Regenwald

Traurige Tropen

Der Regenwald ist dem Untergang geweiht. Den eigentlichen Dschungel gibt es schon heute nicht mehr. Unersetzliches geht verloren.

Von James Hamilton-Paterson

1966, zwei Jahre nach meinem Universitätsabschluss, ging ich zur brasilianischen Botschaft in London und stellte den Antrag für ein Einwanderervisum. Meine kurz zuvor verwitwete Mutter war entsetzt: Warum wollte ein Mann mit einem Oxford-Abschluss und einem Poesie-Preis alles hinschmeissen, um sich in einem fernen Land zu vergraben, das er nicht kannte und dessen Sprache er nicht beherrschte? Ich konnte keine überzeugende Begründung vorbringen. Wie sollte ich meiner Familie und meinen Freunden begreiflich machen, dass ich verlorengehen wollte?

Monate später schrubbte ich die Maschinenraumschotten des Hapag-Lloyd-Frachters «Hilde Mittmann» als Gegenleistung dafür, dass ich von Belém den Amazonas hoch nach Manaus mitgenommen wurde. In meiner Freizeit stand ich jeweils an der Reling und schaute, wie sich Tag für Tag auf beiden Seiten dieser immensen Flut gelbbraunen Wassers der Dschungel wie ein ferner Farbfleck ausbreitete. Er versetzte mich in eine Art Ekstase des Abenteuers, der Rätselhaftigkeit, der erotischen Möglichkeiten und der schieren Ehrfurcht. Der Dschungel war unendlich, unbekannt und damals noch nicht einmal komplett kartografiert. Ich war im Banne uralter romantischer Gefühle.

So jedenfalls kam es mir vor. Doch so alt waren diese Gefühle gar nicht. Was wir Europäer an inneren Bildern von Regenwäldern in uns tragen, ist aufgrund von Reiseberichten und wissenschaftlichen Expeditionen der letzten zwei Jahrhunderte entstanden, von Künstlern und Fotografen, deren Werke unsere Fantasie genährt haben. Der grosse deutsche Wissenschaftler Alexander von Humboldt lieferte als Erster solide Daten, welche die Einbildungskraft anderer auf Hochtouren brachten. Was er von seinen Südamerika-Forschungsreisen zwischen 1799 und 1804 berichtete, hatte enormen Einfluss. Seine Forschungen auf den Gebieten der Geologie, Botanik, Zoologie, Anthropologie und Meteorologie waren so umfassend, dass seine Leserschaft sich eine vollkommen fremde, exotische Welt ausmalen konnte. Jahrzehnte später, nach seiner eigenen Südamerika-Reise an Bord der «Beagle», gestand Charles Darwin, er habe die Natur der Tropen zuerst durch Humboldts Augen gesehen. Die Vorstellung, dass hier die Natur am rohesten, exotisch vielfältigsten und am fruchtbarsten sei, setzte sich in den Köpfen fest. Ab 1850 erlaubte die in Europa entwickelte technische Errungenschaft des beheizten Glashauses gewöhnlichen Bürgern, Beispiele tropischer Vegetation mit eigenen Augen zu sehen. Aus einem kalten Wintertag in die dampfende Hitze eines Palmenhauses zu treten, in dem merkwürdige Blüten wuchsen, riesenhafte grüne Blätter gegen die Scheiben drückten, als sehnten sie sich danach, auszubrechen, und jener paradoxe Geruch von Fruchtbarkeit und Zerfall zugleich herrschte, muss die Herzen vieler bezaubert und ihre Fantasie angeregt haben.

