Wein

Fast ein Prolet

Bonarda Montelio Oltrepò Pavese 2006.

Von Peter Rüedi

Ein Wein ist mehr als die Summe seiner Bestandteile, was heisst, dass es mitunter auf die Komponenten weniger ankommt als auf deren Zusammenhang. Dass zuweilen das Ganze verpasst, wer sich analytisch auf Details konzentriert. Dass es Weine gibt, die zum Degustieren, und welche, die zum Trinken gemacht sind. Im Glücksfall geht beides zusammen. Ich für meinen Teil scheue eher Gewächse, die mir eine Art innere Achtungsstellung abverlangen. Wenn ich auch nicht immer so weit gehe wie bei der Flasche, deren Zapfen hier als Gegenzauber gegen allen Öno-Schnickschnack vulgär zur Decke knallt.
Bonarda, der rote Schaumwein aus dem lombardischen Oltrepò Pavese, ist (wie der bekanntere und berüchtigtere Lambrusco) der Proletarier unter Italiens Rotweinen. Ein Wein im verschwitzten Unterleibchen, sozusagen. Es gibt ihn süss und relativ trocken (ganz geht nicht: Ohne eine Spur Restzucker erträgt auch der gegerbteste Saumagen das Tannin, die Säure der Croatina, nicht, der Traubensorte des Bonarda).

Es gibt ihn still (selten) oder frizzante (meistens). Zuweilen gibt’s ihn überhaupt nicht. Die Produktion deckt gerade etwa den Bedarf der Lombarden. Für alle anderen ist Bonarda zudem, was man «gewöhnungsbedürftig» nennt. Wer aber mal entdeckt hat, dass er zu lombardischen Würsten, Speck oder fetten Käsen geradezu gastroenterologisch indiziert ist, kommt bald auch sonst auf den Geschmack und stimmt in Ludwig Uhlands «Trinklied» ein: «Wir sind nicht mehr am ersten Glas / Drum denken wir gern an dies und das, / Was rauschet und was brauset.» In der Schweiz ist der (kühl zu trinkende) Brauser gerade an einer Handvoll Adressen zu kriegen, dabei meist, ein Widerspruch in sich, in Varianten aus dem Edelsegment von über 20 Franken.

Ich empfehle den frisch-fruchtig-frechen, kaum konfitürigen, robusten Bonarda Montelio von Brazzola, etwas alkoholisch (13%), aber auch so gerade recht, allfälligen Wein-Snobs in der Runde die blaue Zunge zu zeigen.


Bonarda Montelio Oltrepò Pavese 2006.
E.G. Brazzola, Codevilla (PV). Bei Borgovecchio, Balerna. Fr. 12.50
(info@borgovecchio.ch).

«Weltwoche»-Autor Peter Rüedi ist Wein­liebhaber und lebt im äussersten Tessin.

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