Aids

Systematisch aufgebauscht

Jahrelang frisierten «Experten» die Aids-Zahlen nach oben und schürten Angstkampagnen. Ein renommierter Forscher widerlegt nun die Mythen: Aids ist im Westen eine Homosexuellenseuche, das Ansteckungsrisiko weit geringer, als Uno-Behörden wider besseres Wissen behaupten.

Von David Signer

Lange Zeit waren massiv übertriebene HIV-Raten in Umlauf, und das Risiko einer heterosexuellen Ansteckung wurde hemmungslos übertrieben. Der Aids-Diskurs folgte weniger epidemiologischen als politischen, sozialen und moralischen Kriterien. Nicht sachliche Richtigkeit, sondern politische Verträglichkeit bestimmte die Diskussion. Noch heute wiegeln Gesundheitsbehörden und Interessenverbände ab. Bezeichnend ist die Reaktion der eigens für Aids-Belange gegründeten Uno-Behörde Unaids gegenüber der Weltwoche: «Wir haben keine Daten übertrieben. Die Schätzungen waren nicht beeinflusst von fürsprecherischen, politischen oder Fundrasing-Gründen.

»

Die Stimmen allerdings, die den jahrelangen Tenor der Aidsprävention, alle seien gleichermassen vom Aidsrisiko betroffen, als Propaganda kritisieren, mehren sich. Der Prominenteste und Fundierteste dieser Kritiker ist James Chin, der in seinem neuen Werk «The Aids Pandemic – The Collision of Epidemiology with Political Correctness» eine ganze Reihe von politisch korrekten Mythen in Frage stellt, die während Jahren von Unaids, WHO und Aids-Aktivisten verbreitet wurden (siehe Interview links). Der 73-jährige Epidemiologe, der selber jahrelang bei der WHO für Aids-Prognosen zuständig war und heute Professor an der Universität von Kalifornien in Berkeley ist, liefert eine erdrückende Fülle von Fakten und Schlussfolgerungen, die zu folgenden Befunden führen: Die HIV-Zahlen wurden übertrieben, die Bedrohung für die allgemeine Bevölkerung wurde dramatisiert, die Wirkung der Kampagnen wurde hochgespielt, und Armut spielt bei Aids nicht die Rolle, die ihr zugeschrieben wird. Die Stossrichtung hinter diesen Mythen ist klar: Es ging darum, die Schwulen vor Diskriminierung zu schützen, indem man Aids zu einer Geissel stilisierte, die die ganze Menschheit ohne Unterschiede bedroht. Damit konnten sich zugleich die Aids-Organisationen als Menschheitsretter inszenieren. Der Sonderfall Afrika, wo Aids tatsächlich auch die heterosexuelle Mehrheit betrifft, wurde zum Modellfall erklärt. Allerdings war es auch hier, wie im Fall der Schwulen, verpönt, von Promiskuität zu reden; stattdessen wurden Armut und Diskriminierung als Hauptgründe für die hohen Raten ins Feld geführt.

Im Durchschnitt 50 Prozent zu hoch

Chin belegt überzeugend, dass die Zahl der weltweiten HIV-Infektionen etwa bei 30 Millionen liegt und nicht, wie offiziell verbreitet, bei 40 Millionen. Bis vor wenigen Jahren basierten die offiziellen HIV-Zahlen mehrheitlich auf Untersuchungen von Schwangeren in den Metropolen. Schon seit langem wussten die Experten, dass es zu überhöhten Raten führt, wenn man diese Daten einfach hochrechnet. Trotzdem hielt Unaids an dieser Methode fest, bis vor einigen Jahren dann erste breitere Studien in Afrika und der Karibik durchgeführt wurden, bei denen eine repräsentative Menge von Leuten aus Stadt und Land getestet wurde. Es zeigte sich, dass die bisherigen Zahlen im Schnitt 50 Prozent zu hoch veranschlagt waren, und Unaids musste seine Statistiken revidieren. Dieser Prozess ist im Gange. Eben wurden die HIV-Infektionen in Indien von 5,7 Millionen auf 2,5 Millionen korrigiert. Trotzdem fuhr die Unaids fort, von der «permanenten Ausbreitung» und «stetigen Zunahme» von Aids zu sprechen. Erst Mitte 2006 gab sie öffentlich zu, dass die Ansteckungen ihren Höhepunkt sogar im subsaharischen Afrika schon zehn Jahre zuvor überschritten hatten.

