USA

Standhafter Bush

Selbst das republikanische Lager wankt: Namhafte Konservative wollen die amerikanischen Truppen im Irak zurückbinden. Bush bleibt unbeeindruckt.

Von Hanspeter Born

Die Geschichte lehrt, dass die Amerikaner, wenn sie angegriffen werden oder sich auch nur provoziert fühlen, kriegslustig werden. Eine aufgebrachte öffentliche Meinung trieb 1898 Präsident McKinley in den Spanisch-Amerikanischen Krieg. 1964 hatte es Präsident Johnson ebenso leicht, vom Senat die Ermächtigung zum Vietnamkrieg zu erhalten, wie Bush 2001 für den Afghanistankrieg und 2002 für den Irakkrieg.

Die Geschichte lehrt aber auch, dass die Kriegsbegeisterung der Amerikaner schwindet, wenn ein Konflikt sich lange ohne klares Ergebnis dahinzieht. Das Volk, das dem Präsidenten zuvor zugejubelt hat, sieht nur noch die eigenen Todesopfer und wendet sich angewidert von seinem Oberkommandierenden ab. Als sich der amerikanische Sezessionskrieg im Sommer 1864 in blutigen Stellungskämpfen erschöpfte, war Abraham Lincoln derart unpopulär, dass er selber seine Wiederwahl für «äusserst unwahrscheinlich» hielt. Als 1952 im Koreakrieg trotz Waffenstillstandsverhandlungen die verlustreichen Kämpfe andauerten, missbilligten 67 Prozent der Amerikaner die Amtsführung Präsident Trumans – ein Rekordtief, das selbst Nixon und (bisher) auch Bush nicht erlitt.

Das amerikanische Engagement im Irak dauert mittlerweile länger als dasjenige in Europa und im Pazifik im Zweiten Weltkrieg und hat zu über 3600 eigenen Toten geführt. In den vergangenen drei Monaten war die Zahl der amerikanischen Verluste höher als zu irgendeiner vergleichbaren Periode seit Kriegsbeginn. Die meisten Amerikaner sehen nicht ein, was ihre Truppen im irakischen Hornissennest verloren haben. Kommentatoren schütteln den Kopf über die Unfähigkeit der irakischen Politiker, sich auf Kompromisse zu einigen, und sind bereit, das Land abzuschreiben, ganz im Sinne des legendären Ausspruchs (des Sachsenkönigs Friedrich August III.): «Macht euern Dreck alleene!» Die Kriegsmüdigkeit hat jetzt auch das traditionell patriotische amerikanische Herzland im Mittleren Westen, Westen und Süden erreicht.

Die Demokraten sind nicht stark genug

Seit Monaten verlangen die Demokraten einen Zeitplan für den Rückzug der amerikanischen Truppen. Bisher fehlte ihnen die Zweidrittelmehrheit, die zu einer Überstimmung des von Bush angekündigten Vetos reichen würde. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung beginnen nun aber auch altgediente republikanische Senatoren, wie die als aussen- und verteidigungspolitische Kapazitäten geltenden Lugar und Warner, zu wanken. Die beiden wollen einen beschränkteren Auftrag für die amerikanischen Truppen: Sie sollen die Grenzen bewachen, die irakischen Streitkräfte ausbilden, die eigenen Stützpunkte beschützen und Terroristen verfolgen.

Der Lugar/Warner-Plan würde dem «Surge», der seit Juni voll laufenden Gegenoffensive, und damit dem Versuch, Bagdad und die angrenzenden Provinzen zu befrieden, ein vorzeitiges Ende bereiten. Die amerikanischen Truppen, die jetzt im Sinne klassischer Counter-Insurgency-Theorie engen Kontakt zur heimischen Bevölkerung pflegen und in ihrer Mitte leben, sollen sich wie zu Rumsfelds Zeiten in eigene Igelstellungen zurückziehen und nicht mehr als Puffer zwischen Schiiten und Sunniten wirken. Um eigene Verluste auf einem Minimum zu halten, würden Lugar/Warner auch ein Blutbad zwischen den irakischen Konfessionsgemeinschaften in Kauf nehmen.

Die nächsten Monate entscheiden

Der Defätismus greift um sich, obschon die Berichte aus dem Irak darauf hindeuten, dass die Strategie unter dem Kommando des fähigen Generals David Petraeus Früchte trägt. Die Sunniten, die mehrheitlich die amerikanische Invasion ablehnten und die bisher die neue Ordnung unter schiitischer Vorherrschaft bekämpft haben, denken um. Sie haben mehr als genug von den Selbstmordattentaten, den Meuchelmorden, den Verschleppungen und dem Meinungsterror, die al-Qaida und andere vornehmlich aus ausländischen Freiwilligen zusammengesetzte dschihadistische Gruppen ausüben. In der Provinz Anbar und anderswo machen jetzt sunnitische Stammesführer, die nach der Invasion mit den Dschihadisten ein Zweckbündnis eingegangen waren, mit den Amerikanern gemeinsame Sache, um die fremden Terroristen zu eliminieren. Gemäss Generalmajor Rick Lynch, der die Truppen im Süden Bagdads befehligt, wird es Frühling, bis die gemachten Gewinne konsolidiert und die Gebiete, aus denen der Feind vertrieben worden ist, durch irakische Truppen gesichert werden können.

Obschon die kriegsmüden Senatoren die Geduld verloren haben und eine Fortsetzung des «Surge» bis in den Frühling verhindern wollen, bleibt Bush standhaft. Für ihn entscheiden die nächsten Monate, «ob unsere Nation durch einen grossen Teil des 21. Jahrhunderts hindurch sicher sein wird. Deshalb habe ich den Entschluss gefasst, nicht abzuziehen, sondern mehr Truppen zu entsenden. Ich werde unsere Truppen und General Petraeus mit seinem Plan unterstützen.» Nachdem Bush seinen Standpunkt einer Gruppe konservativer Journalisten erläutert hatte, sagte er: «Es ist für euch alle wichtig zu verstehen, dass ich ganz genau meine, was ich gesagt habe.»

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