreiben Sie da, «ist das Unbild der Ursache all meiner Schwermut.»
Ja, der Genozid an den Juden ist der Grundschock meines Lebens. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die Ihrem Erlebnis mit jenem Menschen...

Reich-Ranicki...
...nicht unähnlich ist. Kurz nachdem ich meine Bücher über Jugoslawien veröffentlicht hatte, kam in Österreich die Regierung aus der rechtsextremen Haider-Partei und der konservativen ÖVP an die Macht, und da zeigte sich in Frankreich, wo ich seit langem wohne, eine alte Österreich-Feindschaft. Es gibt Völkerfeindschaften, die über Jahrhunderte dauern, und man hat in die Ablehnung der österreichischen Regierung auch das österreichische Volk eingeschlossen, so als hätte es da nicht auch welche gegeben, die gegen diese Regierung waren. Damals sagte ich in einem Interview mit einer französischen Zeitung, nun habt ihr Belgrad bombardiert, nun könnt ihr auch gleich Wien bombardieren. Also da bin ich Patriot geworden. Zwischen Patriotismus und Nationalismus ist ja ein Unterschied. Der Patriot reagiert nur, wenn sein Land angegriffen wird.

Sie haben auf Ihre ironische Art reagiert.
Nein, das kam schon aus einem gewissen Grimm heraus. Ich dachte, diese Scheiss­franzosen wissen doch gar nichts. Kein europäisches Volk ist so unwissend wie die Franzosen, einzelne ausgenommen. Da habe ich gespürt, dass ich als Österreicher auch eine patriotische Ader habe. Aber dann schrieb man, ich sei ein Verbündeter von Jörg Haider, was genauso lächerlich ist, wie mich für einen Antisemiten zu halten.

Was Sie auch sagen, es schadet Ihnen.
Ja, seltsam.

Warum, glauben Sie, hat es Günter Grass, was den Verkauf seiner Bücher betrifft, eher genützt, als er gestand, er sei als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen?
Das müssen Sie beantworten.

Sie nannten die Art seines Geständnisses «selbstgerecht» und ihn «eine Schande für das Schriftstellertum».
Aber es gab eine Zeit, da hatte ich eine grosse Sympathie für ihn. Grass war als Dreissigjähriger ein Genie, was ich nie war. Das ist ganz selten, dass jemand so im Flug die Welt erwischt. Die Welt flog ihn an, so kann man das sagen. Doch danach hat er diesen Anflug nur dauernd nachgeahmt, und das ist schlimmer, als wenn er aufgehört hätte zu schreiben. Er hat sich nie verwandelt. Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muss durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen. An Goethe kann man das gut studieren. An Grass kann man nichts studieren. Er ist durch seinen raschen Erfolg in Deutschland eine offizielle Figur geworden und hat sich dann nur noch selbst imitiert.

Dem sind Sie entgangen.
Dem bin ich entgangen, ja. Ich bin kein öffentlicher Mensch. Ich bin ein Idiot im griechischen Sinne, ein Nicht-Dazugehöriger. Ich finde in der Öffentlichkeit nie das Mass, wie ich umgehen soll mit meinem Dasein als Schreiber, obwohl auch mich der Erfolg lange verwöhnt hat. Aber ich habe mich dadurch fast schuldig gefühlt. Im Briefwechsel mit dem Dichter Nicolas Born gebrauche ich das Wort «Entschuldigung». Als ich erstmals tausend Mark für eine Lesung bekam, habe ich mich beinahe geschämt.

Sie sind nicht abgehoben.
Doch, ich bin dann schon für ein paar Momente gefährlich abgehoben und habe mir in einer Art Grössenwahn eingebildet, ich sei etwas ganz Einmaliges. Zu Bruno Ganz habe ich damals den blöden Spruch gesagt: «Ich bin ein grosser Schriftsteller.» Aber das wurde auch prompt bestraft, indem ich danach fast die Sprache verloren hätte. Also da bekam ich eins übergezogen vom Himmelsgewölbe.

Man fürchtet, wenn man mit Ihnen spricht, immer, dass man das Falsche sagt.
Ja, hoffentlich! Ich bin schon ein reizbarer Mensch. Meine Reizbarkeit macht mich einerseits grimmig, das kann bis zur Verachtung gehen, andererseits macht sie mich offen für das Schöne, das andere vielleicht übersehen.

Mich wundert, dass man Sie für humorlos hält.
Mich auch. Denn es stimmt nicht. Ich bin zwar kein extra humoriger Mensch, das wäre ja fürchterlich. Der wahre Humor ist eine Begleiterscheinung der Tragik, auch der Verzweiflung. Wenn der Humor nur humorig ist, werde ich todtraurig davon.

Leben Sie gern?
Oh ja!

Immer?
Wenn ich das Gefühl habe zu leben, dann lebe ich gern. Zu leben, ist einfach eine Pflicht, glaube ich.

Würden Sie gern ewig leben?
Ja, schon, wenn der Verstand, das Sehnen und die Träume bleiben. Warum nicht? Man darf sich das nur nicht ausmalen, so wie ich mich auch davor hüte, mir auszumalen, was nach dem Leben kommt. Als der vorige Papst starb, der polnische, der ja ganz öffentlich gestorben ist, habe ich gedacht, der wird vielleicht baff sein. Also bei dem habe ich gespürt, dass nach dem Tod nichts kommt. Aber bei anderen kann es anders sein. Wir verschwinden ins Blau oder ins Rot oder ins Grün, weiss der Teufel...

Wie wollen Sie sterben?
Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: entweder am Schreibtisch, mit dem Bleistift in der Hand, schreibend, oder während ich ­jemanden rette, aus einem Feuer zum Beispiel, einem brennenden Haus.


*Zitiert aus: André Müller: Über die Fragen hinaus. Gespräche mit Schriftstellern.
DTV, Seite 103

Exklusiv für Weltwoche-Leser: Die Zusammenfassung von Peter Handkes Roman «Wunschloses Unglück» kostenlos auf www.getAbstract.com/weltwoche

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 35/07
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