Herr Kempowski, Sie haben ein deutsches Leben hinter sich.
Hinter mir, ja.
Ein deutsches Leben heisst in Ihrem Fall: Krieg, Gefängnis, Aufarbeitung. Was bleibt?
Unendlich viel Reiches und Schönes und Grauenhaftes.
Und woran denken Sie in Ihren letzten Wochen im Besonderen?
An meine wunderbare Kindheit. Mein Vater war Monarchist, und meine Mutter war überzeugte Christin, eine sonderbare Mischung. Mein Vater hatte in seinem Uniformmantel links die christlichen Losungen, die ihm Mutter mitgegeben hatte, und rechts das Klopapier. Freundliche Eltern, ohne Gewalttätigkeiten. So wuchs man auf, nicht im Wohlstand, aber wohlsituiert.
Ein bürgerliches Elternhaus.
So doll war’s auch nicht, damals in Rostock. Mein Vater fuhr mit dem Fahrrad zum Geschäft, 1935. Mein Vater fiel in den letzten Kriegstagen, und wir kamen alle ins Gefängnis. So hatten wir uns den Frieden nicht vorgestellt. Aber man muss bedenken, welche schreckliche Schuld, die Deutschen auf sich geladen haben. Und die muss ja auch irgendjemand tragen. Ich bin Nachkriegsteilnehmer. Ich habe stellvertretend gebüsst. Meine Familie hat nichts Schlimmes getan. Mein Vater hat einigen Juden nach Schweden geholfen. Aber mein Vater war kein Held, meine Mutter auch nicht.
Sind denn Sie ein Held?
Mittlerweile glaube ich es, ja. Immer weitermachen
Und jetzt, wo’s zu Ende geht, beschäftigen Sie sich mit dem Tod?
Och, ich hoffe beim Aufwachen nur, dass ich heute keine Schmerzen habe. Mit dem Ende als solchem habe ich kein Problem. Gut, mich interessiert schon, was passiert, wenn die Klappe eines Tages fällt.
Sie hatten 1991 einen Hirnschlag.
Ja, da habe ich erlebt, was es für ein Glücksgefühl ist, wenn man zur Seite sackt. «Gott sei Dank, jetzt ist alles vorbei», dachte ich damals. So, hoffe ich, wird es jetzt auch sein.
Sie haben einmal versucht, sich das Leben zu nehmen.
Ja, als Häftling in Bautzen, 1950. Mir wäre viel erspart geblieben, wenn es geklappt hätte – aber auch viel entgangen. So ist die Welt. Ich hatte als Dorfschulmeister einen schweren Beruf, andererseits wurde ich Schriftsteller und hatte das Glücksgefühl, mit Büchern durchs Land reisen und das sogenannte Feedback erleben zu dürfen mit meinen Lesern. Dann habe ich nette Kinder, Enkelkinder, erstaunlich fähige Mitarbeiter, und mein Kopf ist klar.
Der Literaturbetrieb hat Sie lange Zeit ignoriert. Darunter haben Sie gelitten. Und jetzt plötzlich, kurz vor Ihrem Ableben, feiert der Betrieb Sie.
Ich versteh das auch nicht. Hätte ein bisschen früher kommen können.
Und schon verklärt man Sie. Die FAZ schreibt: «Wir haben ihn [Kempowski] bitter nötig – als lebenden Vorwurf gewissermassen, der uns unablässig sagt, dass wir uns doch einfach zusammenreissen und unsere Arbeit tun sollen.»
Ja, ja.
Was war eigentlich Ihr Verbrechen? Was haben Sie dem Literaturbetrieb angetan?
Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein.
Warum nicht?
Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt. Ein fröhliches Dahinplappern ist verboten. Selbst Ihnen gegenüber, verehrter Herr Teuwsen, muss ich mich vorsehen. Das ist doch erbärmlich. Ist das in der Schweiz auch so schlimm?
Nicht ganz so, nein. «Fuga furiosa», der zweite Teil Ihres gigantischen Werks «Echolot», behandelt die letzten Kriegsmonate. Das Werk bekam nie die Anerkennung, die es verdiente, weil darin eine Binsenwahrheit steht, die in Deutschland aber immer noch ein Tabu ist: Die Deutschen waren Täter und Opfer.
