Alpendrama

Tod am Berg

An der Jungfrau stürzten sechs Armeeangehörige ab. Angehörige und Experten erheben Vorwürfe gegen Armee und Bergführer. Eine Chronik.

Von Walter De Gregorio und Alex Baur

Letzte Woche stürzten bei einem Aufstieg auf den Gipfel der Jungfrau (4158 m) sechs Rekruten zu Tode. Die Opfer stammten alle aus der Westschweiz, waren zwischen 19 und 23 Jahre alt und Mitglieder der Gebirgsrekrutenschule Andermatt. Sie hatten 17 Wochen Ausbildung hinter sich. Die Angehörigen der Opfer bemühen sich seither um Antworten. Eine Frage beherrscht die Diskussionen: War die Tragödie vermeidbar?

Donnerstag, 12. Juli. Zwölf Soldaten verlassen unter Leitung von zwei Bergführern die Mönchsjochhütte auf 3657 Metern, wo sie die Nacht verbracht haben. Einen halben Meter Neuschnee hatte es in den Tagen zuvor gegeben, nun aber hellt der Himmel auf, herrliches Bergwetter. Vier bis fünf Stunden dauert in der Regel der Aufstieg über den Rottalsattel und Südostgrad bis zum Gipfel. «Bei dieser Traverse haben sich schon viele Unfälle ereignet», heisst es im Führer des Schweizer Alpen-Clubs. 1956 war eine Neunerseilschaft auf dieser Route in die Tiefe gestürzt. Das «Bergdrama an der Jungfrau» ist die bisher grösste Tragödie, lange aber nicht die einzige. Zwischen 1966 und 1981 verunfallten 25 Personen beim Versuch, die Jungfrau zu erklimmen. Die Opfer der Gebirgsrekrutenschule wird das Militär später sagen, «waren erfahrene Bergsteiger».

Gegen 10 Uhr, die Rekruten befinden sich 150 Meter unter dem Gipfel, rutschen sechs von ihnen – die zwei obersten Dreierseilschaften – weg. 1000 Meter weiter unten wird die Air Glaciers die Leichen bergen. Es sei eine gefährliche Bergung gewesen, sagt Bruno Durrer, Arzt der Rettungsbasis Gsteiwiler, an der Medienkonferenz. «Kaum war die Aktion beendet, ging in diesem Gebiet erneut eine Lawine nieder und verschüttete den Absturzort.» Die beiden Bergführer und die sechs Rekruten, die gerettet werden, erhalten psychologische Betreuung. Sie haben den Tod ihrer Kameraden als Augenzeugen erlebt, können im ersten Moment aber nicht einvernommen werden. Der Schock sitzt tief.

Freitag, 13. Juli. Im Jungfraugebiet habe «erhöhte» Lawinengefahr geherrscht, sagt Thomas Stucki vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Bund. Aufgrund der Bilder vom Unfallort müsse es sich um ein oberflächliches Schneebrett gehandelt haben, das die Rekruten in den Abgrund riss. Stucki steht nicht allein da mit seiner Einschätzung. Am Tag nach dem Unglück gilt die Lawinen-These als die wahrscheinlichste. Und entsprechend richtet sich die Kritik an die Bergführer, die scheinbar fahrlässig gehandelt haben.

Der Armeechef Christophe Keckeis spricht derweil den Familien der Opfer sein Beileid aus und versichert, das Unglück restlos und schnell aufklären zu lassen. Später wird ein Militärcommuniqué sagen, dass «es mindestens drei Monate» dauern wird, bis definitive Untersuchungsergebnisse vorliegen werden. Die Trauerfeier wird auf den kommenden Dienstag festgelegt, in der Kirche St. Peter und Paul in Andermatt. Einer der geladenen Trauergäste: VBS-Chef Samuel Schmid. «Es ist eine unfassbare Tragödie», ist sein erster Kommentar. «Die Untersuchung des Unfalls wird zeigen, ob allein die Natur oder allenfalls menschliche Unzulänglichkeiten Ursache des Todes dieser erfahrenen Alpinisten ist.»

Samstag, 14. Juli. Die Militärführung kommt ins Fadenkreuz der Kritik. Der Blick fragt: «Was suchen Soldaten auf einem Viertausender?» Die Eltern der Opfer melden sich erstmals öffentlich, erheben schwere Vorwürfe gegen die Armeeführung. Die Rekruten sollen sich über die Inkompetenz ihrer Vorgesetzten beschwert haben. Das Bergunglück droht zu einem Militärskandal zu werden. Werden die Gebirgsgrenadiere in der Schweiz zu Berg-Rambos gedrillt? Daniel Reist, Informationschef Heer, sagt auf Anfrage: «Im Hochgebirge gilt die militärische Hierarchie grundsätzlich nicht, der letzte Entscheid bleibt immer bei den Bergführern.»