In einer trockenen Stellungnahme zu den Vorwürfen auf der Website der Unaids wird lediglich betont, man arbeite bei der Erhebung der Zahlen mit bekannten Wissenschaftlern zusammen. Kein Wort zur Tatsache, dass Unaids selbst die Zahlen nun Jahr für Jahr nach unten korrigieren musste. Für den Fall, dass jemand selber auf die Idee kommen könnte, die Statistiken der letzten Jahre zu vergleichen, wird die Warnung ausgegeben: «Der Vergleich der neuesten Schätzungen mit denjenigen aus früheren Jahren kann zu irreführenden Schlussfolgerungen führen.» Zum Beispiel zur Schlussfolgerung, dass hier einfach manipuliert wurde; denn die Verantwortlichen mussten wissen, dass die Daten aus Geburtskliniken nicht repräsentativ waren. Unaids empfehle den Ländern seit sieben Jahren, ihre Datenbasis zu verbreitern, antwortet Unaids-Pressesprecherin Barton-Knott auf den Vorwurf. So leicht kann Unaids die Schuld nicht abschieben, denn das Problem ist ja nicht die Datensammlung, sondern die Interpretation, in diesem Falle die Hochrechnung von untypischen Samples. Schätzungen würden bleiben, was sie seien: Schätzungen, heisst es dazu.

Krankheit von Risikogruppen

Aids ist – abgesehen von Schwarzafrika – nie zu einer Epidemie der allgemeinen Bevölkerung geworden, obwohl Unaids immer wieder dieses Schreckensszenario an die Wand malte. Die Wahrscheinlichkeit für einen ansonsten gesunden Mann, sich beim Geschlechtsverkehr mit einer HIV-positiven Frau anzustecken, ist sehr gering; sie liegt bei weniger als 1:1000. Das heisst, die Gefahr einer Epidemie besteht erst, wenn viele ihre Sexpartner täglich oder zumindest wöchentlich wechseln. In Asien geschieht das über käuflichen Sex, in den USA und in Europa in Schwulensaunen und ähnlichen Treffpunkten. Steckt sich in Europa allerdings jemand in einem Bordell an, infiziert er nachher vielleicht seine Ehefrau, aber damit hört die Ausbreitung im Allgemeinen auf. Im subsaharischen Afrika ist das oft nicht so. Bei etwa einem Viertel der Bevölkerung herrscht sowohl bei Männern wie Frauen eine hohe Promiskuität, die sich nicht auf Prostitution beschränkt. Das heisst, es kommt zu grösseren sexuellen Netzwerken, wo das Virus immer weiter getragen wird. Als zusätzlicher Faktor kommt eine weite Verbreitung von Geschlechtskrankheiten hinzu, die die Ansteckungsgefahr erhöhen. Und die männliche Beschneidung, die einen beträchtlichen Schutz bildet, ist in diesen Ländern wenig verbreitet.

Aber Afrika ist weltweit gesehen nicht der Normal-, sondern ein Spezialfall. Die HIV-Rate im am meisten betroffenen Land Afrikas ist fünfzig Mal höher als jene in den am meisten betroffenen Ländern Südamerikas oder Europas. Dass die Aids-Raten im Westen viel tiefer sind, ist jedoch nicht den Aufklärungskampagnen zu verdanken, wie die entsprechenden Organisationen oft behaupten. Die geringe Infektion bei der heterosexuellen Bevölkerung ist auf das niedrige Ansteckungsrisiko zurückzuführen sowie auf fehlendes Risikoverhalten, das jedoch kaum mit der Dichte von Kampagnen korreliert. Das Geld, das für allgemeine Präventionsaktionen investiert wird, setzte man besser gezielt für die Aufklärung der Risikogruppen ein.