Darf man immer noch nicht sagen. Ja, am Ende des Krieges habe ich gesehen, wie ein Zug mit KZlern einen Truppen-Transport kreuzte, das ist so schlimm, da kann es einen auch nicht trösten, dass Stalin zehn Millionen Menschen umgebracht und Mao Zedong sechzig Millionen, die Zahl macht’s nicht. Aber man wird es doch aussprechen dürfen, dass einen diese ewige Täterschaft quält. So wie es Walser getan – und eins auf die Mütze bekommen hat. Das deprimiert mich sehr.
Diese deutsche Verkrampftheit hatten Sie nie.
Das ist vielleicht ein bisschen norddeutsch. Ich bin nüchterner und nenne die Dinge beim Namen. Ja, die Deutschen. Ich bin gerne Deutscher. Ich liebe die Sprache, die Landschaft und auch die Mitmenschen, so verbiestert sie auch sind. Jetzt, wo ich sterbe, kriege ich so viele Briefe wie nie, die Leute schicken mir Marmelade, Kaffee, kürzlich kam Schweizer Schokolade. 78 bin ich jetzt.
Wir Schweizer leiden ein bisschen unter unserer ereignislosen Geschichte.
Die Schweiz sollte man lieben. Ich war mal vier Wochen in Locarno Monti. Wunderbar.
Wieso haben Sie andere und vor allem sich selbst nie geschont?
Das ist ein Gefühl für Gerechtigkeit. Und ich bin sehr hartnäckig, fast eigensinnig. Sehen Sie mal, Silvester 1980 hatten wir hier eine kleine Gesellschaft, und ohne dass die Leute was ahnten, hab ich Schlag Mitternacht gesagt: Jetzt gründe ich das autobiografische Tagebucharchiv. Die dachten, ich mach Witze. Aber bis heute vertrauen mir die Menschen ihr Kostbarstes an.
Sie haben hier unterdessen 3,5 Millionen Blatt Papier gesammelt. Sie sind ein Menschensammler. Was macht es mit einem, wenn man in einem Haus voller Lebensgeschichten, voller Schicksale, voller Toter lebt?
Ja, manchmal murmeln sie. Sie erzählen vom Krieg ganz unverstellt.
Wann erfuhren Sie vom Holocaust?
In Bautzen sass ich mit zwei Juden, die die Auschwitznummer auf dem Unterarm trugen, aber sie sprachen nicht darüber. Durch die Literaturmasse, die gleich nach dem Krieg auf den Markt geworfen wurde, erfuhr ich viel. Das kam noch vor Gründung der DDR waggonweise, aber die Arbeiter haben’s nicht gelesen. Jede Familie hatteirgendeinen aus ihrer Mitte verloren, und die wollten nichts hören vom Leid der andern.
Aber warum wollten Sie das wissen?
Mich hat das immer bewegt. Ich bin ein Mensch der Einzelheiten, ich kann mir nichts darunter vorstellen, wenn man sagt, drei oder vier Millionen Menschen seien vergast worden. Aber wenn ich höre, wie ein SS-Mann in Dachau den armen Pastor Schneider gequält hat, Dinge, die längst vergessen sind, die aber zu Buche stehen – dann kann man sich ein Bild machen von den ungeheuerlichen Grausamkeiten. Allein die Idee, ein ganzes Volk auszurotten, der reine Wahnsinn. Und ich selbst sass zu dieser Zeit in der Wohnstube auf dem Teppich und spielte mit kleinen Autos.
Das ist das Unheimliche Ihres Werks, das Nebeneinander von Grauen und Glück im Zweiten Weltkrieg.
Mein Bruder hatte das Glück, von seinen Freunden, die an die Front mussten, die Jazzplatten zu erben. Ich hab den ganzen Tag Jazzmusik gehört, ausländische Sender nicht, aus Angst abgehört zu werden. Wenn ich zur Hitlerjugend hätte gehen müssen, habe ich oft geschwänzt und Musik gehört. Um ein Haar wäre ich deshalb ins Jugend-KZ gekommen. Ein Hitlerjugendführer hat mich von der Liste gestrichen, weil sein Vater mit meinem Vater befreundet war.
