Nachruf

Nachruf

Merv Griffin (1925–2007), Sänger, Händler, Show-Erfinder, und Ulrich Plenzdorf (1934–2007), DDR-Autor, Jeans-Träger, junger W.

Von red

Merv Griffin (1925–2007) – Es war eine sehr abwechslungsreiche Karriere: Merv Griffin betätigte sich als Sänger, Radiostimme, Schauspieler, Fernsehmoderator, Immobilienhändler, Hotelbesitzer — und so gut wie immer war er erfolgreich dabei. 1950 hatte er als Sänger einen Platz-1-Hit, in den sechziger und siebziger Jahren kannte jeder Fernsehzuschauer Amerikas das Gesicht dieses Showmoderators, wobei Griffin auch zwei der beliebtesten TV-Sendungen aller Zeiten schuf: «Jeopardy», erstmals ausgestrahlt 1964, und «Glücksrad», lanciert 1975. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, Mitte der achtziger Jahre, galt er als reichster Entertainer der USA. Denn Griffin war zwar solid als Sänger, Schauspieler, Moderator – aber herausragend war er darin, seine Talente unternehmerisch umzusetzen.

Geboren wurde er 1925 als Sohn eines Börsenhändlers. Er startete seine Karriere 19-jährig als Sänger für eine Radiostation. Dort hörte ihn der Big-Band-Chef Freddy Martin und engagierte ihn für sein Orchester. Schon seine erste Platte gab Griffin auf einem eigenen Label heraus. Zum Film kam er, nachdem ihn Doris Day in einem Nachtklub singen gehört und ihrem Studio vermittelt hatte. In den fünfziger Jahren gelang es ihm dann, zum aufstrebenden Medium Fernsehen zu wechseln: Seine erste Spielshow «Play Your Hunch» wurde von allen drei grossen Networks ausgestrahlt. Bekannt wurden auch seine Gespräche mit Politikern, etwa mit Richard Nixon, den er im Wahlkampf 1967 «Verlierer» nannte, oder mit dem Ehepaar Reagan, das mit ihm befreundet war und ihm kurz nach dem Mordattentat auf Reagan 1981 ein sehr privates Interview gab. Ralph Pöhner


Ulrich Plenzdorf (1934–2007) – «Die neuen Leiden des jungen W.» hiess das Stück, das in den siebziger Jahren aus dem verbotenen Teil Deutschlands über die Bühnen hereinbrach und dort mit einem Donner einschlug. Edgar Wibeau, der junge W., der seine Lehre schmiss, sprach eine Sprache, die die unsere war, verweigerte sich einem aufoktroyierten System, das auch wir ablehnten, war der Freund, nach dem wir uns sehnten. Er liebte wie wir vergeblich und starb sinnlos, wie wir ohne Sinn weiterleben mussten. Wenige von uns kannten den Namen des Autors, kaum einer seine Lebensgeschichte. Dabei war Ulrich Plenzdorf Edgar Wibeau oder das, was ein Ausnahmeautor mit der Hauptperson seines Hauptwerks gemeinsam hat. Als er das Stück schrieb, im Alter von Mitte dreissig, trug er echte amerikanische Jeans, in der DDR eine Anzüglichkeit, und liess die Haare wachsen. «Die neuen Leiden des jungen W.», 1972 in Halle uraufgeführt, wurde als Buch in mehr als dreissig Sprachen verlegt und über 40 Millionen Mal verkauft. Der Arbeiter- und Bauernstaat warf ihm «gewichtmässige Verfälschung des sozialistischen Seins und Werdens vor», fand aber keine Handhabe, den Sturm und Drang von Plenzdorfs raffinierter Goethe-Adaptation zu verhindern.

Plenzdorf erhielt später den Grimme-Preis für die Fernsehserie «Liebling Kreuzberg». Und man ehrte ihn für seine Erzählung «kein runter kein fern» mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis. Doch in der Kulturgeschichte Deutschlands hat er sich seinen Platz erschrieben als junger W. Daniele Muscionico

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben