Im Dreigestirn der filmenden Psychoanalytiker europäischer Kultur, Fellini, Buñuel, Bergman, war Ingmar Bergman der Puritaner aus dem hohen Norden, der sich das Trauma des protestantischen Pfarrhauses vom Hals drehte. Anders als seine Vettern aus dem Süden, die eher von ausschweifenden Höllenclowns gejagt wurden, war er der Seelenwühler, der um Zentralpunkte des Nervensystems kreiste: um das Schutzbedürfnis im Glauben und in der Liebe, um die Angst vor der Schutzlosigkeit. Seine ausgeprägte Feinfühligkeit für weibliche Reaktionen und Deformationen führte so weit, dass die Männer nur noch als gutmütige Schatten verwegen am Rande verweilten.
Bergman liebte die Verschlüsselungen und trieb sie in seinem spektakulärsten Film, «Das Schweigen» von 1963, auf Höhen, die das Publikum ratlos liessen, das in Scharen wegen einer Lesben- und Selbstbefriedigungsszene ins Kino geströmt war. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden, die das Prädikat «Besonders wertvoll» erteilte, war von den Andeutungen angetan: «Der Betrachter wird umstellt mit lauter symbolischen Gegenständen, die nun freilich nicht in der gewohnten Art symbolisch wirken, sondern in ihrem optischen Zusammenhang eine Welt imaginieren, die sich in der alltäglichen Realität nicht vorfindet.»
Erst in den späteren Filmen und besonders in seinen fast revolutionären «Szenen einer Ehe» (1973), die eine Welle intimer Erfahrungsfilme auslösten, fand Bergman immer mehr zum Klartext. Allgemeingültig und dicht an der Jedermanns-Realität war er, wie er da den fundamentalen Wechsel in der Geschlechterbeziehung am Beispiel eines Wohlstands-Ehepaars dokumentierte: Die Harmonie zwischen ihm, Professor, und ihr, Scheidungsanwältin, zerbricht, als er mit einer Jüngeren daherkommt. Der Bodensatz des Unterbewussten quillt nun auf: verdrängte Wünsche, schlechtes Gewissen, der ewige Familienkäse, sexuelle Enttäuschungen. Alles, was in früheren Filmen verklausuliert war.
In Uppsala geboren, wurde Bergman streng religiös erzogen und verliess mit 19 das Elternhaus, um Literatur zu studieren. Doch Theater und Film zogen ihn magisch an. Er wurde bald Regieassistent an der Stockholmer Oper und schrieb 1944 sein erstes Drehbuch («Folter»). 1949 drehte er seinen ersten Film («An die Freude»). Dass Bergman nicht nur aufs Seeleninferno fixiert war, sondern auch mit Witz Beziehungen schildern konnte, zeigen die frühen Komödien, in denen letztlich die Frau als Siegerin aus dem ewigen Clinch mit der Liebe hervorgeht. Ihr traut er mehr Vitalität zu, weshalb einige seiner Schauspielerinnen sehr populär wurden. Ulla Jacobsson, die herbe Ingrid Thulin, Liv Ullmann, die in Bergmans späten Frauenporträts zu radikalen Selbstentblössungen fähig war.
Bergman, der von 1963 bis 1966 Leiter des Königlichen Dramatischen Theaters war, später einige Jahre in München lebte, inszenierte immer wieder an Theater- und Opernhäusern und stellte seine Liebe zur Bühne 1974 mit dem Opernfilm «Die Zauberflöte» unter Beweis. Es ist die bis heute unübertroffene filmische Umsetzung einer Oper, voll Witz und märchenhaftem Charme, die verrät, was der Seelenanalytiker aus dem hohen Norden über alle seine chronischen Krankheitsbilder einer halbaufgeklärten Gesellschaft hinweg liebte: den Gauklerberuf.
Hollywood war der Filmkünstler nicht ganz geheuer, auch wenn er für «Die Jungfrauenquelle» einen Oscar erhielt. Einer seiner grössten Verehrer ist ausgerechnet ein amerikanischer Komiker: der ewige Bajazzo Woody Allen. In fast allen seiner ernsten Filme, zum Beispiel in «Innenleben», erwies Allen Bergman seine Reverenz – nicht immer zur Freude des Publikums und der Kritiker. 1997 wurde Bergman in Cannes schliesslich zum «grössten Filmregisseur aller Zeiten» gewählt. Ein Imperativ war ihm besonders wichtig: «Sei immer unterhaltend. Das heisst, dass das Publikum, das meine Vorführungen besucht und mir dadurch meinen Lebensunterhalt bezahlt, das Recht hat, etwas zu erleben, ergriffen zu werden und Vitalität zu empfinden. Dies ist meine einzige Existenzberechtigung.»
89-jährig ist der letzte grosse europäische Filmkünstler auf der Insel Fårö gestorben.
01.08.2007, Ausgabe 31/07
Nachruf
Ingmar Bergman (1918–2007)
Der Regisseur Ingmar Bergman (1918–2007) liebte die Verschlüsselungen und trieb sie in seinem spektakulärsten Film («Das Schweigen») auf Höhen, die das Pubikum ratlos liessen.

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