«Da Aids nun aus der Medien-Agenda rutscht, müssen alle Anstrengungen unternommen werden, die Bedrohung wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken», sagt Barton-Knott zu diesem Vorwurf. «Es wäre unethisch, die Öffentlichkeit nicht aufzurütteln; obwohl das Risiko tief sein mag, existieren immer noch potenzielle Infektionsrisiken.» Zugleich räumt sie aber ein, dass Unaids immer wieder unterstrichen habe, gezielte Präventionsprogramme für Risikogruppen seien am wirkungsvollsten und die Kampagnen in vielen Ländern zu wenig fokussiert.

Die Feststellung der verbreiteten Promiskuität im subsaharischen Afrika ist, obwohl wissenschaftlich belegt, tabuisiert, verstösst gegen den multikulturellen Respekts-Konsens, gilt als Klischee, Vorurteil oder gar als rassistische Verleumdung.

Armut ist kein Aids-Faktor

Hingegen gilt es als Ausdruck der Solidarität, wenn man auf Armut als wichtigen Faktor bei der Verbreitung von Aids hinweist. Der Hinweis geht meist mit der Forderung einher, es müssten primär die Lebensbedingungen in den armen Ländern verbessert werden, um Aids zu bekämpfen. Statistisch lässt sich diese Behauptung leicht widerlegen. Die afrikanischen Länder mit den höchsten HIV-Raten der Welt – Botswana, Simbabwe, Südafrika, Swaziland – gehören nicht zu den ärmsten, und umgekehrt haben viele der ärmsten Länder sehr tiefe HIV-Raten, nicht nur in Afrika, auch auf andern Kontinenten. Forschungen in Kenia und Tansania zeigten darüber hinaus, dass das wohlhabendste Fünftel der Bevölkerung zwei bis drei Mal so hohe Infektionsraten aufwies wie das ärmste Fünftel.

Das passt zu andern Studien, die zeigen, dass im subsaharischen Afrika sozioökonomisch Bessergestellte mehr Sexualpartner haben. Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise, dass schlechte Ernährung infolge von Armut zu einem allgemein geschwächten Immunsystem führen würde, das die Leute dann anfälliger für eine HIV-Infektion macht oder nach der Infektion zu einem rascheren Ausbruch von Aids führt, wie oft suggeriert wird. Ausser Frage steht, dass arme Länder weniger Zugang zu modernen Aidsmedikamenten und HIV-Infizierte deshalb geringere Überlebenschancen haben. Ebenfalls ausser Frage steht, dass Armut Frauen in die Prostitution treiben kann und sich dadurch ihr Ansteckungsrisiko erhöht. Aber hier spielen auch kulturelle Unterschiede eine Rolle. In vielen Ländern – zum Beispiel im Sahel – ist sexuelles Risikoverhalten und infolgedessen auch HIV wenig verbreitet, obwohl die Bevölkerung sehr arm ist.

Chin klagt die internationalen Organisationen an, diese «Mythen» wider besseres Wissen verbreitet zu haben, aus politischer Korrektheit, aus ideologischer und moralischer Konformität, entgegen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Man fragt sich, warum all diese Verzerrungen, die in letzter Zeit ans Licht kommen, nicht mehr Empörung hervorrufen. Schliesslich geht es um den Missbrauch von öffentlichen Geldern (für die Datenerhebung, die Verbreitung, die fehlgerichteten Kampagnen, die Entlöhnung von Ideologen), aber auch um Angstmache. Vermutlich bleibt die Skandalisierung aus, weil die Verantwortlichen für sich reklamieren können, aus «guten» Motiven zu handeln. Es geht um Solidarität mit den «Armen», auch wenn die Verdrehungen niemandem nützen.

