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08.08.2007, Ausgabe 32/07

Afghanistan

Raubritter und fromme Banditen

Drama der südkoreanischen Geiseln zeugt von einem Taktikwechsel der Taliban. Ein Chef der Gotteskrieger erklärt der Weltwoche Tathergang und Motiv.

Von Urs Gehriger und Sami Yousafzai

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Italiener, Deutsche, Franzosen hat es bereits getroffen. Diesmal sind es Südkoreaner. Seit sich der afghanische Präsident Hamid Karzai im März erpressen liess und fünf hohe Taliban im Tausch gegen einen italienischen Journalisten freiliess, haben die Gotteskrieger Blut gerochen. Der aktuelle Fall übertrifft alles Bisherige. Seit drei Wochen befinden sich 21 Südkoreaner in den Fängen der Taliban, 2 Geiseln wurden bereits hingerichtet, einige sollen schwer erkrankt sein. Die Krise ist längst über Kabul und Seoul hinausgewachsen und hat Washington erreicht. Dabei ist die Nachrichtenlage über Täter und Motiv äusserst konfus. Newsweek-Korrespondent und Weltwoche-Mitarbeiter Sami Yousafzai hatte mit den Entführern Kontakt und zeichnet die Verschleppung nach:

Donnerstag, 19.Juli, Fernstrasse Kabul– Kandahar. Taliban-Subkommandant Abdullah liegt auf der Lauer. Wochen zuvor war sein Vorgesetzter von US-Truppen verhaftet worden, seither lässt Abdullah seine Männer auf der zentralen Verbindungsachse zwischen der Hauptstadt und dem Süden patrouillieren, stets auf Ausschau nach Ausländern. Sein Ziel: Geiseln nehmen und sie gegen seinen Chef und andere hohe Taliban freipressen.

Kurz vor Mittag sichten Abdullahs Späher Beute, einen grossen, weissen Bus, ohne Eskorte. Sofort nehmen sie auf Motorrädern die Verfolgung auf, zwingen den Bus von der Strasse in ein entlegenes Dorf in der Provinz Ghazni, keine 80 Kilometer von Kabul entfernt. Erst dort erkennen sie, welch grossen Fang sie gemacht haben. 23 Koreaner, 16 Frauen, 7 Männer, Mitglieder eines christlichen Hilfswerks, bunt gekleidet wie Touristen. Sie seien nicht auf Mission gewesen, wird es in Seoul bald heissen, sondern bloss auf einem 10-tägigen Trip durch Afghanistan, angeblich bemüht, dem Volk etwas Englisch zu unterrichten und da und dort in einem Spital auszuhelfen.

Die Kidnapper teilen die Koreaner in fünf Gruppen, verschleppen sie in verschiedene Verstecke und stellen horrende Forderungen. 115 gefangene Taliban soll Kabul freilassen, 5 pro Geisel. Die Regierung gibt sich kompromisslos. Als sich die Verhandlungen hinziehen, schrauben die Taliban ihre Forderung auf 23, später auf 8 herunter. Aus Frust über die Verzögerungen oder aus schierer Kaltblütigkeit ermorden die Taliban zwei Geiseln.

Der Verlauf der Entführung ist in mehrerer Hinsicht symptomatisch für die Verfassung der Taliban. Die Aktion erfolgte spontan, auf Initiative des Subkommandanten. Sein Motiv war ein persönliches. Um seinen Chef freizupressen, hatte er zuerst versucht, mit den Entführern eines deutschen Ingenieurs in der nördlichen Provinz Wardak einen Deal zu schmieden. Ohne Erfolg. Auf eigenen Profit aus, lehnten sie jede Kooperation ab.

Erst als die Südkoreaner längst in der Falle sitzen, wird der Taliban-Provinzkommandant von Ghazni eingeweiht. Der hohe Kader weilt zum Zeitpunkt der Entführung jenseits der afghanischen Grenze, in den pakistanischen Stammesgebieten, wo er vor den internationalen Truppen sicher ist. Sein Name lautet Mullah Sabir; es handelt sich um denselben Taliban-Chef, der letztes Jahr einem Weltwoche-Team mehrere Treffen mit seinen Kämpfern ermöglicht hatte.

Unverzüglich habe er das Kommando über die Entführung an sich gerissen, beteuert Sabir im Gespräch. Er dementiert Gerüchte, wonach der oberste Taliban-Chef Mullah Omar einen Emissär geschickt habe, um die Entführer in der Geiselaffäre zu beraten. Hingegen berichtet Sabir von Rivalitäten unter lokalen Taliban. So habe eine andere Untergruppe versucht, aus der Geiselnahme Kapital zu schlagen. Einige Kämpfer hätten sich als Entführer ausgegeben, seien mit einer Krisengruppe, bestehend aus Koreanern und Afghanen, in Kontakt getreten und hätten den verzweifelten Gesandten sogar Geld abgeknöpft.

Dies alles vermittelt ein Bild, das schlecht zu den einst ultrafrommen Koranstudenten passt, die in den neunziger Jahren im Sturm Afghanistan eroberten. Seit einiger Zeit grassieren Raffgier und Disziplinlosigkeit unter den Taliban. Folgten sie früher rigiden religiösen Prinzipien, gleichen heute viele Kämpfer skrupellosen Wegelagerern und Hasardeuren. Raubrittern ähnlich trachten sie nach menschlicher Beute. Geiseln gelten als persönliches Pfand, mit dem jeder versucht, ein Maximum für sich und seine Gruppe herauszuholen.

Die zentrale Taliban-Führung scheint das wilde Kidnapping tatenlos geschehen zu lassen. Aus perfidem Kalkül. Sie ist sich der verheerenden Wirkung bewusst. Die Hilfswerke streichen ihre Segel. Immer weniger Ausländer sind bereit, ihr Leben in den weitläufigen Tälern und Bergen zu riskieren. «Wo die Strasse aufhört, beginnt das Reich der Taliban», besagt ein geflügeltes Wort im Volk. Je mehr der Aufbau sabotiert wird, desto schutzloser ist die Bevölkerung den Taliban ausgeliefert, die ihre Macht bis an die Peripherie der Städte ausdehnen.

Mit der Entführung der Südkoreaner hat ein kleiner Taliban-«Korporal» ins Herz der Kabuler Regierung getroffen. Hoffnungen auf ein schnelles Ende dürften verfehlt sein. «Wir können die Krise problemlos in die Länge ziehen», so Mullah Sabir, «und damit die Karzai-Regierung vor aller Welt blamieren.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 32/07
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