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18.07.2007, Ausgabe 29/07

Belletristik

Präpotente Geschichte

Ian McEwan schreibt vermehrt kurzatmige Thesen-Literatur. Auch im neuen Roman über eine missglückte Hochzeitsnacht.

Von Peer Teuwsen

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Er hatte den Atem, das Thema, die Sprache. Letztere ist ihm geblieben: «Wie verblüffend schien es doch, dass eine selbstproduzierte, aus ihm hervorspritzende, löffelgrosse Menge Flüssigkeit augenblicklich den Kopf frei machte, so dass er sich erfrischt wieder Nelsons entschlossenem Vorgehen in der Bucht von Aboukir zuwenden konnte.» So unnachahmlich beschreibt Ian McEwan in seinem neuen Roman «Am Strand» (im englischen Original «On Chesil Beach») die Gedanken seiner onanierenden männlichen Hauptfigur, eines jungen Historikers. Die Onanie, Sinnbild des Versteckten, Peinlichen, Verknoteten, ist eines der Themen, die den englischen Schriftsteller seit seinen Anfängen beschäftigen.

Der Atem, das Thema aber, sie sind ihm verlorengegangen. Warum soll sich ein Heutiger interessieren für eine missglückte Hochzeitsnacht Anfang der sechziger Jahre, also vor Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll? Ian McEwan macht keine grossen Umwege mehr, so wie früher in seiner Hoch-Zeit, den grossen Romanen «Der Zementgarten» und «Abbitte», wo sich seine Charaktere noch entwickeln durften, wo der Leser noch atmen konnte, nein, er sagt uns gleich selbst, wie wir sein Buch zu lesen haben, und zwar schon im ersten Satz: «Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren.» Und dann, auf Seite 26: «Sie waren schliesslich erwachsen, im Urlaub, sie konnten jeder Lust und Laune frönen. Und in nur wenigen Jahren wäre es genau das, was ganz gewöhnliche junge Leute tun würden, doch Edward und Florence waren Gefangene ihrer Zeit. Selbst unter vier Augen galten tausend unausgesprochene Regeln.» Und das sind nur zwei Beispiele von vielen, in denen der Autor dem Leser die Botschaft aufs Auge drückt. Kein Ort für Assoziationen, Einlassungen, Ausschweifungen, nirgends. Und das ärgert einen bei einem Autor wie diesem, der so kalt und präzise schreibt wie wohl keiner derjenigen Schriftsteller, die noch unter uns weilen.

Er hat Angstlust, sie Angstekel

Natürlich sind auch in diesem Roman McEwans grosse Themen vorhanden, Klassengesellschaft, Ideologien, zerbrechliches Glück, nur, es wirkt alles so fadenscheinig, so schrecklich fokussiert. Edward, der begabte Student vom Lande, hat Florence, die Geigerin aus gutem Haus, geheiratet (darüber könnte man auch mal eine Lizenziatsarbeit schreiben, über die Geigerin in der Literatur, es ist eine Seuche). Und Edward wartet, im Hochzeitszimmer eines englischen Strandhotels, auf den Vollzug der Ehe, hat sich aufgespart auf die sen einen Moment, sie aber will nicht, kann nicht, darf nicht, sie zeigt den ganzen Verhaltenskatalog einer frigiden Frau. Das ist brillant geschrieben, die Angstlust des einen, der Angstekel der anderen, eine Mischung, die zur Explosion führen muss.

Aber McEwan will mehr. Seine Florence soll herhalten für gesellschaftliche Umstände, für die Unfreiheit vor der Zeit des Rock ’n’ Roll, der sexuellen Revolution, der Pille, Florence soll eben eine Gefangene ihrer Zeit sein, und hier versagt der Roman. Warum, bitte, fragt sich der Leser, soll diese Frau mehr sein als appetitlos in sexuellen Dingen (und dafür hat sie ihre biografischen Gründe)? Warum soll diese Frau nicht schon zu Zeiten Königin Viktorias oder Playboy Hefners keine Lust auf einen Mann gehabt haben? Man erinnert sich mit Wehmut an Briony Tallis, die dreizehnjährige Jungschriftstellerin in «Abbitte», die mit ihrer präpotenten Art die Geschichte ins Ungeheuerliche überführt. Das war eine weibliche Figur, die McEwan in der Schwebe halten, die einen überraschen konnte.

Lehrstück, Moral inklusive

Angefangen hatte diese Fadenscheinigkeit, diese Fokussierung auf die Botschaft, mit «Saturday », seinem vorletzten Roman, der den Kampf eines Mannes um sein Glück beschreibt. Hier meinte McEwan, seine Hauptfigur, den Chirurgen Henry Perowne, so glücklich, so selbstzufrieden, so übermenschlich erscheinen lassen zu müssen (um ihn dann vom Thron ins Unglück zu stossen), dass man es eher mit einer Karikatur als mit einem Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hatte. Schon hier hatte man das Gefühl, einer führe ein brechtsches Lehrstück auf, Moral inklusive.

Als die Hochzeitsnacht im Strandhotel geplatzt ist, weil Florence nicht will, kann, darf, lässt Edward sie gehen. Er lebt schliesslich als einsamer, nicht unzufriedener Mann, der aber Florence nie ganz vergessen kann, seine verpasste Gelegenheit des Lebens. Das ist ein schöner Schluss, der leider auch nicht ohne Kalenderspruch auskommt: «So kann sich der Lauf eines Lebens ändern – durch Nichtstun.»

Natürlich hat Ian McEwan auch in seinen grossen Romanen thesenhaft gearbeitet, wollte etwas beweisen, gegen die Zustände anschreiben, immer urliberal – und immer urrealistisch. Das war wohltuend in einer Literaturlandschaft, in der zu oft Locken auf der Glatze gedreht werden und in der man die Geschichte, den Inhalt, mit der Lupe suchen muss, weil sich die Schreibenden im Stilistischen verlieren. Aber musste es gleich Thesen-Literatur sein? Hoffentlich kommt dieser wunderbare Autor wieder zu Atem.


Ian McEwan: Am Strand.
Diogenes. 208 S., Fr. 32.90. Ab 1. August im Handel

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 29/07
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