Der Holocaust, der Krieg, das hat Sie aber vor allem bewegt, weil Sie selbst Schuld auf sich geladen hatten. Ihr Bruder, der die väterliche Reederei weiter betrieb, hatte Frachtpapiere aus dem Kontor gesammelt, um beweisen zu können, dass die sowjetische Besatzungsmacht grössere Mengen an Demontagegütern aus Deutschland abtransportieren liess, als mit den Westalliierten vereinbart war. Sie sollten diese Dokumente den Amerikanern übergeben. Aufgrund dessen verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal Sie beide wegen angeblicher Spionage zu je 25 Jahren Arbeitslager. Auch Ihre Mutter wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wegen «Nichtanzeige von Agenten ausländischer Geheimdienste».
Ich fand damals rechtens, was ich getan hatte. Die Kommunisten habe ich immer verabscheut. Ins Gesicht haben sie uns gelogen – und wir mussten dazu lachen und ja sagen, bis zum Schluss. Selbst im Westen haben sie gedacht, die DDR, dieses Lügengebilde, wäre das bessere Deutschland, bis heute geht das so. Wider besseres Wissen. Aber ich neige ja dazu, zu sagen: Schwamm drüber – ist so wie die alte Garde von Napoleon. Die sassen danach vor ihrem Häuschen und schnitzten Puppen. Kannst du doch nicht alle totschiessen.
Sind Sie je erlöst worden von Ihrer Schuld gegenüber der Mutter?
In den letzten Tagen lässt es nach, ja. Meine Krankheit hilft dabei. Aber ich hatte lange daran zu tragen. Mein ganzes Leben. 1969 ist sie gestorben, meinen ersten Roman «Im Block» hat sie noch gesehen, aber sie konnte nicht mehr lesen.
Sie haben nochmals mit ihr geredet, als Sie wieder frei waren.
Nach langem Zögern. Oh, habe ich mich gezögert. In Göttingen hat sie mich mal besucht, da sind wir in ein Café, ein neutrales, «Cron und Lanz». «So, Mutter, jetzt erzähl mal.» Ich hatte ein Tonbandgerät dabei. Sie ist Fröbel-Schülerin, eine heitere Erziehung, und ausgerechnet diese Frau, die sicherlich nie etwas Schlimmes getan hat, landet sechs Jahre im Gefängnis – durch meine zwei Buchstaben, nee!
Sie haben damals «Ja» gesagt, als Sie von den Russen gefragt wurden, ob Ihre Familie von Ihren Plänen wusste, den Amerikanern die Schummeleien der Russen zu verraten. Hat Sie Ihnen das verziehen?
Wir sind nicht kitschig, wir sind Norddeutsche. Die Sache ist irgendwie erledigt, sie war irgendwie stolz, dass ich Lehrer wurde, wenn auch lieber Studienrat, wenn’s nach ihr gegangen wäre.
Hätten Sie die Verhaftung Ihrer Mutter wirklich verhindern können?
Die Geschichte ist etwas anders verlaufen, als ich sie dargestellt habe. Im Grunde habe ich keine Schuld, jedoch eine metaphysische. Die Leute vom sowjetischen Nachrichtendienst wussten bereits Bescheid. Man muss die psychische Not als eine Kraftquelle begreifen. Wenn man schafft, das umzudrehen, dann kann man überleben.
Haben Sie auch die Missachtung Ihres Werks durch den Literaturbetrieb als Kraftquelle genutzt?
Ja. Ich wurde nicht mal anerkannt als politischer Häftling. Ich musste als Krimineller rumlaufen und konnte doch Beamter werden, dank einem netten Schulrat. Als ich die zwanzig Jahre rumhatte, weckte ich meine Frau und sagte: So, jetzt ist die Sache verjährt. Ich habe wirklich gelitten unter der Missachtung und unter dem Verschweigen. Es gibt noch heute Zeitungen, in denen ich überhaupt nicht erwähnt werde. Was habe ich an mir? Und dann hintersinnt man sich und sagt: Das ist, weil ich damals ja gesagt habe. Da darfst du dich nicht beklagen. Das «Ja» ist wie eine Turbine. Wenn ich mal einen Preis bekam, fragte ich mich: Und mit was hast du den erkauft? Mit dem Leiden anderer. Und als ich hörte, was die Russen mit meiner Mutter gemacht haben, da muss ich ehrlich sagen, da ging ich in die Knie.