Le Matin richtet sein Augenmerk weiterhin auf die Bergführer: «Wieso waren sie nicht an der Spitze der Seilschaft?» Es sei eine «unverständliche Entscheidung» gewesen, schreibt Le Temps, sich auf verschiedene Experten berufend. Die Faktenlage hat sich seit dem Unfalltag nicht wesentlich verändert. Noch immer ist unklar, wie es genau zum tödlichen Absturz gekommen ist. Ein Augenzeuge soll gesehen haben, dass die Rekruten erst nach dem Schneebrett in die Tiefe stürzten.

Sonntag, 15. Juli. Der Bergführer Harry Sonderegger sagt gegenüber der NZZ am Sonntag: «Ich wäre bei diesen Schneeverhältnissen nie und nimmer auf die Jungfrau.» Sonderegger, der die Nacht vor dem Unfall in der Mönchsjochhütte verbracht hat, so wie zirka vierzig weitere, unbeteiligte Bergsteiger, behauptet, er habe die Soldaten gewarnt. Einer der anwesenden Gäste, ein Bergführer auch er, habe sogar einen Bruder bei den Soldaten gehabt und ihm strikte untersagt, auf die Jungfrau zu gehen; dieser habe sich deshalb in eine andere Gruppe umteilen lassen, die auf den Mönch stieg. Harry Sonderegger wiederholt seine Aussagen am Abend auch gegenüber der «Tagesschau» von SF. Später wird er sagen, er sei von den Bergführern der Armee vielleicht nicht verstanden worden, da es sich «um Romands» handelte. Hüttenwartin Heidi König hingegen sagt auf Anfrage: «Es wird immer diskutiert und gefachsimpelt unter den Bergsteigern, doch eine besonders heftige Diskussion am Vorabend des Unfalls ist mir nicht aufgefallen.»

Die Sonntagszeitung erwähnt die Tatsache, dass es auf der Route, wo der Unfall geschehen ist, fix installierte Eisenstangen gibt, die man beim Aufstieg zur Sicherung brauchen kann. «Die Bilder der Unfallstelle deuten darauf hin, dass die Rekruten die Stangen nicht benutzt haben», wird der Bergsteiger Armin Oehrli zitiert. Oehrli erstellt Expertisen zu Bergunfällen. Waren die Stangen verschneit? Fühlten sich die jungen Gebirgsgrenadiere zu sicher? Die Leichen der Rekruten werden von der Rechtsmedizin freigegeben, die Angehörigen der Opfer können die Beerdigung organisieren. Derweil lässt die Militärversicherung ausrichten: Für den erlittenen Schmerz wird den Angehörigen eine Genugtuungssumme von 30000 Franken entrichtet. Für die Bestattung gibt es eine Pauschale von 13755 Franken.

Montag, 16. Juli. Drei Eispickel, die im Firn steckengeblieben sind, legen die These nah, dass die Rekruten tatsächlich erst nach dem Schneebrett gestürzt sind. Wer oder was die Lawine ausgelöst habe, wisse man noch nicht, sagt der Sprecher der Militärjustiz Martin Immenhauser, doch die Frage ist inzwischen eine andere. Wenn die jungen Männer erst nach der Lawine gestürzt sind, dann wieso? Ist einer der Rekruten abgerutscht, und hat er seine Kollegen in die Tiefe gezogen? Wieso waren die Rekruten nicht genügend gesichert? Nach wie vor bestehe kein «begründeter Verdacht auf ein Fehlverhalten», sagt Immenhauser, «ausgeschlossen» sei ein solches aber nicht. Das Schweizer Fernsehen wird die Trauerfeier live übertragen.

Dienstag, 17. Juli. «Ich habe von einer Lawine nichts gemerkt», sagt der 20-jährige Alain Perusset, der sich beim Unglück in der dritten Dreierseilschaft befand. Nach dem Trauergottesdienst gibt er eine Pressekonferenz. Man sei auf «gutem Trittschnee» unterwegs gewesen. Sein Vordermann sei auf ihn gefallen. Seine nachfolgenden Kameraden seien ebenfalls gestürzt, nach wenigen Metern aber zum Stillstand geraten. Georg Flepp, Präsident des Schweizer Bergführerverbands, der in den Tagen zuvor die Armeeführung stark kritisiert hatte, sagt nun, er sei «zum Teil falsch zitiert worden» – und zieht seine Anschuldigungen zurück.

Die Frage bleibt auch eine Woche danach: War die Tragödie vermeidbar?

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