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01.08.2007, Ausgabe 31/07

Gesundheitspolitik

Die Feinde des Lebens

Seit Jahren verteufeln die Beamten die schönen Seiten des Lebens. Sie verdammen das Rauchen, den Alkohol, die Fette, die Rösti und die Zimtsterne. Schritt für Schritt führt das Bundesamt für Gesundheit die Schweiz zurück in die finsteren Zeiten der Prohibition.

Von Urs Paul Engeler

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«Lebensfreude» ist ein Wert, der dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) fast gänzlich fremd ist. Siebenmal taucht das Wort, das auch Wohlbefinden durch Genuss beschreibt, im umfangreichen Schrifttum der hyperaktiven Verwaltungseinheit auf: viermal eher zufällig, zweimal in Verbindung mit der ebenso teuren wie wirkungslosen amtlichen «Ernährungsbewegung Suisse Balance» – und einmal genau so, wie die über vierhundert BAG-Beamten den Begriff sehen: als grosse Gefahr für die Menschheit. Werbung, die Alkoholika unter den Aspekten der Lebenslust anpreise, so ein Antrag des Amtes zur Revision der Alkoholgesetzgebung, müsse darum ausdrücklich verboten werden. So kam es auch. «Unsachliche» Slogans wie «Lebensfreude mit dem Likör Y» und auch «entsprechende Hintergrund-Illustrationen» werden seither strikte «unterbunden».

Alkohol, so die Botschaft der unfrohen Asketen in Bern, hat nichts mit Genuss, Geselligkeit, Gelöstheit oder anderen Annehmlichkeiten zu tun, sondern nur mit Laster, Elend, Leid und Leberschäden. Am liebsten würden die Gesundheitsfanatiker nicht nur jede Werbung für Bier, Wein und gebrannte Wasser verbieten und deren Konsum verteuern, sondern jede Einnahme der kleinen Freudenspender unter Strafe stellen. Das Amt mit dem 2,5-Milliarden-Budget rollt die neueste Kampagne zur Schaffung eines schlechten Gewissens an.

Dabei nimmt der Alkoholkonsum in der Schweiz keineswegs zu, wie die «Gesundheitsbefragungen» der unverdächtigen Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) ergeben haben, im Gegenteil. Gaben 1992 20 Prozent der Schweizer an, täglich Alkohol zu sich zu nehmen, waren es zehn Jahre später nur noch 15 Prozent. Vor allem die 15- bis 55-Jährigen sprechen diesen Getränken markant weniger häufig zu als in den neunziger Jahren; nur bei den Senioren blieb der Verzehr ungefähr stabil. Die Entwicklung spiegelt sich exakt in der wachsenden Zahl der Abstinenten. 1992 erklärten 15 Prozent, «nie» Alkohol zu trinken, 2002 waren schon 22 Prozent enthaltsam. Entsprechend kontinuierlich sinkt, wie die Statistiker des Bundes nachweisen, Jahr für Jahr die Menge, die getrunken wird. 2006 verwerteten die Bewohner der Schweiz pro Kopf 38,3 Liter Wein, 56,8 Liter Bier, 1,8 Liter Obstwein und 2,9 Liter Schnaps. Das sind umgerechnet 8,6 Liter reinen Alkohols oder – was wichtiger ist – die tiefsten Werte, seit die Gesundheitsapostel ihre Zählungen anfertigen.

Die Fachstelle SFA gibt mit Bezug auf allerneuste Umfragen offiziell sogar eine überraschende Teilentwarnung: Gegenüber 2002 sei im letzten Jahr «der Anteil der Jugendlichen, die wöchentlich Alkohol konsumieren, wieder zurückgegangen». Auch die Zahl «der Jugendlichen, die sich mehrmals betrunken hatten, hat gegenüber der Befragung 2002 abgenommen», schreibt die SFA. Alle verfügbaren Daten belegen, dass der Umgang mit Alkohol immer bewusster und immer selbstverantwortlicher erfolgt.