Eine kulturelle Obsession

Anfang des 19. Jahrhunderts hatte Grossbritannien ein gewaltiges Übersee-Imperium, das grösstenteils in den Tropen lag. Da es als erstes Land industrialisiert wurde, wurden hier wahrscheinlich auch erstmals die Tropen im Allgemeinen und die Regenwälder im Besonderen zur kulturellen Obsession. Die Konstruktion grosser Gusseisen-Strukturen entwickelten britische Ingenieure zu technischer Meisterschaft, was immer raffiniertere Glashäuser erlaubte. Das grosse Palmenhaus in Kew, das 1848 vollendet wurde, ist immer noch der Taj Mahal auf diesem Gebiet. 1849 blühte hier erstmals eine riesige amazonische Seerose. Das Schauspiel lockte auch Besucher vom europäischen Festland an. Sie staunten über die gewaltig grosse Blume und deren Blätter, die so zäh und gross waren, dass ein Kind darauf herumgehen konnte. Was musste das für eine Natur sein, wo Pflanzen von solch majestätischer Grösse gediehen?

Die Vorstellung von den Tropen und vor allem vom Regenwald regte die Einbildungskraft der Europäer gewaltig an. Vielleicht weil Grossbritannien kein katholisches Land war, hatte die im 18. Jahrhundert entstandene Naturtheologie hier tiefe Wurzeln geschlagen. Dann war durch die industrielle Revolution und die Beute aus dem Empire ein Bürgertum entstanden, das eine Menge Freizeit hatte, weshalb viele Briten Amateur-Naturforscher wurden. Die meisten bleiben daheim und katalogisierten Schmetterlinge oder das Leben in Teichen, viele aber gingen auf wissenschaftliche Expeditionen in den Tropen. Sie brachten nicht nur Samen, lebende Pflanzen und Tiere zurück, sondern auch Gemälde, Skizzen, Zeichnungen und schliesslich Fotografien. Ebenso wichtig war, dass ihre Veröffentlichungen, Bücher und Vorträge ihren mühseligen Reisen durch die Regenwälder auch eine Aura der Gefahr und des Geheimnisvollen verliehen. Der Romantik keineswegs abträglich waren suggestive Beschreibungen halbnackter Waldbewohnerinnen und -bewohner, die «im Naturzustand» lebten. Natürlich gab es auch kontinentale Konkurrenten dieser britischen Forscher, und die Bilder und Beschreibungen von Dschungeln und ihrer Exotik flossen ins Werk von Malern wie dem Douanier Rousseau oder Paul Gauguin ein. So kam es, dass weisse Abendländer wie im Fieber üppige, dampfende Tropen mit leidenschaftlicher, amoralischer Sexualität zu assoziieren begannen.

In den Köpfen der meisten Europäer wurde der tropische Regenwald zu einem höchst romantischen Ort, der noch immer unglaubliche Entdeckungen erlaubte in einer Welt, die sonst weitgehend erforscht und deren Grenzen festgelegt waren. Doch obschon die Vorstellung von Natur im Rohzustand eine willkommene Antithese zum sich rasch industrialisierenden Europa war, betrachtete man tropische Dschungel keineswegs als Garten Eden. Die tiefen Regenwälder des Amazonasbeckens, von Teilen Afrikas, Indiens und Südostasiens wurden eher schon als präparadiesisch empfunden. Ähnliches galt für die Welt der Ozeane, die, wie die ausgedehnten Forschungsreisen der HMS «Challenger» (1872–1876) ergeben hatten, ebenfalls oft groteske und schauerliche unbekannte Wesen bargen und deren Tiefe unendlich schien. Die verschwenderische Fülle der in Regenwäldern und Ozeanen vorkommenden Tier- und Pflanzenarten sowie die zivilisierten Europäern alles andere als zuträglichen Bedingungen verliehen Dschungeln wie Meeren etwas Urweltliches, als seien sie von Gott übersehene Teile der Schöpfung.