In seinem Buch erzählt Chin von einem Treffen mit dem philippinischen Gesundheitsminister 1990. Chin sprach ihn auf die fragwürdige Schätzung von 50000 HIV-Positiven an. Die Zahl war entstanden, indem man die 50 bekannten Infektionsfälle einfach mit 1000 multipliziert hatte. Der Minister entgegnete: «Hier geht es um Engagement, nicht um Genauigkeit!» In eine ähnliche Richtung zielte die Bemerkung von Unaids-Direktor Peter Piot, der an der Aids-Konferenz in Durban vor zwei Monaten davon sprach, die Aids-Herausforderung werde erschwert durch «leugnerische Statements wie dasjenige, Unaids überschätze das Ausmass der Epidemie».

Wie ein Mythos geschaffen wurde

Um zu verstehen, wie die Krankheit zu einem ideologischen Kampfplatz politischer Korrektheit werden konnte, ist ein Rückblick in die Geschichte hilfreich. Juni 1981: Bei fünf jungen homosexuellen Männern wurde in Los Angeles eine Krankheit diagnostiziert, die man GRID (Gay-related Immune Deficiency – mit Homosexualität assoziierte Immunschwäche) nannte und ein Jahr später Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome – erworbenes Immunschwächesyndrom). In den nächsten Monaten wurden immer mehr Fälle bekannt, zuerst lediglich unter Schwulen, dann auch unter Fixern und unter Blutern, die regelmässig Bluttransfusionen erhalten hatten.

Auffällig war die hohe Zahl von Haitianern unter den Erkrankten. Als Epidemiologen 1983 nach Haiti reisten, um der Spur nachzugehen, entdeckten sie, dass vermutlich haitianische Arbeiter das Virus aus dem damaligen Zaire (heute Demokratische Republik Kongo), wo sie unter Vertrag standen, eingeschleppt hatten. Als in der Folge entsprechende Tests in Zaire durchgeführt wurden, stellte man dort eine bereits relativ hohe HIV-Infektion fest.

Diese Entdeckung führte 1987 zur Gründung des Globalen Aids-Programms der WHO (WHO/GPA) und 1995 zur Gründung von Unaids, die sich einerseits als anwaltschaftliche Bewegung versteht, andererseits für Schätzungen und Prognosen zuständig ist. Aids war wahrscheinlich von Affen auf den Menschen übergegangen und existierte möglicherweise schon seit längerem im subsaharischen Afrika, verbreitete sich in den sechziger Jahren dann zuerst auf dem Kontinent und gelangte in den Siebzigern in die Karibik, nach Nordamerika und Europa. In den ersten Jahren nach der Entdeckung von Aids gingen die rhetorischen Wogen hoch. In den USA liess der fundamentalistische TV-Evangelist Jerry Falwell verlauten, Aids sei der Zorn Gottes, der auf die Homosexuellen niedergehe. Ronald Reagans Kommunikationschef Pat Buchanan äusserte, die Seuche sei die Rache der Natur an den Schwulen. Reagan schwieg zur Epidemie und unternahm nichts bis 1987, als bereits über 20000 Amerikaner an Aids gestorben waren. Die Empörung insbesondere unter den Schwulen war gross, und ihre Ansicht verfestigte sich, die breite Öffentlichkeit werde erst aufwachen, wenn sie selbst betroffen sei. Der Tenor der Aidskampagnen, Aids gehe alle an, wurzelt in der (aggressiven) Gleichgültigkeit der ersten Jahre.

Der erste Aids-Fall in der Schweiz wurde 1982 bekannt. 1985 waren bereits hundert Betroffene gemeldet. Inzwischen wusste man, dass Aids eine ansteckende Viruserkrankung mit tödlichem Ausgang war, und vielerorts machte sich Panik breit. 1986 liess der Bundesrat per Post eine Informationsbroschüre an alle Haushalte verschicken, in der erklärt wurde, wie man sich ansteckt und wie nicht. Eine ärztliche Meldepflicht wurde eingeführt und ein obligatorischer Test für alle Blutkonserven – zu spät, es gab bereits Infektionen durch Transfusionen.