Den Bürokraten geht es nicht um die Wirklichkeit, sondern ums Prinzip, um den Zwang zur Lebens- und Ernährungsform, die sie, die staatlichen Menschenverbesserer, als richtig definieren. Statt exakter Daten erzählen sie die Episoden einzelner Exzesse und bauschen die «Kampftrinkerei», die statistisch nirgends erfasst ist, zum nationalen Problem auf. Darum soll ab neun abends bis um sieben in der Früh im ganzen Land kein Mensch mehr einen Tropfen Alkohol kaufen können. Darum soll die Stange Bier fiskalisch auf elf Franken oder mehr verteuert werden. Darum soll eine neue Weinsteuer eingeführt werden. Darum soll in allen Fussball- und Eishockeystadien (und in deren Umfeld) der Ausschank von Bier und Wein generell untersagt werden. Und darum soll mit rund dreissig anderen Eingriffen des «Nationalen Programms Alkohol 2007–2011» der Alkoholkonsum unterbunden werden. Der gesammelte behördliche Unsinn wird den düsteren und als überwunden geglaubten Zeiten der Prohibition, die nur den Schmuggel, die Korruption, den Schwarzmarkt und die Mafia zur Hochblüte gebracht hat, eine ungeahnte Renaissance verschaffen. Der nächtliche Verkauf von Bier, Schnaps und Wein dürfte eine willkommene Diversifizierung der Geschäfte der Drogenhändler oder zur Erwerbsnische agiler Privater werden.

Die neue Front gegen die Genuss-Gesellschaft wurde eröffnet, bevor der jahrelange Feldzug gegen das Rauchen ganz abgeschlossen ist. Zwar erlassen Kantone und Private auf Druck des BAG im Monats- oder gar Wochenrhythmus immer schärfere Vorschriften gegen die verbliebenen Raucher von Zigaretten und Zigarren, doch eine Form des Tabakgenusses haben die Beamten noch nicht ganz im Griff: die Aufnahme von Nikotin durch Wasserpfeifen, die bei Jugendlichen populärer gewordene «Shisha». Demnächst dürfte, im Verein mit der Spartanerlobby der SFA, der Kampf gegen das Nikotin auch auf diese Spielart ausgeweitet werden, vermuten die Behörden doch, dass durch diese Pfeife nicht nur mehr Nikotin aufgenommen wird, sondern auch zu viel Kohlenmonoxyd (Folgen: Sauerstoffmangel, Kreislaufkollapse) und Schwermetalle. Überdies drohe von der kleinen Freude des Schmauchens im Kollegenkreis die «Gefahr, dass Krankheiten wie Herpes, Hepatitis oder Tuberkulose übertragen werden».

Vorerst wurden in der Tabakverordnung die «Zusatzstoffmengen» für Wasserpfeifentabak geregelt. Das Verbot des Wasserpfeifenrauchens in Anwesenheit Dritter kommt später so sicher, wie der Ausschluss der Raucher aus der Gesellschaft schweizerische Realität geworden ist. Die Argumente zu deren Vertreibung aus dem öffentlichen Raum halten zwar vor den Realitäten nicht stand. Eine grosse Studie des «Surgeon General», der obersten ärztlichen Behörde der USA, kam 2006 beispielsweise zum Schluss, dass zwischen Passivrauchen und Hirnschlag kein Zusammenhang bestehe. Die BAG-Broschüre «Rauchen schadet...» behauptet ungerührt zum gleichen Thema: «Das Risiko eines Hirnschlags ist um 80% höher als bei nicht Exponierten.» Und im Geleitwort des BAG-Direktors Dr. med. et lic. iur. Thomas Björn Zeltner heisst es dann sogar: «Das Risiko eines Hirnschlags ist bei Nichtraucherinnen und Nichtrauchern, die dem Passivrauch ausgesetzt sind, doppelt so hoch wie bei nicht Exponierten.» Der Weg von dieser Behauptung und vielen anderen Desinformationen bis zur propagandistischen Hetze ist nicht weit.

