Eine «neue Geschichte» hat der an der Yale-Universität lehrende renommierte Historiker John Gaddis seine letzte Darstellung des Kalten Krieges genannt. Ihm hat er zuvor bereits mehr als ein halbes Dutzend Bücher gewidmet, so dass er gewissermassen zum angesehenen Hofhistoriografen dieses grossen Systemduells aufgestiegen war.
Gaddis setzt diesmal aber früher als sonst ein: mit der russischen Revolution, nicht mit der üblichen Zäsur von 1945 oder 1947, ehe er dann bis 1991 führt, bis zum Verfall der Sowjetunion. Wer sich so lange mit einem Thema beschäftigt hat, kann in der Regel kenntnisreich darüber berichten. Das tut Gaddis auch in souveräner Manier wie schon so oft zuvor.
Er beginnt, das ist eine folgenreiche Vorentscheidung, mit der Gründung und dem Aufstieg der Sowjetunion von 1917 bis 1950, geht also von einer dreissigjährigen Latenzphase aus, nachdem mit dem bolschewistischen Imperium der grosse Unruhestifter in das 20. Jahrhundert eingetreten war. Die meisten Historiker würden den Beginn des Kalten Krieges auf 1945 oder 1947 datieren, als der Konflikt der beiden Supermächte klar zutage trat, der seither die Weltgeschichte vier Jahrzehnte lang beherrschte.
Der Verfasser schildert präzis die Spannungszunahme mit der deutschen Teilung, der Truman-Doktrin, der Gründung der Nato 1949, schliesslich mit dem Übergang zum «heissen» Koreakrieg seit 1950, dem atomaren Patt und der Zähmung der Kuba-Krise. Es folgen der Vietnamkrieg, die Entspannungspolitik der siebziger Jahre mit ihrem Höhepunkt in den Helsinki-Beschlüssen und am Ende die osteuropäische Revolutionswelle seit 1989 bis hin zur Erosion der Sowjetunion.
Dieser Zerfall eines der beiden grossen Kontrahenten besiegelte das Ende jenes Konflikts, der aufs Ganze gesehen, da der offene Zusammenstoss der Weltmächte vermieden werden konnte, den Namen eines Kalten Krieges verdient.
Gaddis kommt zu einem bemerkenswert positiven Urteil über Reagans Aussenpolitik, welche die Sowjetunion ökonomisch in die Enge getrieben habe, dann aber doch zu Kompromissen bereit gewesen sei. Aber er fragt nicht nach den Ursachen des Zerfalls der kommunistischen Weltmacht. Sie lagen letztlich in der Lernunfähigkeit eines Systems, das sich im Besitz eines die historische und politische Wahrheit speichernden Ideensystems wähnte, deshalb aber nicht mehr pragmatisch, geschweige denn innovativ auf veränderte Weltlagen reagieren konnte – bis Gorbatschow das als neue Schlüsselfigur auf überraschende, ganz und gar unerwartete Weise tat.
Klassisch amerikanische Perspektive
Gaddis kennt die Probleme seines Themas, er präsentiert auch anregende Urteile. Aber insgesamt ist seine Interpretation des grossen Duells der klassischen amerikanischen Perspektive verpflichtet, dass von der Sowjetunion die ausschlaggebende, gefährliche Dynamik in der Weltpolitik ausgegangen sei, die Amerika überall einzudämmen versuchte. Es wäre töricht, nach dem Untergang der bolschewistischen Diktatur die Expansionsbereitschaft ihrer Politik und ihres Weltbildes zu unterschätzen. Aber ist der Kalte Krieg im engeren Sinne, also die bipolare Welt von 1945 bis 1991, nicht doch durch den Zusammenstoss von zwei expansiven Bewegungen gekennzeichnet gewesen? Lief nicht parallel zur sowjetischen Ausdehnung der amerikanische Vorstoss auf den Weltmarkt, nach zwei gewonnenen Weltkriegen getragen von dem Siegesbewusstsein, dass die «offene Tür» einer globalen Freihandelspolitik dem riesigen amerikanischen Potenzial die Vorherrschaft auf allen Märkten und den politischen Umbau letztlich aller Länder im Sinn des American Way of Life verschaffen werde? Fraglos verlief dieser Vorstoss ungleich friedlicher und zivilisierter als die kommunistische Ausbreitung. Aber aus ihrer Perspektive konnte die amerikanische Weltpolitik als zielbewusster Vormarsch eines übermächtigen Gegners gedeutet werden.
Der diesen Zusammenprall betonenden revisionistischen Schule in der amerikanischen Geschichtswissenschaft, zu der einige der besten Köpfe unter den Historikern der amerikanischen Aussenpolitik gehören (z.B. Lloyd Gardner, Walter LaFeber, Thomas McCormick), widmet Gaddis kein Wort, obwohl diese Kritiker es verdient hätten, ernst genommen zu werden. Überhaupt zeigt Gaddis für herausfordernde Interpretationsfragen, die im Diskurs der Fachleute noch keineswegs entschieden sind, keinerlei Interesse. Deshalb kommen auch die eigentlich spannenden Fragen nach der Natur des Kalten Krieges nicht zur Geltung.
Glücklicherweise lässt sich Gaddis jetzt schnell korrigieren. Mit der gelungenen Synthese des Potsdamer Zeithistorikers Bernd Stöver, «Der Kalte Krieg 1947–1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters» (C.H. Beck), liegt seit dem Frühjahr eine komplexe Analyse und genauso zugreifende wie umfassende Interpretation dieser welthistorischen Systemkonkurrenz vor.
John L. Gaddis: Der kalte Krieg. Eine neue Geschichte.
Originaltitel: The Cold War. A New History. Siedler.384 S., Fr. 43.90
01.08.2007, Ausgabe 31/07
Sachbuch
Duell der Systeme
Das neue Buch von John Gaddis verteilt die Rollen im Kalten Krieg zu einseitig: Aggressoren gleich Sowjets, Eindämmer gleich Amerikaner.
Kommentare