Der neue König des Reichtums ist 67 Jahre alt, übergewichtig und etwas mondgesichtig, er kauft seine Anzüge von der Stange und redet von Seelenharmonie, wenn er nach dem Geheimnis seines Erfolges gefragt wird. Nachdem Bill Gates dreizehn Jahre lang der reichste Mann der Welt war, stiess ihn jetzt ein international kaum bekannter Unternehmer aus einem Schwellenland vom Thron: Carlos Slim Helú. Auf 59 Milliarden Dollar beläuft sich sein Reichtum laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes, womit Slim den Microsoft-Gründer Bill Gates um eine Milliarde übertrifft.
Schwindelerregend ist nicht nur die Höhe des slimschen Vermögens, sondern auch das Tempo, in dem der Tycoon seinen Reichtum vermehrt hat. Allein während der vergangenen zwölf Monate stieg der Wert seines Imperiums um 30 Milliarden Dollar, was Journalisten immer wieder zu Berechnungen nach dem Muster «Geld pro Zeiteinheit» veranlasst: Wie viel verdient Slim an einem Tag (rund 66 Millionen), in einer Stunde (2,75 Millionen), bei einem Atemzug (2300 Dollar)? Und ist dies nicht obszön in einem Land, in dem fast ein Fünftel der Bevölkerung mit einem Tagesverdienst von 2 Dollar dahinserbelt?
In Mexiko ist er wohl noch mächtiger als der Staatspräsident. Denn Carlos Slim ist Herr über gut zweihundert Unternehmen, deren Börsenkapitalisierung ein Drittel des mexikanischen IPC-Index ausmacht. Sein Vermögen entspricht 7 Prozent von Mexikos Bruttoinlandprodukt, John D. Rockefeller erreichte in den USA zu den besten Zeiten 2,5 Prozent. Es ist fast unmöglich, in Mexiko etwas zu kaufen, ohne Slim reicher zu machen. Er besitzt Telekommunikationsunternehmen, Baufirmen, Detailhandelsketten und Fluglinien. Er vertreibt Zigaretten, Fahrräder und Bücher, er stellt Reifen, Aluminium und Keramikplättchen her, er handelt mit Blumen, Autozubehör und Immobilien. Seine Mobilfunkfirma América Móvil ist in fünfzehn Ländern aktiv, in den USA hält Slim Anteile an der Bekleidungskette Saks Fifth Avenue oder am Computerkonzern Comp USA. Sein Versuch, durch die Übernahme von Telecom Italia auch in Europa Fuss zu fassen, scheiterte zwar, aber zu seinen prägendsten Merkmalen gehört die Hartnäckigkeit.
Strategien von Dschingis Khan
Die Angewohnheiten und Vorlieben des reichsten Mannes der Welt sind von Gerüchten und Legenden umgeben, spricht Slim bei seinen seltenen Interviews doch fast ausschliesslich über Zahlen. Was man über ihn weiss, beruht auf Aussagen von Freunden und Kollegen: Der verwitwete Vater von sechs Kindern protzt nicht, reist wenig und betont oft, dass er ausserhalb Mexikos keine Liegenschaften besitze. Seinen ersten Computer habe er erst vor acht Jahren gekauft, damit umgehen könne er heute noch nicht. Einer von Slims Freunden erzählt, der Milliardär habe auf einer Venedig-Reise einmal fast zwei Stunden lang mit einem Ladenbesitzer gefeilscht, um den Preis einer Krawatte herunterzuhandeln. Zu Slims bevorzugter Lektüre gehören Bücher über die Militärstrategie von Dschingis Khan, und seine an Fetischismus grenzende Begeisterung für Zahlen lebt er auch ausserhalb des Geschäftslebens aus. Dem amerikanischen Baseballspieler Mark McGwire widmete Slim einst einen Artikel in einer Fachzeitschrift – eine mit Zahlen und Prozenten über Hits und Strikes gespickte Abhandlung, die trockener war als jede Firmenbilanz.
Die Ehrfurcht vor der Zahl ist Carlos Slim von seinem Vater eingeimpft worden. Julián Slim Haddad floh 1902 nach Mexiko, weil der Libanon damals zum Osmanischen Weltreich gehörte und es dem Auswanderer vor dem Dienst in der türkischen Armee grauste. Slim Haddad gründete im Zentrum von Mexico City den Gemischtwarenladen Stern des Orients und führte die Firma dank Fleiss und Sparsamkeit zum Erfolg. Seine sechs Kinder mussten ab dem Alter von zwölf Jahren Buch führen über ihre Einnahmen und Ausgaben, der fünftgeborene Carlos handelte auf dem Pausenplatz mit den Bildern von Baseballspielern. Nachdem er Ingenieurswesen studiert hatte, begann er an der Börse zu spekulieren. Mit Gespür für günstige Gelegenheiten erwarb er kriselnde Firmen, die er dank einer Mischung aus unternehmerischer Disziplin und kalkulierter Risikobereitschaft Mal für Mal dem Turnaround entgegenführte. «Geduldiger Optimismus trägt immer Früchte», lautet eine von Slims Lebensweisheiten.