Auf Amtspapier verfolgt das von Thomas Zeltner, 59, geführte BAG das Ziel der «Förderung der Gesundheit aller in der Schweiz lebenden Menschen». Real rettet es das lustfeindliche Erziehungsprinzip der schlechten alten Zeit in die Gegenwart, wonach alles ungesund und gar des Teufels sei, was Gaumen, Seele und Hirn ein wenig zu erfreuen vermag. Jedes Bulletin, jede Empfehlung des BAG ist Produktion von Angst.

Rösti- und Pizza-Essen verboten

Die Geschichte des amtlich verkündeten Schreckens vor der Nahrungsaufname ist ebenso lang wie lächerlich. 1987 etwa hiess die Sorge kurzzeitig «Agaritin», das krebserregend und in Zuchtchampignons anzutreffen sei. Als Dauerbrenner etablieren konnten sich das Nitrat im Wasser wie im Salat und das Nitrit im Cervelat. Regelmässig verlassen zudem eindringliche Mahnungen das Amt, die den zu hohen Salzkonsum der Schweizer (8 bis 12 Gramm pro Tag) anprangern. In die künftige «Ernährungspolicy für die Schweiz», kündigen die Ernährungsexperten an, müsse dringend «die Limitierung des Kochsalzkonsums» einbezogen werden, will heissen die rasche Reduktion. Sonst drohten «Blutdruckerhöhungen, kardiovaskuläre Komplikationen, cerebrovaskuläre Insulte, Herzinfarkte».

Momentan wieder etwas aus der Mode gekommen sind die BAG-Alarme vor Benzpyrenen, Furanen und Acrylamid. Die Furane wurden in den USA in erhitzten Lebensmitteln (vor allem in Konserven) aufgespürt und als krebserregend bezeichnet. In einem Communiqué kündigte das BAG 2004 eilig an, alle «auf dem Schweizer Markt erhältlichen Lebensmittel auf ihren Furangehalt zu untersuchen», worauf die Öffentlichkeit, zum Glück, nichts mehr hörte. Benzpyrene (kanzerogen) entstünden beim Grillieren von Fleisch, Acrylamide (kanzerogen und neurotoxisch!) beim Backen, Braten oder Frittieren kohlehydrathaltiger Speisen, schreckte das Amt vor einigen Jahren vor allem die Kartoffelliebhaber auf. Am bedenklichsten sei der Konsum stark gebratener Rösti, von Pommes Chips, Apérogebäck, Pizzen, Kaffee und Knäckebrot, warnte das BAG auf seiner noch «nicht abschliessenden Liste» des Grauens. Woraus der Slogan «Krebsgift auf unsern Tellern» wurde. Kürzlich hat das Europäische Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften die Hysterie beendet: «Es wurden bis heute keine gesundheitlichen Risiken von Acrylamid für den Menschen auch nur wahrscheinlich gemacht, geschweige denn nachgewiesen.» Das Bundesamt für Gesundheit hat die Rösti offiziell noch nicht rehabilitiert.

Wohl aus Zeitgründen, denn das halbe Amt rennt den «Transfetten» nach, der neusten Errungenschaft der Psychosespezialisten. Transfette entstehen in der industriellen Verarbeitung von Ölen und, so das BAG-Geheul vom Januar 2007, haben «ungünstige Wirkungen auf die Blutfette», was «das Risiko für arteriosklerotische Erkrankungen» (zu Deutsch: Arterienverkalkung) steigere. Besonders in Pommes frites, Blätter- und anderen Teigen seien die Gefahrenfette in (viel zu) hoher Konzentration nachzuweisen. Doch während die Bundesbeamten des BAG mit der Industrie und anderen Kreisen fieberhaft Vereinbarungen zur Reduktion der Transfette anstreben und ihr rühriges Tun dramatisch genug öffentlich machen, hat die Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Schmid von der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt in Liebefeld BE nicht nur längst Entwarnung gegeben, sondern die Nützlichkeit der tierischen Transfette (Vaccensäuren) belegt. Diese würden im Körper in Linolsäure umgewandelt, und Linolsäure zeige Wirkungen gegen Krebs und Diabetes. Schmid zur Basler Zeitung: «Milch und Fleisch enthalten Transfettsäuren mit anerkannten Qualitäten.»