Wie wurde sie denn behandelt?
Schlimm, war doch eine alte Frau.
Sie haben mal gesagt, durch diese Nichtbeachtung habe sich «ein Krebs in meiner Seele eingenistet».
Das stimmt.
Ist dieser Krebs körperlich geworden?
Ja. Ich bin vergiftet worden. Ich habe mal zehn Jahre lang, in meiner besten Zeit, keinen Literaturpreis bekommen, das geht doch eigentlich gar nicht. Was sind denn das für Leute, die so was vergeben? Herr Grass kriegt eine ganze Wohnung im Goethe-Institut, damit er ja kein Geld ausgeben muss. «Zunge zeigen» ist übrigens sein bestes Buch, so schön direkt, ohne Ideologie, aber er hat’s nicht datiert, eine Todsünde. Ich möchte immer wissen, ob’s der 3. oder 4. April war, hab da eine Zahlenmacke.
Fühlen Sie sich Arno Schmidt nahe?
Ja, ich bin nur viel dümmer, als er es je war. Wir haben uns beide gegen die Verherrlichung des Sozialismus gestellt. Er war natürlich gegen die überkandidelte deutsche Intelligenzija, aber er hat immer die Kirche im Dorf gelassen. Seine Armut, dass er immer weitergemacht hat, beeindruckte mich, ich lese seine frühen Sachen und was er an Lektüre empfiehlt. Meine Frau liest gerade Herder, von einem Feature von Schmidt angeregt. Wielands Schriften haben die Deutschen verbrannt und als Fidibus benutzt – ist das ein Volk? Ich muss aber sagen, wenn es heute TV-Journalisten gibt, die vor laufender Kamera Bücher in den Papierkorb werfen, die ihnen nicht gefallen, das verurteile ich auch.
Sie haben die Nichtbeachtung durch den Betrieb umgangen.
Da war ich listig. Wenn man mich nicht haben wollte auf Kongressen, in Talkshows – dann habe ich sie zu mir geholt, die grossen Autoren. Und ich habe immer ein bisschen besser bezahlt, als die normalerweise bei Lesungen verdienen.
Sie haben die Autoren bezahlt, damit sie zu Ihnen kamen?
Natürlich, 1000 Mark, ist mir bitter angekommen. Aber es war schön, an den Literaturseminarien waren bis zu sechzig Leute da, und wenn abends Peter Rühmkorf las, zogen sich die Frauen extra um, wie für die Oper. Und bei Ralph Giordano wusste man, dass er überziehen wird. Ein ordentlicher Mann, übrigens.
Grass und Johnson waren nie da.
Ja, Johnson aus prinzipiellen Gründen – und Grass, weil ich den einfach nie ausstehen konnte wegen seiner politischen Einstellung. Seine SS-Mitgliedschaft zu verschweigen und das Gegenteil zu behaupten, das ist ein starkes Stück. Da muss ich Rolf Hochhuth zustimmen, der nur sagte: «Ekelhaft.»
Grass ist das Gegenteil von Ihnen.
Genau. Und Johnson hatte den Verdacht, dass ich ihn aussteche. Er war missgünstig. Einmal sagte er es auch, dass ich ihn mit meiner «Chronik» überhole. Ich hatte etwas, was er nicht hatte: Ich bin musikalisch. Man kann keine grossen Romane schreiben, ohne sich in der musikalischen Formensprache auszukennen, was ist eine Fuge, was ist eine Invention? Ich höre fast nur noch Bach, weil mir die Zeit für grosse Sachen zu schade ist. Ich kann leider nicht mehr Klavier spielen.
Sie haben geschrieben: «Ohne das ‹Echolot› würde meine «Chronik» noch sinnloser sein.»
Es stimmt schon: Das «Echolot» war nötig. Es gibt Werke in der «Chronik», die ich nicht so schätze, «Uns geht’s ja noch Gold», zum Beispiel. Ich hätte auch lieber über Blumen und Tiere geschrieben, musste aber über diese reptilreiche Zeit schreiben. Und das war nicht angenehm.
