Der Kinofreund, der nach Zerstreuung fahndet, gerät fast unausweichlich an eine buntgewandete, knallfroschartige Spezies. Es sind Menschen wie du nicht und du auch nicht, die durch ein landsmannschaftliches Nirgendwo segeln und behaupten, Helfer für uns arme Würstchen zu sein; denn die Bedrohungen der Welt sind riesig geworden. Die Retter heissen Superman, Batman, Iron Man, Spider-Man, Plastic Man, X-Men, Watchmen, The Shadow, Spirit, Daredevil, Hulk, Judge Dredd, V, Ghost Rider, The Punisher, The Fantastic Four und so weiter und so weiter. Sommernachtsverträumte Oberons, Titanias und Cyprians sind sie natürlich nicht, sondern Opfer irdischer, statistischer Schicksale: Der eine musste Hals über Kopf seinen Planeten verlassen, der andere war Zeuge der Ermordung seiner Eltern, der Dritte wurde von einer vergifteten Spinne gebissen, ein anderer bollerte in einen Säurebottich, und die Fantastic Four waren Astronauten und Wissenschaftler, die nach einem kosmischen Strahlenbombardement – brizzel, brizzel – zu Supermenschen mutierten; vor allem mussten sie notlanden und konnten folglich gleichmässig energie-gebretzelt werden. Längst ist aus solchen Unikaten eine Inflation austauschbarer Knallköpfe geworden; nicht einmal ihre individuellen Farbtrikots helfen noch, sie auseinanderzuhalten.
Steinschlag der Sequels
Seit Hollywood die Rechenleistung der Computer ins täuschend Echte hochliften kann, werden die Evolutions-Hüpfer in Scharen vom Strich geholt, wo sie ein begrenztes Dasein führten. Mit dem Entwicklungssprung vom Comic auf die Leinwand, vom Flachmann zum bewegten Mann, treten sie sich in der Showbiz-Freihandelszone gegenseitig auf die Füsse. Der Superheldenfilm ist zum Dauerlutscher geworden, die Fortsetzungen zum Kuschel-Déjà-vu, und unter dem Steinschlag der Sequels duckt sich kaum einer weg, im Gegenteil: Die Schläge machen die Birnen weich für den zentralen Aufbewahrungsort intellektueller und psychischer Rekreation – sich nach der Strampelhose zurückzusehnen.
Mit dem jüngsten Hit, einem Sequel der Fantastic Four, verhält es sich ein bisschen anders. Die 130 Millionen Dollar teure Produktion, an der sechs Monate gedreht wurde, kommt irritierend spiessig daher und bleibt handwerklich auf dem Niveau eines klassischen B-Films. Die Supermänner, eine Mischung aus eingekleideten Maikäfern und Kintopp-Statisten, sehen tatsächlich aus (und spielen auch so) wie aus vergangenen Zeiten in die Gegenwart gebeamt, weshalb sie auch an Bodyguards des Kitschpianisten Liberace denken lassen. Gerade weil die Assoziationsvarianten bei «Fantastic Four – Rise of The Silver Surfer» frei flottieren können, hat die Mega-Hanswurstiade einen Charme, der in der Tat den Geist des fundamentalen B-Films ansatzweise besitzt. Die knitterlosen Hosen der Männer sehen aus wie aus Ofenrohrblech gestanzt und die Physiognomien wie aus Marzipan geformt. «The Thing», der schrägste Einfall von Stan Lee, dem Mogul des Marvel-Comics-Imperiums, ist halb Knetmassen-Golem und halb Schwäbisch-Hall-«auf diese Steine müssen Sie bauen»-Quasimodo.
Super gegen Megasuper
Natürlich bleibt im Gehege derartiger Kuriositäten der Silver Surfer der Star. Eine windschnittige, Art-Déco-artige Chrom-Figurine, die als Bote des imperialistischen Galaxien-Galactus durchs All surft, um die Supermusketiere auszuschalten, damit der Megasupersuper-Galactus – ach, ist ja wurscht. Der kosmische Silberflitzer, natürlich ein gefallener Engel, wird erst durch die Fantastic Four geläutert. Das Quartett – bestehend aus dem hitzköpfigen Johnny «Die Fackel» Storm, Reed «Mr. Fantastic» Richards, Ben «Das Ding» Grimm und Sue «Invisible Woman» Richards, Schwester von Johnny Storm, auch bekannt als «Human Torch» –, das sich von Superkonfirmanden zu Superaposteln mausert und die frohe Kunde von der Freiheit der Entscheidung – jetzt reicht’s!
Irritierend miese Qualität
Was hat den deutschen Erfolgsproduzenten Bernd Eichinger («Das Parfum») getrieben, diesen Mummenschanz zu produzieren? Klar, die Aussicht auf Profit; aber dahinter, so scheint es, lauert wohl auch noch das heimliche Vergnügen an der Kindlichkeit, das in allen Filmfreaks lauert. Was immer Eichinger bewog, auf der lukrativen Comic-Welle mitzusurfen – irritierend bleibt die miese Qualität, vor allem angesichts der Tatsache, dass Eichinger mit der grossen Kelle anrührte, erfahrene Autoren wie Mark Frost («Twin Peaks»), Don Payne (die «Simpsons»-Serie), John Turman («Hulk») engagierte und die Digital-Effekte-Firma Weta («King Kong», «Herr der Ringe») mit den visuellen Tricks beauftragte. War die hausbackene Action Absicht, oder gilt deutsches Geld in Hollywood noch immer als stupid money?
Die US-Filmindustrie (TV-Serien einbezogen) investiert pro Jahr 500 Millionen Dollar in die Erarbeitung von Drehbüchern. Klingt irre, macht sich aber bezahlt. Das «Fantastic Four»-Sequel kann davon nicht profitiert haben. Bester Einfall ist der Cameo-Auftritt von Marvel-Chef Stan Lee; bleibt aber auch nur ein Insider-Scherz. Der Rest ist ein All als Saus- und Laufstall wächserner Bubis und Girlies.
Fantastic Four – Rise of The Silver Surfer.
Regie: Tim Story. USA/D 2007
22.08.2007, Ausgabe 34/07
Film
Im Laufstall
Die Comic-Superhelden boomen auf der Leinwand. Jüngster Irrsinn sind die Fantastic Four mit dem Silver Surfer.

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