Auch das Transfett-Syndrom wird bald BAG-Geschichte sein. Ein Spuk wie die imaginären Epi- oder gar Pandemien Sars oder deren Nachfolgeprodukt Vogelgrippe, die nur dank dem vom Bundesamt via Migros und Coop gesteuerten Verkauf unnützer Mund- und Nasenschutzmasken künstlich virulent und in Erinnerung gehalten wird.

Wenn der Winter kommt, wird womöglich die spezielle Weihnachtsgeschichte des letzten Jahres wiederholt. «Mütter!», liess Michael Beer, Abteilungsleiter Lebensmittelsicherheit im BAG, im Jahr 2006 mit viel Echo verkünden, «Mütter, gebt Euren Kindern nur noch vier Zimtsterne pro Tag!» Im sogenannten Chinazimt, der in der Nahrungsmittelindustrie verwendet wird, hatten Beamte «hohe Gehalte von Cumarin» aufgespürt, das Leberschäden verursachen könne. Das BAG wies die Kantone an, Waren mit viel Cumarin aus den Regalen zu entfernen, und riet allen Menschen zur Zurückhaltung beim Verkehr von Zimtgebäck. Beda Stadler, Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern, rechnete unterdessen ruhig nach und publizierte in der Berner Zeitung seinen Befund: Ein erwachsener Mensch könne «jeden Tag dreiunddreissig Kilo Sterne, bei Aldi gekauft, verdrücken» und bleibe dennoch unterhalb aller Grenzwerte.

Risikogruppe Vegetarier

Bald sind es Wildpilze aus Osteuropa, bald Glacen, bald Fischknusperli der Sorte Buttermakrelen, mal Ananaskonserven, mal Müesli, mal Alkopops: Jede Freude, noch so klein, muss ein Todesfaktor sein. Nicht einmal die vegetarische Ernährung können die Bundesbeamten den Veganern und andern Fleischlosen gönnen. Eine «Arbeitsgruppe Vor- und Nachteile einer vegetarischen Ernährung» wurde gegründet, die nach Monaten des Nachdenkens letztes Jahr mit einem besorgten «Expertenbericht der Eidgenössischen Ernährungskommission» vor das gemüseessende Volk getreten ist: «Das Hauptrisiko besteht darin, dass durch den Wegfall von Fleisch und Fisch bestimmte Nährstoffe nicht mehr in genügenden Mengen aufgenommen werden.» Dazu gehörten die Vitamine B12 oder D oder die langkettigen n-3-Fettsäuren. Diese Lebensweise, mahnt der Ausschuss, sei darum «insbesondere für Kinder und andere Risikogruppen wie Schwangere und ältere Leute nicht zu empfehlen».

Sie müssen, rät die Kommission, tierische Fette zu sich nehmen. Nicht ohne gravierende Folgen, denn dann greifen wieder die beängstigenden amtlichen «Fettempfehlungen». Diese Mahnrufe der Eidgenössischen Ernährungskommission gipfeln darin, dass die Aufnahme von gesättigten Fettsäuren, Transfettsäuren oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren reduziert werden muss. Das Cholesterin führe in den vorzeitigen Herztod.

Egal, was auf dem Teller liegt und im Glase ruht, wenn das BAG spricht, isst und trinkt das schlechte Gewissen mit.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 31/07
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