Wie kamen Sie aufs «Echolot»?
Das war nach dem Schlaganfall. Ich sah diese Aufgabe, die Notwendigkeit, alles Verlorene zusammenzufassen.
Hatten Sie Momente des Wahnsinns?
Dieses war der Moment des Wahnsinns. Aber in der Folge ist aus diesem ersten Gedanken, so hybrid er auch war, die grosse Collage entstanden. Aber ich bin an sich heiter gestimmt, im Sinne von Nietzsche: Heiterkeit, güldene, komm. Aber jetzt geht mir doch manchmal der Spass aus. Ich weiss nicht genau, wie’s weitergehen soll, da liegt noch so viel. Ich hatte immer ein Vollendungsstreben, wie Johnson, nur dass er sich den Luxus von zehn Jahren geleistet hat. Ich habe immer drei Bücher gleichzeitig in Arbeit, so habe ich nie eine Lücke, eine schreckliche Lücke. 1984, als ich die «Deutsche Chronik» fertighatte, da war so ein Moment, wo ich vollkommen ratlos war.
Nochmals: Ihr Werk hat etwas Manisches.
Ja, Sie. Es gibt in der Psychologie den Begriff des «murmelnden Quells». Neben unserem Wahrnehmen läuft immer mit «der murmelnde Quell» des Unbewussten, mit all den Bildern, Einsichten, Traumata des eigenen Lebens – und ab und an nimmt man einen Schluck davon. Den «murmelnden Quell» habe ich immer aufgeschrieben im Tagebuch, so nebenbei.
Sie haben die Gnade des Humors. Warum muss in der deutschen Literatur alles so schwer sein?
Schwer und ideologisch. Die Deutschen mussten sich so oft verbiegen, christlich, kommunistisch und nazistisch, wer soll sich da den Humor bewahren können?
Glaubt jeder Mensch von sich, er sei gut?
Ja, auch die Nazis. Sie sind ja angetreten aus sozialistischen Gründen, wenn ich das richtig verstanden habe, und sie haben vieles getan in den dreissiger Jahren, das beispielhaft wurde für die SED und die Russen, «Schönheit am Arbeitsplatz» zum Beispiel, also einen obligatorischen Aufenthaltsraum für die Arbeiter, Kraft durch Freude – und Hitler wollte doch jedem Deutschen ein Auto ermöglichen. Nein, eindeutig sind die Absichten der Menschen nie.
Sie sind seit Jahrzehnten verheiratet. Was ist das Geheimnis?
Unabhängigkeit. Virginia Woolf sagte mal, jede Frau brauche ihr eigenes Zimmer, und «A Room of One’s Own» wurde zu Recht ein Riesenbestseller. Das Geheimnis der Ehe ist, dass man dem andern so viel Freiheit gibt wie irgend möglich.
Herr Kempowski, ich muss Sie jetzt mal etwas fragen: Schon während unseres ganzen Gesprächs schlagen Sie Fliegen tot. Machen Sie das gerne?
Mittags eine einzige Fliege, und der Mittagsschlaf wird unmöglich. Die können ja auch anderswo fliegen. Meine Frau ist dagegen, sie sagt, ich solle alle leben lassen.
Möchten Sie noch irgendwohin?
Italien. Es gibt doch eine europäische Bruderschaft, die irgendwie zusammengehört, eben keine Muslime. Jetzt bauen die schon Minarette, ist doch unnötig. Man muss doch die Deutschen zuerst mal fragen.
Wie wollen Sie sterben?
So wie Fontane. Der sagte zu seiner Tochter beim Essen: «Ich geh eben mal nach nebenan.» Als sie nach einer Viertelstunde guckte, liegt er tot auf dem Bett. Wird mir wohl nicht vergönnt sein.
25.07.2007, Ausgabe 30/07
Schriftsteller Walter Kempowski
«Reiches, Schönes, Grauenhaftes»
«Immer weitermachen» lautet Walter Kempowskis Devise, und in der Tat sammelte er mit einer einzigartigen Beharrlichkeit deutsche Lebensgeschichten. Schwer krank, bleibt der grosse Schriftsteller sich treu: Statt sentimental zu werden, blickt er in Nüchternheit zurück.
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