Die ersten Präventionsprojekte wurden von Homosexuellen initiiert. Auch die Gründungsmitglieder der Aids-Hilfe Schweiz stammten aus der Schwulenbewegung. Am bekanntesten war ihr erster Präsident, der Basler TV-Moderator André Ratti, der vor laufender Kamera bekannte: «Ich bin homosexuell, und ich habe Aids.»

Sprachkosmetik aus dem Bundesamt

Es kam zum Schulterschluss zwischen der Aids-Hilfe Schweiz und dem Bundesamt für Gesundheit, die seither zusammen die Präventionskampagnen lancieren, wobei sie sich von Anfang an darauf einigten, «weniger von Risikogruppen als von Risikosituationen zu sprechen», «nicht die HIV-Positiven, sondern das Virus zu bekämpfen» und vor allem die Verwendung des Präservativs zu propagieren. Primär geschah das aus Angst davor, Randgruppen zu brandmarken – es gab Stimmen, die die gut sichtbare Tätowierung von HIV-Positiven oder gar deren Quarantäne forderten.

Die ersten «Stop Aids»-Plakate mit dem rosa Präservativ als untergehender Sonne oder Vollmond provozierten heftige Gegenreaktionen. «Wer sucht, den Fingerzeig Gottes durch die Lustseuche Aids zurückzuweisen, führt das Volk in die noch grössere Katastrophe des Untergangs», schrieb der moralisch-kirchliche Verein Pro Veritate 1987 an das Bundesamt für Gesundheit. Der Kanton Wallis weigerte sich, die Plakate aufzuhängen, und die Kirche forderte, man müsse statt für Kondome für Treue und Abstinenz werben. Legendär wurden die «Tagesschau» vom 3.Februar 1987, als Moderator Charles Clerc ein Kondom über den Mittelfinger rollte, der 1996er Slogan «Ohne Dings kein Bums» und Polo Hofers «Im Minimum en Gummi drum». Auf dem Höhepunkt der Epidemie in den Neunzigern standen der Aids-Hilfe jährlich 16 Millionen zur Verfügung, 2003 waren es noch 9,5 Millionen, für die letzte Kampagne gab es noch 3 Millionen Franken.

Obwohl die Aids-Hilfe Schweiz immer erklärte, nicht Panik schüren zu wollen, stand das Sexualleben der achtziger und neunziger Jahre im Schatten der tödlichen Krankheit, Angst war zum treuen Begleiter jedes Abenteuers geworden. Wer praktizierte konsequent «safer sex»? Sex hat nun einmal mit Kontrollverlust und «Kopf abstellen» zu tun, auch wenn die Kampagnen den Gebrauch des Präservativs als Bagatelle hinstellten. Und dann musste man nach jedem Fehltritt drei Monate warten, bis man den Test machen konnte – drei Monate, die zur Hölle werden konnten! Es gab prominente Aids-Opfer: Rock Hudson, Freddie Mercury, Robert Mapplethorpe, Bruce Chatwin, Hubert Fichte. Die katholische Kirche stellte sich während all dieser Zeit gegen den Gebrauch von Kondomen, was angesichts der astronomischen HIV-Zahlen in Afrika Kopfschütteln erregte. Allerdings hätte das Präservativ wohl auch mit dem Segen der Kirche Mühe gehabt, in Afrika beliebt zu werden. «Man duscht schliesslich auch nicht im Regenmantel», sagte mir einmal jemand in der Elfenbeinküste, und ein anderer: «Man isst die Banane auch nicht mit der Schale.»

Eine Art Höflichkeitskodex

Südlich der Sahara wird Aids oft als Versuch interpretiert, die schwarze Bevölkerung auszurotten; der Ursprung des Virus wird in CIA-Labors vermutet. Die These, das Virus stamme ursprünglich aus Afrika, wird als Schuldzuweisung aufgefasst; oft wird die Existenz der Krankheit an sich geleugnet und als rassistischer Winkelzug hingestellt, um die Schwarzen als sexgierig und krank zu verleumden. In Westafrika wird die französische Abkürzung SIDA bis heute oft scherzhaft gedeutet als «syndrome imaginaire pour décourager les amoureux» («imaginäres Syndrom, um die Verliebten zu entmutigen»).

