Nachruf

Nachruf

Raul Hilberg (1926–2007), Kriegsflüchtling, Holocaust-Historiker, und Lee Hazlewood, Sänger, DJ, Produzent, Komponist

Von red

Raul Hilberg (1926—2007) – Mit Raul Hilberg starb einer der bedeutendsten Holocaust-Forscher der Gegenwart. Geboren 1926 in Wien, flüchtete er mit seiner Familie nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1939 über Kuba in die USA. Nach dem Krieg studierte Hilberg Politikwissenschaft an der Columbia University. 1955 wurde er an der Universität Burlington im kleinen Bundesstaat Vermont zum Professor gewählt. Hier forschte und lehrte er bis zu seiner Emeritierung. Bekannt und schliesslich berühmt wurde er mit seiner grossen Arbeit «Die Vernichtung der europäischen Juden». Erstmals 1961 in den USA publiziert, dauerte es zwanzig Jahre, bis das Werk auf Deutsch erschien – 1982 in einem kleinen Berliner Verlag und 1990 endlich bei S. Fischer. Spätestens dann wurde Hilbergs Buch zum Standardwerk auch für jeden Studenten im deutschen Sprachraum, der sich mit dem Holocaust auseinandersetzte.

Hilbergs Arbeit ist akribisch und genau. Sie macht sichtbar, wie unglaublich viele Personen und Organisationen in die Planung und Durchführung des Holocaust involviert waren und wie viele verschiedene Interessen sich darin wiederfanden. Hilberg legte Wert auf einen präzisen Umgang mit Dokumenten. Mit dem Buch «Die Quellen des Holocaust» publizierte er 2002 eine Art ethische Hinterlassenschaft, wie mit der äusserst umfangreichen schriftlichen Überlieferung aus der NS-Zeit zu arbeiten ist. Für dieses Buch erhielt er 2002 den Geschwister-Scholl-Preis. Hilberg war ein überzeugter Historiker, und seine Arbeiten sind überzeugend bis heute.

Daniel Wildmann


Lee Hazlewood (1929–2007) – Drei Jahre litt der Sänger an Nierenkrebs, am Samstag ist er in seinem Haus in Nevada gestorben. Lee Hazlewood komponierte Hits wie «These Boots Are Made For Walking» und «Some Velvet Morning» und war bekannt für seine Kooperation mit Nancy Sinatra. Geboren wurde Lee am 9.Juli 1929 als Sohn eines Tankwarts in Oklahoma – und damit in eine Welt von Börsencrash, Wirtschaftskrise und Staubstürmen. Lee studierte Medizin in Port Neches in Texas, wo ihn der Stilmix des gulf coast sound beeindruckte. Im Koreakrieg diente er als DJ, und kaum aus dem Krieg entlassen, liess er als einer der ersten Radio-DJs Elvis Presley laufen, gründete eine Plattenfirma, schrieb Songs und produzierte Twang-King Duane Eddy. Seine eigene Karriere wollte nicht so recht. 1964 traf er auf Nancy Sinatra, die erfolglos im Schatten ihres Vaters herumstand. Nancy und Lee hingegen: Das funktionierte. Auf zwei Alben gaben sie eine Serie von wasserklaren, grossen Songs heraus: eine Sorte von Pop, der kein Schmalz zu schmachtend, keine Orchestrierung zu breit und keine Kelle zu gross war. Hazlewood komponierte auf Country-Grundlage, versetzt mit den Bigband-Arrangierkünsten von Mancini und Esquivel, einem Hauch Rock’n’Roll und einer Vorahnung dessen, was man später space nannte. Der Song «Summerwine» könnte sowohl in einem frühen James Bond wie im neusten Tarantino spielen. In den frühen Siebzigern zogen Hazlewoods nach Schweden, um Sohn Mark den Vietnamkrieg zu ersparen. Dort entstand «Cowboy in Sweden», eines von Lees unterschätzten Werken.

Albert Kuhn

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