Abenteurer und Ahnungslose

Und mit jeder weiteren Expedition erwiesen sich die Regenwälder als äusserst bedrohlich für Forscher und Wissenschaftler. Da lauerten unbekannte Seuchen und Fieber sowie eine Vielfalt furchterregender Kreaturen wie riesenhafte Anacondas, tödliche Spinnen, Vampirfledermäuse, Krokodile, Zitteraale und Piranhas, nicht zu reden von giftigen Pilzen und tödlichen Curare-Pfeilen aus den Blasrohren der Eingeborenen. Bald aber zeigte sich, was für Reichtümer die Urwälder bargen in Form von Rohmaterial wie Gummi, Teak und Mahagoni, mit dem sich Handel treiben liess. Die Unternehmer und deren Angestellte, begegneten diesen Schrecken sehr viel weniger freiwillig, und bald sprachen jene, die direkte Erfahrung mit den Regenwäldern hatten, vom Dschungel als «grüner Hölle». Für die zu Hause gebliebenen Ahnungslosen trug dies nur zu seiner Romantik bei.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts spiegelten Tausende von Romanen, Abenteuergeschichten und bald auch Filmen die Urwelt-Assoziationen zum Thema Regenwälder getreulich wider. Arthur Conan Doyles 1912 erschienener Roman «The Lost World» («Vergessene Welt»), worin eine Expedition auf einem abgelegenen, von Dschungel überwucherten Hochplateau im Amazonasgebiet Dinosaurier, Pterodaktylen und Affenmenschen entdeckt, war ein internationaler Erfolg. Als Junge las ich diesen Roman und eine ähnlich haarsträubende Geschichte über Männer, die vom Duft der seltensten Orchidee der Welt immer tiefer in amazonische Sümpfe gelockt wurden. Der Duft der Pflanze, für die ein Sammler ein Vermögen bot, war freilich ein tödliches Betäubungsmittel, weshalb die glücklosen Abenteurer zuerst verführt und dann übermannt wurden. Die Geschichte brachte perfekt zum Ausdruck, was die «grüne Hölle» so höllisch machte.

Solchen und ähnlichen Geschichten entsprossen einige der langlebigsten fiktiven Figuren des 20. Jahrhunderts. Im selben Jahr wie «The Lost World» erschien Edgar Rice Burroughs’ «Tarzan of the Apes». Zwar lag Tarzans Dschungel nicht am Amazonas, sondern in Afrika, aber viele der exotischen Elemente waren ähnlich und wurden erkennbar als Versatzstücke eines sich rasch entwickelnden Genres. Es gab allerlei Tarzan-Imitatoren z.B. den Dschungeljungen Bomba. Ihr gemeinsamer Ursprung war Mowgli aus Kiplings 1894 erschienenem «Jungle Book» («Das Dschungelbuch»), der einen ganzen Rattenschwanz im tiefen Dschungel von Tieren aufgezogener wilder Kinder nach sich zog. Kurz gesagt: Nichts war zu abwegig, als dass es sich in einem Dschungel hätte ereignen können, kein Tier zu absonderlich, als dass es sich dort gefunden hätte. Der Dschungel war das Tummelfeld kollektiver Träume.

Am beispielhaftesten verkörpert den «Grüne Hölle»-Aspekt des Regenwalds wohl Oberst Kurtz in Joseph Conrads 1902 erschienenem Roman «Heart of Darkness» («Herz der Finsternis»). Da sich Kurtz’ Reich des Schreckens im Kongo-Dschungel verbarg, handelte es sich vielleicht weniger um eine grüne als eine schwarze Hölle. (Bereits 1890 hatte der englische Forscher Stanley mit einem Buchtitel den Begriff «dunkelstes Afrika» geprägt.) Conrads überaus allegorischer Roman legt den Schluss nahe, dass die Abgeschiedenheit des afrikanischen Dschungels auf Weisse üble Auswirkungen haben und deren Herzen bis ins Innerste schwarz machen kann. Der Autor war eindeutig von seiner eigenen Reise in das Land beeinflusst, das unter dem belgischen König Leopold II. noch Freistaat Kongo, dann Belgisch-Kongo und schliesslich Zaire heissen sollte: Dort hatte er mit eigenen Augen gesehen, zu welcher Grausamkeit und Habgier Europäer fähig waren, sobald sie sich im «schwarzen Kontinent» verstecken konnten.

