Wenn Dean Stiffle frühmorgens aus seinem Bett kriecht, verschlafen ans Fenster eiert und zwischen den Jalousie-Lamellen nach draussen linst, sieht er, seit er sehen kann, nichts Neues: die immergleichen, sauber geschnittenen Rasen, geteerte Strassen, Autos vor den breiten Garagentoren und natürlich die weissen, babyblauen, rosigen, maurischen, spanischen, georgianischen, arkadischen und süsslichen Einfamilienhäuser zwischen den akkurat gezogenen Grünflächen-Strassen-Quadraten. Im Haus sieht’s auch nicht besser aus. Der Vater, ein Psychologe, ist zwischen den chintzbezogenen, flauschigen Sesseln und wuchtigen Couches einzig an seinem neuen Buch interessiert, die Mutter fuhrwerkt in der Küche herum, und der kleine Bruder nervt. Dean verdünnisiert sich und bekommt in der Schule, was ihm und seinesgleichen das Leben im geometrisch-sterilen Idyll namens Hillside erträglich macht: Drogen. Eines schönen Nachmittags besucht Dean seinen Kumpel Troy, den führenden Dealer der properen Gemeinde. Während im Garten der Mama ausgelassen gefeiert wird, hat sich nebenan Filius Troy erhängt, und Dean ist nicht fähig die Mutter zu informieren.
In Sundance top, im Kino Flop
Zungenbrecherisch ist der Titel des Debüts «The Chumscrubber», und rätselhaft die Publikumsreaktion: in Sundance, dem wichtigsten Talent-Test-Festival, wurde die Indie-Satire zum Publikumsliebling, im Kino floppte sie und fand folglich auch hier keinen Verleih. Dafür gibt es, Gott sei Dank, das Debütwerk von Arie Posin auf DVD. Der obskure Titel bezieht sich auf den untoten Helden eines in Hillside beliebten Video-Spiels; mit dem Kopf unterm Arm und katarrhalischer Stimme tritt Chumscrubber gegen eine Zombie-Armee an. Der Verdacht liegt nahe, dass die Hillside-Kids das Spiel deshalb mögen, weil ihre Wohnwelt, Familien und Nachbarn verdächtig ihren gepixelten Mausklick-Lieblingen ähneln.
Troys Suizid führt, ähnlich einem Gewicht, das sich nach einer Weile des Wetzens und Schlingerns aus seiner Vertäuung befreit hat und ins Tal bollert, nicht etwa zu Trauer und Betroffenheit, sondern zu gefährlichen Erschütterungen und Verschiebungen. Dean wird verdächtigt, Troys Drogen und Antidepressiva an sich genommen zu haben, worauf rabiate Mitschüler Deans kleinen Bruder entführen. Doch versehentlich ergreifen sie einen anderen Bengel, den Sprössling einer geltungssüchtigen Mama, die sich gerade anschickt, den Bürgermeister von Hillside zu ehelichen. Die Abwesenheit ihres Sohnes interessiert sie so wenig wie die schwere Neurose ihres zukünftigen Bürgermeister-Gatten. Mit derartigen Wahrnehmungsstörungen ist sie nicht allein, die ganze Gemeinde ist davon befallen; als sei sie mit Haut und Haaren im sterilen Schöner-Wohnen-Leben versackt wie in einem Bruchmoor. Selbst die Kidnapper zeigen wenig Interesse an ihrer Erpressung, und der Entführte langweilt sich. Aber die Realität zu verleugnen, heisst nicht, sie habe sich in der Buntfärberei verflüchtigt.
Seelische und soziale Deformation
Die ätzende Satire «The Chumscrubber» spielt dort, wo Autoren und Regisseure mit Vorliebe ihr literarisches wie filmisches Zyankali lustvoll verabreichen: in den Vororten, die die topische Magie von Einsicht und Einkehr und ausgewogener Lebens-Proportionalität vorgaukeln und für Wirklichkeit halten. In Wahrheit ist es die Flucht aus ihr in simple Rassen- und Klassensegregation. Lieferte früher die Kleinstadt («Peyton Place») das richtige und tückische Lokalkolorit zur Dramatisierung bürgerlicher Heuchelei und Verfehlungen, sind es heute die «minimal cities», die Suburbs. Kinofilmen («American Beauty», «Brick») und TV-Serien («Desperate Housewives») dienen sie, ob komisch oder neurotisch, als ideale Brutstätte seelischer und sozialer Deformationen.
Die TV-Serie «Weeds» (Unkraut), die «verzweifelten Hausfrauen» bei weitem übertreffend, ist das sardonische Porträt einer «minimal city»-Brut mit einer tatsächlich verzweifelten Hausfrau im Mittelpunkt: Durch den plötzlichen Tod ihres Mannes wird sie, um ihren sozialen Status nicht zu verlieren, Hasch-Dealerin. Hauptumschlagplatz ihres Krauts ist die örtliche High School, was sie allerdings nicht davon abhält, gegen Marihuana an Schulen zu sein. Mit vitriolhaltigen Dialogen und Giftspritzereien in alle Richtungen wurde «Weeds» Golden-Globe-Gewinner (2006). Die Vorstadt, nirgends so aseptisch ausgeprägt wie in den USA, ist zum substanziellen Revier der American-Way-of-Life-Paranoia avanciert.
«The Chumscrubber» und «Weeds» sind zwei widerborstige Höhepunkte, die das tückische Blendwerk der schönen, grossen Leere der Postkarten-Idylle gemeinsam haben, aber auf verschiedenen Wegen (ohne die gehübschte Ästhetik aufzugeben) in die Abgründe hinter den stereotypen und blinden All-plastic-People-Lebensformen leuchten – und das mit ungenierter Dreistigkeit und respektlosem Humor.
The Chumscrubber. Regie: Arie Posin. USA, 2005.
Englisch/Deutsch mit UT und stattlichem Bonusmaterial
Weeds. 1. und 2. Staffel (jeweils 10 Folgen).
Englisch/Deutsch mit UT und informativem Zusatzmaterial













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