Inzwischen ist Aids dank moderner Medikamente von einer tödlichen zu einer chronischen Krankheit geworden, mit der man noch Jahrzehnte leben kann. Dadurch hat sie ihren Schrecken in der homosexuellen Szene etwas verloren; seit einigen Jahren steigen die Infektionen unter Schwulen in vielen Ländern wieder an.

Schaut man sich heute, nachdem in Europa die grosse Aufregung vorbei ist, die neuen Plakate der Aids-Hilfe an, wird ihr ideologischer Charakter deutlicher als früher. Da ist etwa die biedere Familie mit Tochter und Geburtstagstorte. «Check your lovelife», werden wir aufgefordert, und im Hintergrund sehen wir eine Reihe sexy Frauen, die Ex-Freundinnen des Ehemanns verkörpern, aber eher wie Prostituierte aussehen. Soll damit die Frau aufgefordert werden, ihrem Mann zu misstrauen, weil schliesslich jeder ins Bordell geht, wie uns seit Jahren weisgemacht wird? Soll die Familie als Trutzburg der Heuchelei entlarvt und verlacht werden? Oder soll der bünzlig wirkende Gemahl, mit Schnauz und Brille, sich Jahre danach tatsächlich nach dem HIV-Status seiner früheren Partnerinnen erkundigen? Das ist ein Blödsinn, der in keinem Verhältnis zu realen Gefahren steht. (Im ersten Halbjahr 2007 gingen die neugemeldeten Infektionen auf 333 zurück, wobei der Anteil der Schwulen mit 43 % zunehmend war.) Muss man so weit gehen und die Aids-Hilfe Schweiz primär als Schwulenlobby betrachten, die mit ihrer Entdifferenzierung der Risiken kompensatorisch von der eigenen Verdächtigung ablenkt?

Es ist zu einer Art Höflichkeitskodex geworden, dass man nicht darauf hinweisen darf, dass Aids in Europa abgesehen von den Fixern primär eine Krankheit der Homosexuellen war und ist und dass diese Tatsache mit einem höheren Ansteckungsrisiko beim Analverkehr und mit einer höheren Promiskuität zu tun hat. Schon früh wurde von der Aids-Hilfe Schweiz die Sprachregelung eingeführt, dass alle gleichermassen vom Ansteckungsrisiko betroffen seien – ein egalitäres, demokratisches Aids.

Noch Ende 2006 zeigte das Schweizer Plakat zum Welt-Aids-Tag eine Grossfamilie mitsamt Grosi und kleinem Knaben, darüber: «Aids. Unsichtbar. Unter uns.» Auch wurde nicht von Risiko-, sondern von vulnerablen Gruppen gesprochen, um ihren Opferstatus zu betonen. «Ich finde es total daneben, wegen des riskanten Sexualverhaltens einiger Homosexueller ein solches Geschrei zu machen», liess Roger Staub, seit 2002 Leiter der Sektion Aids im BAG, kürzlich in einem Interview verlauten. «Da kommt wieder die alte Schwulenfeindlichkeit zum Vorschein.»

Staub ist ein gutes Beispiel, wie ein Aktivist zum «Fachmann» geadelt wurde. Staub, Jahrgang 1957, war Sekundarlehrer, als er 1985 die Aids-Hilfe Schweiz mitbegründete. Ab 1986 war er im Auftrag des BAG Leiter der «Stop-Aids»-Kampagne, 1989 bis 1995 Delegierter für Aids-Fragen des Kantons Zürich. Seine Arbeit ist eher interessen- als erkenntnisgeleitet. Wie er der Weltwoche bezüglich der kritischen Äusserungen von Chin erklärte, im Pluralis Maiestatis: «Die Epidemiologen kommen und gehen, wir bleiben.» Dieses offizielle Aids, wie es von pressure groups definiert wurde, war und ist primär ein Mythos, der von einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit durchgesetzt wurde.

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