War vom Phänomen Dschungel als solchem die Rede, spielte es kaum eine Rolle, ob dieser in Afrika, Südamerika oder Asien lag. Er wurde als etwas empfunden, das Weissen von Natur aus höchst gefährlich werden konnte – in körperlicher oder moralischer Hinsicht. Er war darauf angelegt, Schreckliches vor kultivierten Blicken zu verbergen. Einen Grossteil des 20. Jahrhunderts assoziierte man Regenwälder auch mit dem, was sich in ihnen verbergen mochte: barbarische Regime oder immense Reichtümer (hier sollten wir des britischen Archäologen Colonel Percy Fawcetts gedenken, der 1925 zusammen mit seinem Sohn auf der Suche nach einer verschollenen Stadt im amazonischen Dschungel verschwand).

Manaus, im Dschungel verlorene Oase

Als ich 1966 also bezaubert an der Reling der «Hilde Mittmann» hing, voll von diesen ererbten Assoziationen, wurde mein romantisches Gefühl, ins Herz eines unbekannten Kontinents zu dampfen, durch Vorstellungen von Gesetzlosigkeit und Gefahr noch verstärkt. Nachdem wir den Zusammenfluss mit dem Rio Negro erreicht und den Amazonas hinter uns gelassen hatten, schwelgte ich im Gefühl, bald so verlorenzugehen, wie ich mir dies erträumt hatte. Manaus selbst war wunderbar: eine kleine, kompakte Stadt mitten im Regenwald. Vom Fluss aus wirkte sie fast mediterran mit ihren weissen Häusern, Kirchtürmen und Terrakottaziegeldächern. Doch überall brach das Grün tropischer Vegetation durch, und am gegenüberliegenden Ufer des Rio Negro zog sich als dunkle Linie der wilde Regenwald dahin. Das Gefühl, die Stadt sei eine im Dschungel verlorene Oase, war sehr stark. Als ich später meinen Roman «Gerontius» schrieb, der von einer Reise des englischen Komponisten Edward Elgar nach Manaus handelte, konnte ich ziemlich genau beschreiben, was er 1923 gesehen haben musste, weil sich in der Zwischenzeit so wenig verändert hatte.

Mein erster gekochter Affe

Die Strassen waren verstopft von klapprigen kleinen Lastwagen, deren Ladung aus klebrigen schwarzen Fussbällen zu bestehen schien: rohes Latex aus den nahen Gummibaumplantagen. Auf den Märkten gab es massenhaft tropische Produkte: sonderbare Früchte, Beeren und Blätter. Neben dicker Schokolade, wie sie die Portugiesen tranken, gab es in den Cafés auch frisches Guaraná. Das war ein belebendes rubinrotes Getränk, das aus dem rotbraunen Pulver getrockneter Beeren zubereitet wurde. Es schmeckte vollkommen anders als die kommerzielle Brauselimonade, die später in Rio und anderswo ebenfalls als Guaraná verkauft wurde. Es war von Jaguarangriffen auf Waldpfaden unweit der Stadtgrenze die Rede, doch bin ich nicht sicher, ob dem immer noch so war oder ob man sich dies bloss von früher her erzählte. Eines Tages aber überquerte ich den Rio Negro, um einen amerikanischen Missionar zu besuchen, der mit seiner Familie auf der anderen Seite des Flusses lebte. Sie wohnten in einer auf allen Seiten vom Urwald bedrängten Hütte mit Wellblechdach und waren sich der Bedrohung durch wilde Tiere durchaus bewusst. Später traf ich am Flussufer «caboclos» oder Gummisammler und ass mit ihnen gegrilltes Gürteltier und gekochten Affen. Das Gürteltier schmeckte vor allem nach Holzrauch; vom Affen ist mir in Erinnerung, wie sehr seine Hände mich rührten: Sie sahen aus wie diejenigen eines Kindes.