Der Erfolgsmensch hat noch manch anderen erbaulichen Spruch auf Lager – für sein Firmenkonglomerat Carso dachte er sich gleich zehn eherne Prinzipien aus («Punkt zwei: In guten Zeiten massvoll bleiben»). Doch bei allem Fleiss erfolgte Slims Aufstieg zum reichsten Mann der Welt in jenem für Lateinamerika typischen Zwielicht, in dem die Eliten ihre Interessen aufeinander abstimmen.
Den einträglichsten Coup landete Slim, als Mexikos Präsident Carlos Salinas de Gortari zwischen 1988 und 1994 einen von den USA und den Bretton-Woods-Institutionen bejubelten wirtschaftspolitischen Privatisierungstanz hinlegte. Dabei erhielt sein Duzfreund Slim 1990 die staatliche Telefongesellschaft Telmex zugesprochen, und dies zu einem von sämtlichen Analysten als lächerlich tief eingestuften Preis von 1,7 Milliarden Dollar. Salinas de Gortaris Präsidentschaft versank in einem Affärenstrudel, sechs Jahre später sollte seine Partei PRI die Macht verlieren. Sie hatte das Land sieben Jahrzehnte lang regiert und mit einem dichten Korruptionsnetz überzogen. Das Telmex-Monopol indes besteht noch immer. Es beherrscht den Festnetzmarkt zu 90 Prozent, weshalb die Tarife in Mexiko kaufkraftbereinigt höher sind als in jedem anderen OECD-Land. Ähnlich sieht es beim Mobilfunk aus, wo Slims Unternehmen einen Marktanteil von mehr als 70 Prozent hält.
«Wir sind stolz auf ihn»
Bisher ist der Kongress davor zurückgeschreckt, diesen Missständen durch eine griffige Politik der Marktöffnung entgegenzutreten – und wenn einmal eine Antitrust-Vorlage zustande kommt, nutzen Slims Anwälte die byzantinische Verworrenheit des Justizsystems, um sie scheitern zu lassen. Ökonomen sind sich einig, dass es im ganzen Land keinen grösseren Wettbewerbsverhinderer gibt als Carlos Slim. Lange konnte der Unternehmer solche Vorwürfe achselzuckend unter den Tisch wischen, zumal die Medien auf seine Werbemillionen angewiesen sind und ihn deshalb mit Samthandschuhen anfassen. Und überhaupt: Hat er nicht unzählige Arbeitsplätze geschaffen? Ist es ihm wirklich zuzumuten, gegen seine Interessen eine während Jahrzehnten entstandene monopolistische Unkultur zu bekämpfen? Es sind aber auch internationale Institutionen wie OECD und Weltbank, die einen Wandel fordern, und deren Gewicht kann selbst ein Carlos Slim nicht einfach ignorieren. In den letzten Monaten fanden Vieraugengespräche statt, bei denen der neue Präsident Felipe Calderón den Unternehmer zu Konzessionen ermahnte.
«Der verdammte Abzocker mit seinen obszönen Telefontarifen.» – «Er hat dem Gringo Gates den Meister gezeigt. Wir sind stolz auf ihn.» Jede kleine Umfrage unter Passanten in Mexiko zeigt das zwiespältige Image des Carlos Slim. Vielleicht ist es der zunehmende Druck internationaler Organisationen, vielleicht hat es auch damit zu tun, dass seine Frau 1999 an einem Nierenleiden starb und er selber sich ein Jahr später einer Herzoperation unterziehen musste – jedenfalls ist der Mogul in jüngster Zeit zum Menschenfreund geworden. Die Renovierung des Zentrums von Mexico City spendierte er aus eigener Tasche, seine Stiftungen verschenken Fahrräder und Brillen, eine eigens geschaffene Slim-Organisation fördert das Bildungswesen in Lateinamerika. Vorbei sind die Zeiten, in denen er unter Anspielung auf Gates und andere reiche Philanthropen sagte, er sei doch nicht der Weihnachtsmann. Seine Bewunderer sehen darin wahre Anteilnahme, seine Kritiker nur kaltes Imagekalkül. Und was sagt Carlos Slim zu diesem Dilemma? «Was die Leute von mir denken, war mir schon immer egal.»













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