Doch trotz der Exotik und der sinnlichen Genüsse hatte Manaus etwas Beunruhigendes. Unter dem Militärregime, das damals Brasilien beherrschte, war die Unterdrückung gross und fanden in den Urwäldern verborgen Gräueltaten statt. Sie hatten vor allem mit dem Ergattern von Land zu tun, denn eine neue Ära war angebrochen. Hinter der Stadt waren schon mehrere Quadratkilometer Urwald mit Bulldozern gerodet worden und wurde auf dem roten Verwitterungsboden ein Netzwerk von Strassen angelegt. Dies war der Beginn der Umwandlung von Manaus in einen wichtigen neuen Umschlagplatz, ein steuerfreies Wirtschaftsgebiet, aus dem, so ging das Gerücht, bald Wolkenkratzer wachsen sollten. Es gab hochfliegende Pläne, die Stadt zunächst durch eine Strasse mit Boa Vista im nördlich gelegenen Staat Roraima zu verbinden, dann mit dem Rest Brasiliens und schliesslich durch den Pan-American Highway mit dem ganzen Kontinent.

Diese Pläne waren eine unangenehme Überraschung für mich: Manaus war damals nur auf dem Fluss oder aus der Luft erreichbar; die nächste Autobahn lag siebenhundert Kilometer in nördlicher Richtung entfernt. Hätte man mir gesagt, was dem amazonischen Regenwald in den nächsten vier Jahrzehnten bevorstehe, hätte ich entweder mit grösster Skepsis oder tiefsten Depressionen reagiert. Skepsis, weil ich die Überzeugung geerbt hatte, dass der amazonische Regenwald nicht ernsthaft bedroht werden könne. Er war zu riesig, zu wild, als dass man ihn hätte zähmen können.

Doch dies war, bevor eine sehr viel reichere Welt nach ausgesuchten tropischen Harthölzern für ihre Büromöbel verlangte. Bevor der weltweite Appetit auf Hamburger und Steaks es lohnenswert machte, Urwälder zugunsten von Rinderfarmen abzubrennen; bevor man Maisfelder anlegte, um Ethanol als Treibstoff für Autos zu gewinnen und Sojaplantagen für Biodiesel. Das war, bevor eine schizophrene moderne Landwirtschaft, die vollkommen abhängig wurde von aus Erdöl gewonnenen Düngern und Pestiziden, immer grössere Flächen Land brauchte, um Erdöl in Lebensmittel zu verwandeln, aber auch Lebensmittel in Treibstoff. (Wir leben unterdessen in einer Welt, die in erster Linie den Finanzinteressen multinationaler Konzerne dient, die Lebensmittel, Erdöl und Autos verkaufen.) Das war auch, bevor eine ebenso schizophrene brasilianische Regierung ihren «Avança Brasil»-Entwicklungsplan umsetzte, wodurch unweigerlich noch mehr Regenwald zerstört wird, während gleichzeitig das Umweltministerium diese Zerstörung einzudämmen versucht.

In einem Bericht der Zeitschrift Science wird die pessimistische Voraussage gemacht, bis zum Jahr 2020 würden 42% des amazonischen Regenwaldes abgeholzt und riesige weitere Gebiete verschandelt. Auch wenn in geschützten Reservaten Bäume wohlüberlegt und selektiv geschlagen werden, wird dadurch die Dichte der Wälder beschädigt und entstehen Löcher im Blätterdach. Durch diese fällt mehr Sonne ein, weshalb der Wald dort trockener wird. Unberührter Regenwald ist zu feucht, um zu brennen, in selektiv geschlagenem Regenwald hingegen kommt es zu Bränden. Zurzeit wird Folgendes angenommen: Durch die Klimaerwärmung steigt die Oberflächentemperatur der Ozeane, was den El-Niño-Effekt verstärkt und im Amazonasgebiet zu Dürre und Bränden führt. Der gleiche Mechanismus bedroht auch die Regenwälder Indonesiens. Der riesige, unbeschädigte Regenwald, den zu erleben ich das Glück hatte, ist dem Untergang geweiht. In einem Buch, das ich vor kurzem las, erwähnte die Autorin auch Manaus und sprach von Menschen, die sie interviewt hatte «vier Stunden von Manaus in einem der letzten Reste Primärwalds in jenem Gebiet». Damit ist alles gesagt.

Wir sind in Panik und Trauer zugleich

Es ist immer aufwühlend, wenn Unersetzliches – Volksstämme, Sprachen, Tierarten und Landschaften – kurz davor steht, für immer verlorenzugehen. Zufälligerweise sind wir innerhalb der Menschheitsgeschichte die Ersten, die das Artensterben nicht nur zu verursachen, sondern auch in seiner Schändlichkeit zu dokumentieren vermögen. Die Industrialisierung hat das Leben von Millionen verbessert, gleichzeitig aber auch einen Zustand beinah permanenter Trauer verursacht. Dazu kommt ein Zustand beinahe permanenter Panik angesichts der Voraussagen aller drohenden Umweltkatastrophen. Die Panik lässt sich eher in politische Entscheidungen umsetzen; die Trauer geht quer durch die Kulturen und greift an die Wurzeln der menschlichen Psyche.

Angesichts des Artensterbens und der Furcht um die Umwelt hat sich unsere Einstellung den Regenwäldern gegenüber radikal verändert. Die «Grüne Hölle»-Konnotationen haben sich in nichts aufgelöst, die Urwälder sind jetzt ein grünes Eden, das es zu bewahren gilt. Unsere Angst vor ihnen ist verschwunden; was uns jetzt Angst macht, ist unsere Macht über sie. Wir empfinden heute ihren Verlust ebenso heftig wie einst die Europäer den Verlust ihrer Wälder, was auch Alexander von Humboldts erste Eindrücke vom südamerikanischen Regenwald beeinflusst haben dürfte. Obschon die Urwälder Europas keine Regenwälder gewesen waren, wirken sie in Folklore und Traditionen noch immer nach als Erinnerung an eine bessere Welt. Das ist urbane Nostalgie, ein sehnsüchtiger Blick zurück auf eine vorindustrielle, unversehrte Welt, ein naturnäheres Leben – schon zu Zeiten der alten Römer ein Klischee. Die wenigsten freilich wissen, wie feucht und unbequem das Leben in einem echten Urwald ist. Ich habe in Südostasien längere Zeit in Sekundärregenwald – der Sorte Wald, die wächst, nachdem Urwald gefällt worden ist – gelebt und kann ein Lied singen von dessen Düsternis, der Nässe, den Termiten, den Blutegeln und allem anderen. Dennoch empfinde ich nach wie vor des Waldes mythische Macht und beklage sein Verschwinden.

Denn «der Dschungel» ist bereits tot. Er hat es nicht überlebt, ein Gegenstand des Mitleids zu werden. Wie von seinen Bewohnern, die gleichsam Ikonen-Status erlangt haben, den Tigern und Eingeborenenstämmen, werden auch von ihm nur sorgfältig gehegte Reste weiterbestehen, am Leben erhalten zugunsten des Ökotourismus und aus Angst vor dem Klimawandel. Der Schauer, der uns einst im Urwald überlief, rührte daher, dass der Dschungel ein immerwährender Ort erfundener und realer Wunder war. Nun werde ich nie mehr an den Amazonas zurückkehren. Ich möchte mir das, was ich als junger Mann gesehen habe, als «endroit de rêve» erhalten. Ich möchte einen inneren Regenwald behalten, der in der Fantasie einen magischen Raum einnahm und noch immer einnimmt, der aus der äusseren Realität bereits verschwunden ist.


Aus dem Englischen von Thomas Bodmer

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